Politik

Nichts währt ewig

Warum der neureiche Aufsteiger RB Leipzig der Konkurrenz, allen voran Hertha BSC, Beine macht

Um vorab einige Steine aus dem Weg zu räumen: Na klar hat Rasenballsport Leipzig sich in der dunkelgrauen Zone bewegt, als 2009 das Startrecht vom SSV Markranstädt übernommen wurde. Ebenso war die Zone dunkelgrau, als es um die Prüfung der Gemeinnützigkeit ging, die ein eingetragener Verein braucht. Dunkelgrau war die Zone, als die Deutsche Fußball-Liga 2014 über die Lizenzvergabe an RB zu entscheiden hatte. Und dunkelgrau ist der Bereich, in dem der europäische Verband Uefa RB gestattet, seine Profis zwischen den Konzernfilialen in Salzburg und Leipzig hin- und herzuschieben. Aber die Kritik daran, dass Leipzig alle diese Hürden überwinden konnte, ist zu richten an den sächsischen Fußball-Verband, den DFB, die DFL und die Uefa. Ebenso verstehe ich, was Joachim Watzke, der Klubchef von Borussia Dortmund, meint, wenn er sagt: In Leipzig „wird Fußball gespielt, um eine Dose zu promoten“.

Die Abneigung, die dem neureichen Aufsteiger entgegenschlägt, befeuert RB-Sportdirektor Ralf Rangnick. Der vor dem Hertha-Spiel in Leipzig sagte, dass die Zahl der Mitglieder – RB weist 17 stimmberechtigte Mitglieder aus – bei anderen Verein „irrelevant“ ist. „Dieses Konzept ist meiner Meinung nach altmodisch und überholt.“ ­Gefragt, was Tradition für ihn bedeute, antwortet Rangnick: „Wenn man nur die Asche der vergangenen Erfolge ­feiert – nichts.“

Prompt arbeiten sich die Fackelträger der Tradition der (meisten) anderen Profiklubs am Feindbild RB ab: Daran, dass deren Geschäftsmodell den modernen Fußball zerstöre. Dabei führt Rangnick seinen Klub nur so, wie es Uli Hoeneß jahrzehntelang getan hat. Stichwort „Abteilung Attacke“: Sollen alle den Sportdirektor bashen – derweilen kann Trainer Ralph Hasenhüttl sein Team in Ruhe auf den nächsten Gegner vorbereiten.

Ich mag das Modell RB nicht. Aber die Verantwortlichen und Spieler haben meinen Respekt für das, was sie auf den Platz bringen. Wie man mit sehr vielen Millionen nicht funktionierende Kader zusammenstellen kann, belegen aktuell der HSV und der VfL Wolfsburg. RB dagegen spielt attraktiv und erfolgreich. Ein ­Zuschauerschnitt von 41.500 belegt, dass das Projekt in der Region von den Fans angenommen wird.

Übersehen werden mir bei all’ den Scharmützeln die tatsächlichen Auswirkungen von RB auf die Liga. Gelernt ist: Ein Aufsteiger ist ein klassischer Abstiegskandidat für die nächste Saison. RB aber löst mächtig Nervosität aus. Weil sich Leipzig in der Tabelle oben einsortiert, stehen andere unten. Folge: Die letzten Sechs der Liga haben ­bereits den Trainer gefeuert. Beim HSV, Darmstadt und Wolfsburg sind zudem die Manager nicht mehr im Amt.

Hertha bekommt die Konkurrenz schon länger zu spüren. Bei der Nachwuchssuche war der Hauptstadtklub lange dominant aufgetreten: Die besten Talente der ­Region kommen zu uns. Leipzig hat das geändert: Mit mehr Scouts, mehr Geld, mit einem 33-Millionen-Euro-Leistungszentrum. Die Hochbegabten aus dem Nordosten landen nicht mehr automatisch in Berlin. Im Gegenteil: Herthas Akademie ist seit einiger Zeit dabei, sich zu verändern. Wenn man nicht so viel Geld wie RB hat, muss die Atmosphäre im Verein besonders sein, die Verbindung zu den Profis, die Sorgfalt, mit der sich um die Jugendlichen gekümmert wird.

Im Sommer hätte Hertha gern Timo Werner aus Stuttgart geholt. Er wollte, im Wissen um das RB-Interesse, nicht mal mit Hertha reden. Ob im Nachwuchs oder bei den Profis: Hertha ist dabei, sich noch früher, noch intensiver um Wunschkandidaten zu bemühen.

Ein Schuss Gelassenheit kann auch nicht schaden. Dietmar Hopp, der Geldgeber der TSG Hoffenheim, ist 76 Jahre, Dietrich Matteschitz, der hinter dem Projekt RB steht, ist 72 Jahre. Ohne despektierlich sein zu wollen: Wer weiß, welcher Stellenwert bei ihren Klubs Bundesliga-Fußball in einer Ära nach den Mäzen hat? Das Beispiel VfL Wolfsburg und die Auswirkungen des VW-Skandals zeigen: Nichts währt ewig.