Hertha-Gegner RB Leipzig

Ralf Rangnick - „Tradition bringt Probleme mit sich“

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Peter Müller

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Vor dem Duell mit Hertha spricht RB-Sportdirektor Ralf Rangnick über Titelchancen, Gehaltsgrenzen und zeitgemäße Klubstrukturen.

Leipzig.  Wer bei RB Leipzig Fußball spielt, dem fehlt es an nichts. Das neue Trainingszentrum des vom Getränke-Unternehmen Red Bull gegründeten Bundesliga-Aufsteigers ist eine hochmoderne Klubzentrale, in der jeder Spieler ein eigenes Zimmer hat. Der Sportdirektor allerdings beschränkt sich auf ein eher kleines Büro. Dort spricht Ralf Rangnick (58) über den sensationellen Weg des jungen Teams an die Bundesligaspitze. Nur über das Topspiel am Mittwoch beim FC Bayern will er noch nicht reden. Nach der ersten Saison-Niederlage, dem 0:1 in Ingolstadt, sollen sich die Spieler ausschließlich auf das Heimspiel gegen Hertha BSC an diesem Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) konzentrieren.

Herr Rangnick, wie geht es Ihnen?

Ralf Rangnick: Mir geht es sehr gut – privat, gesundheitlich und beruflich.

Sie mussten 2011 als Schalke-Trainer wegen eines Erschöpfungssyndroms zurücktreten. Jetzt steuern Sie wieder einen Rennwagen, der immer schneller fährt ...

Damals hatte ich gerade fünf Jahre in Hoffenheim hinter mir, wo ich Trainer war und auch die meisten Personalentscheidungen getroffen habe. Zudem war mein Vater monatelang sehr krank. Das alles ging an die Substanz. Ich war immer für andere da, selten für mich selbst – Rudi Assauer hat mich auf Schalke mal Brummkreisel genannt. Heute achte ich mehr auf mich.

Sie gelten als detailverliebt.

Ich finde den Begriff zu negativ belegt. Welcher Topmanager in einem großen Unternehmen überlässt gerne irgendetwas dem Zufall? Wenn wir in ein Trainingslager fahren, kann es mir nicht egal sein, wie hoch das Gras auf dem Platz ist. Auf Schalke sind wir mal zu spät zu einem Heimspiel gekommen, weil der Busfahrer im Teamhotel nicht mitbekommen hatte, dass auf der Autobahn ein Vollstau war. Wenn über mich gesagt wird, dass ich am liebsten auch noch den Bus selbst fahren würde, sage ich: Dann wären wir damals garantiert pünktlich gewesen. Aber: Ich habe bei RB gelernt, zu delegieren.

Sie waren leidenschaftlicher Trainer, bis zum Aufstieg auch in Leipzig. Wie viele Freiheiten lässt der Sportdirektor Rangnick nun dem Trainer Ralph Hasenhüttl?

Alle Freiheiten, die ein Trainer braucht. Das Einzige, was vorgegeben war, ist die Art, wie wir Fußball spielen. Aber das passte bei ihm, deshalb wollten wir ihn ja unbedingt holen.

Können Sie es genießen, dass Ihre Arbeit in Leipzig so schnell so große Früchte trägt?

Das ist so eine Sache. Ein Beispiel: Nach dem 2:1 gegen Schalke wollten wir den Sieg auf dem Rasen mal zehn Minuten genießen – aber um uns herum lief längst die Schwalbendiskussion um Timo Werner.

Sie haben zwei Tage lang behauptet, es sei keine Schwalbe gewesen. Ein demonstratives Zeichen, um Ihren Spieler zu schützen?

Das war nullkommanull Berechnung. Ich stand unter dem Eindruck eines Gesprächs, das ich mit Timo nach dem Spiel geführt habe. Der Junge war völlig bedröppelt. Er hat mir versichert, dass er niemals vorhatte, sich etwas zu erschleichen. Deshalb habe ich mich schützend vor ihn gestellt.

Zum Saisonstart haben Sie gesagt: Sensationsaufsteiger wie Hoffenheim als Herbstmeister 2008 und Kaiserslautern als Meister 1998 seien kaum noch vorstellbar. Nun passiert etwas Ähnliches gerade mit RB Leipzig.

Dass wir so viele Punkte haben würden, habe selbst ich nicht erwartet, und ich bin in unserem Verein einer der größten Optimisten und Visionäre. Die Situation zeigt aber, wie viel Qualität und Mentalität in unserer Mannschaft stecken. Es war schon kurz nach dem Ende der Transferperiode spürbar, dass die Neuen das Trainingsniveau deutlich angehoben haben. Wenn du auf einer Uni von vielen Hochbegabten umgeben bist, macht dich das noch ein Stück besser.

In England ist Leicester 2016 völlig überraschend Meister geworden. Kann Leipzig das deutsche Leicester werden?

