Ex-Herthaner

Was wir von Sandro Wagner fürs neue Jahr lernen können

2016 ist das Jahr des Ex-Hertha-Stürmers. Seine Geschichte zeigt, dass nichts so bleiben muss, sondern auch viel besser werden kann.

Sandro Wagner hat seit seinem Weggang von Hertha BSC im Sommer 2015 23 Mal in der Bundesliga für Darmstadt und Hoffenheim getroffen

Sandro Wagner hat seit seinem Weggang von Hertha BSC im Sommer 2015 23 Mal in der Bundesliga für Darmstadt und Hoffenheim getroffen

Foto: Uwe Anspach / dpa

„Alter“, schimpfte Sandro Wagner ins Telefon. „Hab ich keinen Bock darauf. Tschüss.“ Ich und mein Handy irritiert.

Ende Juni hatte ich den ehemaligen Stürmer von Hertha BSC angerufen, um mit ihm über die „Generation Malmö“ zu sprechen – die U21-Europameister von 2009 um Mats Hummels, Manuel Neuer und Jerome Boateng, die sich gerade anschickten, in Frankreich die echte EM mit der deutschen Nationalelf zu gewinnen. Wagner war 2009 in Schweden dabei. Er schoss sogar zwei Treffer im Finale gegen England.

Aber darüber reden wollte er nun, sieben Jahre später, nicht mehr. Vielleicht ahnte er, dass er dabei nicht so gut wegkommen würde. Während die alten Kollegen Weltkarrieren machten, hielt Wagner für Darmstadt die Knochen hin. Mission EM-Titel hier, Kampf gegen den persönlichen Abstieg und den des Vereins dort.

Kein deutscher Stürmer traf 2016 öfter

Jenes abgebrochene Telefonat zwischen Sandro Wagner und mir ist ein halbes Jahr her. Aber ich muss in diesen Tagen wieder oft daran denken. Denn plötzlich ist die gefühlte Schlucht zwischen Hummels, Neuer, Boateng auf der einen Seite und Wagner auf der anderen gar nicht mehr so tief. 2016 war nämlich das Jahr des Sandro Wagner: 19 Bundesliga-Tore hat er für Darmstadt und nach dem Wechsel im Sommer für Hoffenheim erzielt. Kein deutscher Stürmer traf in dieser Zeit öfter.

Insgesamt war der 29-Jährige an 24 Toren direkt beteiligt und damit an knapp der Hälfte aller Treffer seiner beiden Vereine in diesem Jahr (49). Wagner ist plötzlich richtig wichtig. Bundestrainer Joachim Löw hat neulich sogar gesagt, er könne sich vorstellen, ihn demnächst zur Nationalelf einzuladen, weil er ein Stürmertyp sei, den Deutschland kaum habe. Es könnte also bald wieder eine deutsche Mannschaft mit Hummels, Neuer, Boateng – und Sandro Wagner geben.

Dass das jemals passieren würde, war vor diesem Jahr so wahrscheinlich wie die Wahl eines Bundespräsidenten mit tätowierten Oberarmen.

Die Fantasie, dass alles ganz anders sein könnte

Bei Hertha haben sie Wagner im Sommer 2015 davongejagt. Und das war noch nicht einmal unverständlich: Wagner hat selbst im Training das Tor nicht getroffen. Von den eigenen Fans wurde er veräppelt. Sie sangen zur Melodie von Michael Holms 70er-Jahre-Schlager „Mendocino“: „Keiner spielt so schön wie Sandro Wagner.“ Fatalismus. Respektlosigkeit auch.

Wagner ertrug das stets, auch das einsamste Training, als er allein auf ein leeres Tor schießen musste, damit er endlich verschwinden würde. Und er sagte immer: Wenn ich erst regelmäßig spiele, treffe ich auch.

Tja. Seit Wagner Hertha verlassen hat, traf er 23 Mal in der Bundesliga. Aber es geht hier nicht darum, den Blau-Weißen vorzuhalten, wie blind sie waren. Wagners Entwicklung konnte niemand voraussehen. Und genau deshalb steht sie für etwas, was dem Fußball unserer Zeit verloren zu gehen droht: die Fantasie, dass alles auch ganz anders sein könnte.

Ein bisschen Wagner steckt auch in Hertha

Die Bayern hauen den forschen, reichen Emporkömmling RB Leipzig 3:0 weg, und meine Freundin, die von Fußball so viel versteht wie Bundespräsident Joachim Gauck von Tätowierungen, sagt zu mir: „Das ist doch langweilig. Immer die Bayern!“ Hatte es bis Mittwochabend noch die Fantasie gegeben, dass diesmal vielleicht nicht die Münchner Meister werden, so zerschlug sie der Leviathan aus Bayern.

Wagners Geschichte berührt uns deshalb, weil sie uns daran erinnert, dass auch wir uns aus den Niederungen unserer Mittelmäßigkeit erheben und den Status Quo infrage stellen können. Wer heute verlacht wird, kann morgen schon der sein, der zuletzt lacht. Und damit wären wir wieder bei Hertha.

Auch die Berliner wurden veräppelt, als sie 2010 und 2012 zweimal hintereinander abstiegen und sich dabei anstellten wie ein Stürmer, der das leere Tor nicht trifft. Wäre es nicht so schmerzhaft gewesen, hätte es vielleicht Schmähgesänge der eigenen Fans gegeben. Damals hat niemand Hertha zugetraut, nur wenige Jahre später zweimal hintereinander als Tabellendritter zu überwintern.

Mit Blick auf das neue Jahr lehrt uns das etwas: Es muss nicht so weitergehen. Es kann auch viel besser werden.