Bundesliga

Pal Dardai trifft seinen Kumpel als Gegner

Hertha Trainer Pal Dardai und Zsolt Löw, Cotrainer in Leipzig, sind seit vielen Jahren befreundet. Am Sonnabend ruht die Freundschaft

Pal Dardai im September 2009 in einem Ausweichtrikot von Hertha  im Laufduell mit seinem Landsmann, dem Mainzer Zsolt Loew

Pal Dardai im September 2009 in einem Ausweichtrikot von Hertha im Laufduell mit seinem Landsmann, dem Mainzer Zsolt Loew

Foto: dpa Picture-Alliance / KUNZ / Gaby KUNZ / picture-alliance / Augenklick/KU

Berlin.  Gibt es echte Freundschaft im Fußball? Ja. Die gibt es. Oder sagen wir, bis zum Sommer gab es sie. Seitdem klingelt das Telefon bei Pal Dardai nicht mehr so oft. Seitdem muss Herthas Trainer aufpassen, was er erzählt. Denn seit Sommer ist der Mann, der ihn zuvor jede Woche anrief und den Dardai seinen „Freund“ nennt, plötzlich sein Konkurrent. Zsolt Löw stieg da mit RB Leipzig in die Bundesliga auf – als Assistenz-Trainer. Deshalb haben wir am Sonnabend die seltene Situation, dass sich echte Kumpel als Gegner gegenüberstehen: Dardai trifft mit Hertha auf Leipzig und Löw. Aber das hat er sich ja selbst eingebrockt.

Pal Dardai (40) und Zsolt Löw (37) sind Landsleute. Für die ungarische Nationalmannschaft liefen sie gemeinsam auf. Und es stimmt wohl, was man sagt: Dass sich Gleich und Gleich gern gesellt. Beide waren Profis, bei denen der Wille stärker ausgeprägt war als das Talent. Dardai bei Hertha im defensiven Mittelfeld, der drei Jahre jüngere Löw als Linksverteidiger für Cottbus, Rostock, Hoffenheim und Mainz. Und als Menschen? „Zsolt ist genauso süchtig nach seiner Familie wie ich. Deshalb passen wir gut zusammen“, sagt Dardai. „Und wir können auch mal gut zusammen feiern.“

Gemeinsamer Urlaub am Balaton

Beide haben schon gemeinsam Urlaub gemacht: Dardai, drei Söhne, und Löw, zwei Töchter, trafen sich mit ihren Familien am Balaton. Und dann wäre da natürlich noch die Sache in der Türkei, die dafür gesorgt hat, dass jetzt beide Trainer sind, obwohl der eine das nie wollte. Dardais Spielerkarriere war schon fast beendet. Er ließ sie noch in Herthas U23 austrudeln, da fragte ihn der ungarische Fußball-Verband, ob er eine Auswahl von Nachwuchsnationalspielern in einem Trainingslager in der Türkei betreuen könne.

Internationale Testspiele standen an, um zu sehen, welche Talente größeres Potenzial haben. Dardai rief Löw an: „Du bist mein Co-Trainer!“ Löw: „Nein, will ich nicht.“ Dardai muss heute darüber lachen. Denn Löw übernahm den Job. Und als die zehn Tage Trainingslager um und drei von vier Testspielen gewonnen waren, sagte Löw zu ihm: „Es tut weh, die Jungs jetzt wieder gehen zu lassen.“ Dardai: „Irgendwann hast du deine eigene Mannschaft.“ Löw, der nie Trainer werden wollte, wurde Trainer. Das ist auch Dardais Schuld.

Als Dardai vergebens um Löw buhlte

Dardai hat sich seit diesen Tagen vor vier, fünf Jahren kontinuierlich nach oben gearbeitet. Erst trainierte er die U15 bei Hertha. Als er dann im Herbst 2014 plötzlich ungarischer Nationaltrainer wurde, fragte er Löw erneut, ob der sein Co-Trainer werden möchte. Doch Löw durfte nicht. Denn auch er war dabei, sich kontinuierlich in seiner Trainerkarriere nach oben zu arbeiten. Er war damals Assistent bei Red Bull Salzburg, und der Verein lehnte eine Doppelbelastung ab. Löw akzeptierte das, weil er wusste, dass sich im Red-Bull-Kosmos noch andere Türen öffnen würden. Das wiederum hatte viel mit Ralf Rangnick zutun.

Rangnick, heute Sportdirektor von RB Leipzig, holte Löw als Spieler 2006 von Hansa Rostock zum damaligen Regionalligisten TSG Hoffenheim. Zusammen stiegen sie in die Zweite, dann in die Bundesliga auf und spielten 2008 eine der bis heute irrsten Hinrunden der Liga-Geschichte: Hoffenheim wurde Herbstmeister vor den Bayern. Löw wechselte nach Mainz und beendete dort 2011 seine Karriere.

Seit dem RB-Aufstieg wird kaum noch telefoniert

Nach dem Türkei-Trainingslager, das Dardai und Löw sogar ein zweites Mal wiederholten, rief Rangnick an. Er wollte Löw zunächst als Co-Trainer für das Salzburger Ausbildungsteam FC Liefering, um ihn dann 2014 zu Red Bull Salzburg zu holen. Seit anderthalb Jahren arbeiten beide nun zusammen in Leipzig. Nach einer Saison als Aushilfstrainer bei RB ist Rangnick wieder ausschließlich Sportdirektor und Löw jetzt Aussistent vom neuen Coach Ralph Hasenhüttl.

Deshalb rufen sich Pal Dardai und Zsolt Löw erst einmal nicht mehr so oft an, auch wenn sie Freunde sind und für den ungarischen Fußball-Verband sogar schon zusammen Vorträge gehalten haben. „Wir wollen uns ja am Telefon nicht belügen“, sagt Dardai. Fußballer reden immer über Fußball. Aber das geht erst mal nicht. „Wir sind jetzt Konkurrenten“, sagt Dardai.

Dardai: Auch im Fußball gibt es echte Freundschaft

Wenn sich beide am Sonnabend vor dem Spiel begegnen, dann werden Hände geschüttelt und zwei „Küsse“ verteilt – auf beide Wangen je einer, wie es in Ungarn unter Freunden üblich ist. Aber dann ist Kumpelpause – zumindest 90 Minuten lang. „Dann ist Spiel“, sagt Dardai. Sich danach wieder zu finden, sich wieder zu mögen, das gehe, wenn man einen guten Charakter habe. „Ja“, sagt Dardai, „im Fußball gibt es echte Freundschaft.“ Situativ muss sie nur mal Urlaub machen.