Theoretisch kann das natürlich passieren. Es ist nicht völlig unmöglich, aber auch nicht sehr wahrscheinlich. Im Normalfall werden die Bayern Meister. Sie sind Lichtjahre von uns entfernt. Aber wir stehen auch nicht zu Unrecht da, wo wir im Moment stehen.

Sie holen Spieler mit Perspektive, die nicht älter als 23 sind, und Sie haben eine Gehaltsobergrenze von drei Millionen Euro pro Jahr festgelegt. Wie schwer ist es, Spieler zu finden, die passen?

Dadurch, dass wir jetzt in der Bundesliga spielen, ist es sogar leichter geworden. Das Thema Geld war für unsere Neuen nachrangig. Und wenn wir nach dem Aufstieg einem Neuzugang doppelt so viel wie unseren Bestverdienern gezahlt hätten, hätten wir den Teamspirit gefährdet. Wir werden nicht umhin kommen, in den nächsten fünf Jahren das Gehaltsniveau anzuheben, aber dann sollten alle davon profitieren können. Unsere Zielgruppe bleiben junge Spieler, die Bock darauf haben, über den Karriereschritt Leipzig besser zu werden. Einen Emil Forsberg hätten damals auch andere Klubs für drei Millionen Euro aus Malmö holen können.

Die jüngste Bundesliga-Mannschaft, ein Aufsteiger, hochattraktiver Fußball: Wäre es nicht das Konstrukt RB Leipzig, würde Ihnen ganz Deutschland zujubeln.

Ich kenne das ja schon aus Hoffenheim. Ich habe aber schon länger das Gefühl, dass immer mehr Menschen unseren Erfolg anerkennen und ihn uns auch gönnen. Wir haben als Verein jedenfalls viele positive Attribute.

Traditionalisten bezeichnen RB Leipzig als seelenlos, weil der Klub von einem Sponsor gegründet und durch sein Geld nach oben gebracht wurde.

Ich war auf Schalke, in Stuttgart, Hannover, Ulm – überall gab es enorm viel Tradition. Ich weiß, wie viele Probleme das mit sich bringt. Ob nun Dortmund und Schalke mehr als 100.000 Mitglieder haben oder wir knapp 800 – die Zahl ist für mich nicht entscheidend. Sondern die Frage: Haben sie Mitspracherecht, und wenn ja, wie viel? Genau das nehmen ja viele Hardcore-Fans für sich in Anspruch, und das halte ich nicht mehr für zeitgemäß. Wichtig ist es, nah bei den Fans zu sein. Unsere Jungs leben hier, kapseln sich nicht ab, auch dadurch entsteht Identifikation. Wir sind ein Verein zum Anfassen.

Andere Klubs nicht?

Auf Schalke gab es im letzten Jahr eine öffentliche Diskussion, ob die Spieler nicht mehr in Düsseldorf wohnen sollten – und das bei einem der größten Traditionsvereine Deutschlands.

Zumindest in Leipzig wird RB zunehmend angenommen.

Wir haben 42 Prozent der 20.000 Dauerkarten außerhalb Sachsens verkauft. Wir werden nicht nur in Leipzig, sondern weit darüber hinaus angenommen und akzeptiert. Man darf nicht vergessen: Uns gibt es erst sieben Jahre, wir sind neu. Und alles was neu ist, ist im Fußball erstmal ein Reizthema.

Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat gesagt, bei RB werde Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen. Schmerzt Sie das?

Wir glauben eher das, was er uns persönlich sagt. Gerade der BVB hat schon bewiesen, dass man strategisch wichtige sportliche Entscheidungen nicht von der Meinung der Mitglieder abhängig machen darf. Jürgen Klopp durfte sich damals von den bei den Fans total beliebten Torjägern Alex Frei und Mladen Petric trennen, weil sie nicht zur Spielweise passten. Das ging nur, weil Aki Watzke und Sportdirektor Michael Zorc starke Führungskräfte sind.

Stehen sich also einige andere Traditionsklubs selbst im Weg?

Am Ende des Tages kommt es immer auf die handelnden Personen an. Überall, wo gute Leute arbeiten, ist nachhaltiger Erfolg möglich – unabhängig von der Tradition.

Uli Hoeneß hat Leipzig als Rivalen des FC Bayern bezeichnet. Fühlen Sie sich geehrt?

Es ist schon ein Zeichen der Anerkennung. Aber dass wir ernst genommen werden, sieht man ja auch auf dem Platz. Manche Teams stellen gegen uns ihre komplette Spielweise um.

Auch Hertha tüftelt an einem Spezialplan.

Hertha zählt genauso zu den Überraschungsmannschaften wie wir. Dort wird super Arbeit geleistet. Das wird ein echtes Topspiel gegen einen richtig guten Gegner. Wir freuen uns auf diesen interessanten Vergleich.