Bundesliga

Für Hertha-Gegner Bremen ist Fritz unverzichtbar

Für Herthas Gegner Werder Bremen ist Clemens Fritz trotz seiner 36 Jahre noch immer unverzichtbar. Über einen, der nicht aufgeben kann.

Foto: imago sport

Berlin.  Am Ende wird alles gut, hat Oscar Wilde gesagt, und wenn nicht, dann war es eben noch nicht das Ende. Ein charmanter Gedanke, und im Fall von Clemens Fritz (36) ein sehr passender obendrein. Anfang des Jahres hatte der Mannschaftskapitän von Werder Bremen ja angekündigt, das Fußballspielen im Sommer einstellen zu wollen, ehe er später – im tiefsten Abstiegskampf – zurückruderte. Das, sagte Fritz damals frei nach Wilde, könne es noch nicht gewesen sein.

Heute, gut sieben Monate später, spielt Fritz mit Werder bei Hertha BSC (18.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de). Verändert hat sich in der Zwischenzeit nur wenig bei den Bremern. In der Tabelle steht das Team auf Rang 14, drei Punkte vor dem Relegationsplatz. „Natürlich ist die Lage angespannt“, sagt Fritz der Morgenpost, „wir müssen punkten.“ Auswärts holte Werder seit März in zehn Spielen aber nur zwei Zähler. Und Hertha hat in dieser Saison alle Heimspiele gewonnen.

Nur drei Profis sind länger für ihren Verein aktiv

Druck, sagt der mittlerweile krisenerprobte Fritz, sei immer da, egal ob man um den Klassenerhalt, das internationale Geschäft oder die Meisterschaft spiele. Tatsächlich hat er all diese Facetten des Fußballs erlebt. Als er vor zehn Jahren nach Bremen wechselte, galt Werder als eine der größten Attraktionen der Liga, war Stammgast in der Champions League; 2009 streckte Fritz den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel. Mittlerweile ist der Abstiegskampf längst zum Alltag geworden. In der aktuellen Saison scheiterte Werder im Pokal in Runde eins, beim Drittligisten Sportfreunde Lotte.

Die Leistungsträger von einst – Klose, Diego, Özil, Mertesacker, Wiese oder Naldo – sie alle zogen von Bremen aus weiter. Fritz aber blieb. 2008, als er für Deutschland bei der Europameisterschaft spielte, klopfte Atletico Madrid an, doch Fritz hielt sein Wort, seinen Vertrag in Bremen zu verlängern. Inzwischen spielt er seine elfte Saison für Werder. Nur drei Spieler der Liga weilen länger in ihrem Verein.

„Ich fühle mich verantwortlich für Werder“, sagte Fritz bei seinem Rücktritt vom Rücktritt im April. Ein Statement, das viele Profis von sich geben, aber meist beim erstbesten Angebot als Lippenbekenntnis entlarvt wird. Nicht so bei Fritz, er verpflichtete sich demonstrativ, notfalls auch in Liga zwei seine Knochen für seinen Klub hinzuhalten.

Claudio Pizarro spricht schon von der Wende

Der Abstieg blieb den Bremern letztlich erspart – nicht zuletzt wegen ihres bärenstarken Kapitäns, der seine Mannschaft unermüdlich antrieb und in den Medien zum pflichtbewussten „Alten Fritz“ stilisiert wurde. Rückblickend, sagt er, zähle der Freudentaumel nach dem rettenden 1:0 am letzten Spieltag gegen Frankfurt zu den schönsten Erinnerungen überhaupt. Wäre dieser Moment nicht doch der richtige für den Absprung gewesen? Bereut habe er seine Entscheidung noch keine Sekunde, sagt Fritz.

Für den fußballerischen Ruhestand hatte er schon große Reisepläne geschmiedet, nun aber schippert er mit Werder so unkontrolliert durch die Saison wie ein Papierschiffchen auf der Weser. Die Aufbruchstimmung unter Trainer Alexander Nouri (37), der nach dem dritten Spieltag Viktor Skripnik beerbte, wurde zuletzt auf eine harte Probe gestellt. Fünf Spiele ohne Sieg, vier davon verloren – erst das jüngste, schmeichelhafte 2:1 gegen Ingolstadt verschaffte den Hanseaten wieder etwas Luft. Stürmer Claudio Pizarro (38), neben Fritz das zweite Relikt der erfolgreichen Vergangenheit, erklärte den Sieg gar zum großen Wendepunkt.

„Das war enorm wichtig“, sagt auch Fritz, mahnt aber zur Vorsicht. Dass mit Pizarro, Sommerzugang Max Kruse und Philipp Bargfrede drei Langzeitverletzte auf den Platz zurückgekehrt sind, habe seine Tücken. „Wir dürfen nicht glauben, dass es jetzt automatisch läuft“, sagt Fritz, „wenn wir das tun, dann wird’s eben nicht laufen.“

Innen-, Außen- und Verteidigungsminister

Einschätzungen, die gut zu den beiden Routiniers passen. Während Pizarro für die emotionale und fußballerische Offensive zuständig ist, hält Fritz das Team im Zentrum zusammen. Für Manager Frank Baumann ist er „Innen-, Außen- und Verteidigungsminister“ in Personalunion. Fritz selbst sieht sich hingegen schlicht „als Teil der Mannschaft“, als Teamplayer. „Es geht um Verantwortung“, sagt er, „und die müssen alle übernehmen. Da ist es egal, ob jemand 18, 19 oder 35 ist.“

Wie lange er noch weiterkämpft für Werder? Das lässt Fritz offen. Noch fühle er sich fit, noch spüre er „das Feuer“. Die überragende Verfassung der vergangenen Rückrunde hat er in dieser Saison allerdings noch nicht erreicht. Fest steht: Er wird auch in Zukunft Teil der vielzitierten Werder-Familie bleiben. Mit seiner Freundin ist der gebürtige Erfurter in Bremen längst heimisch geworden. Nach der aktiven Karriere ist ein Trainee-Programm im Management geplant.

Spieler von Fritz’ Schlag, die das Wohl des Vereins über das eigene Ego stellen, sind selten geworden im Profi-Fußball. Umso mehr wäre ihm zu wünschen, dass am Ende alles gut wird. Ob er noch einmal in Berlin jubeln darf, so wie einst im Pokal, darf jedoch bezweifelt werden.