Bundesliga

Wie Hertha die Leipziger Überfälle kontern will

Herthas Gegner RB Leipzig setzt bei all seinen Teams auf eine Taktik. Trainer Pal Dardai hat das System schon im Nachwuchs geknackt.

Im Fokus: Herthas  Spielmacher  Vladimir Darida wird gegen die aggressiv attackierenden Leipziger wohl keine ruhige Sekunde erleben

Im Fokus: Herthas Spielmacher Vladimir Darida wird gegen die aggressiv attackierenden Leipziger wohl keine ruhige Sekunde erleben

Foto: Soeren Stache/dpa

Um die Herausforderung der Zukunft zu meistern, hilft oft der Blick in die Vergangenheit. Hertha-Coach Pal Dardai jedenfalls hat sich vor der Partie beim Tabellenzweiten RB Leipzig am Sonnabend (15.30 Uhr) an seine Zeit als Jugendtrainer erinnert. Da nämlich bekam es der Ungar schon häufiger mit Teams des als Brause- und Dosenklub verspotteten Fußball-Konstrukts zu tun. Genau das könnte sich nun als Vorteil erweisen, denn: Die laufintensive, fast überfallartige Einheitstaktik wird den Spielern bei Rasenballsport schon in den Jugendmannschaften eingeimpft.

„Damals haben wir uns gegen sie immer etwas Besonderes ausgedacht“, sagt Dardai, der mit Herthas U15 dreimal gegen den neuen Konkurrenten aus dem Osten gewann. Seine Bilanz: 1:0, 2:1, 2:0. Nach dem zweiten Sieg im Juni 2014 erhielten die Berliner Jungspunde sogar ihre Meister-Medaillen in Leipzig.

Defensive Fünferkette und zwei Stürmer

Nun, vor seinem ersten Bundesliga-Duell mit RB, scheint Dardai mit seinem Trainerteam erneut etwas auszuklügeln. Bei der Vormittagseinheit am Mittwoch probte Hertha jedenfalls das Spiel mit zwei Stürmern und einer Dreier-Abwehrkette, die bei gegnerischem Ballbesitz zu einer Fünferkette wird. Ein ungewohntes Bild. Normalerweise agiert Hertha mit einer Spitze und Viererkette.

Nun also deutet vieles auf eine Variante mit drei Innenverteidigern hin. In Abwesenheit der Stammkräfte Sebastian Langkamp (Oberschenkelzerrung) und John Brooks (muskuläre Probleme) will Dardai das Abwehrzentrum stärken. Um den neuen, dritten Platz neben Fabian Lustenberger und Niklas Stark bewerben sich U23-Talent Jordan Torunarigha (19) und Jens Hegeler. Der eine stand noch nie im Kader der Profis; der andere letztmals im Februar in der Startelf.

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„Wir müssen diese Dreierkette ab und an schulen“, sagt Dardai, „man braucht einen Plan B.“ Tatsächlich scheint die Variante aber das Potenzial zum Plan A zu haben, schließlich sieht sich Hertha in Leipzig einer echten Offensivgewalt gegenüber. Nur zwei Teams der Liga erzielten bislang mehr Tore, nur zwei gaben mehr Torschüsse ab – Bayern München und Borussia Dortmund. „Wir fahren nicht nach Leipzig, um 60 Prozent Ballbesitz zu haben“, stellt Dardai klar, „sondern wir wollen Punkte klauen.“ Spielkontrolle sei dafür nicht das Mittel der Wahl.

Leipzig ist das beste Konterteam

Auf einen geordneten, geduldigen Spielaufbau, so wie ihn Hertha an guten Tagen aufzieht, wird am Sonnabend ohnehin nicht zu denken sein. Die RB-Methode ist ja bekannt: Leipzigs Spieler laufen ihre Gegner früh an, um Ballverluste zu erzwingen – je näher am Tor, desto besser.

Selbst, wenn das Spielgerät erst in der eigenen Hälfte erobert wird, setzt RB radikal auf Attacke. Kein Team der Liga traf häufiger nach Vertikalpässen (fünf Tore), keins häufiger nach Kontern (neun). „Wir dürfen uns keine Fehlpässe erlauben“, warnt Herthas Spielgestalter Vladimir Darida, der in Leipzig einer der meistgejagten Spieler sein wird.

Das Toreverhindern ist die eine Herausforderung, selbst zu treffen, eine andere. Ohne Langkamp und Brooks, sagt Dardai, habe Hertha eine andere Ballzirkulation entwickelt. Verbessert hat sich der Spielaufbau der Berliner zuletzt nicht. Beim jüngsten 0:1 gegen Werder Bremen verschuldete Vertreter Stark mit seinem Ballverlust gar das Gegentor.

Statt Ballbesitz sind diesmal die langen Pässe angesagt

Um gar nicht erst unter Druck zu geraten, wird Hertha sich vom Ballbesitzspiel verabschieden und stattdessen auf lange Bälle setzen, so, wie es zuletzt Leipzig-Bezwinger Ingolstadt erfolgreich praktizierte. Dass Dardai im Training mit Vedad Ibisevic und Julian Schieber gleich zwei Anspielstationen aufstellte, dürfte kein Zufall sein.

RB-Trainer Ralph Hasenhüttl musste nach der ersten Niederlage der Saison zugeben, dass es viel von der Darbietung des damaligen Tabellenletzten zu lernen gab. Ingolstadt – das übrigens auf eine Dreierkette setzte – habe „besten Anschauungsunterricht“ geliefert. Nicht nur Dardai wird genau hingeschaut haben.

Verstecken muss sich Hertha als Tabellendritter nicht vor Leipzig. Aber wohl sein angestammtes Spielsystem verlassen. Herz, Leidenschaft und Engagement wird es ohnehin brauchen am Sonnabend, dazu aber auch eine verdichtete Defensive und den Mut zu unansehnlichem Fußball. Leipzig-Experte Dardai weiß das. Und er weiß um die Stärken seiner Elf. In einer Kategorie sind die Berliner bislang das Maß aller Dinge. Keine Mannschaft kassierte weniger Tore durch Konter. Dabei soll es bleiben.