Hertha-Verteidiger

Marvin Plattenhardt: halb Handwerker, halb Künstler

Marvin Plattenhardt vereint nicht nur bei seinen Freistößen Talent und Fleiß. Das macht ihn für Hertha wertvoll

Für Hertha gelangen Marvin Plattenhardt in 67 Spielen drei Tore und sieben Assists

Für Hertha gelangen Marvin Plattenhardt in 67 Spielen drei Tore und sieben Assists

Foto: picture alliance/Fotostand

Salvatore kommt nicht mehr. Über zwei Jahre war das Eichhörnchen regelmäßig zu Gast bei Marvin Plattenhardt, kletterte über eine Stange an der Hauswand immer wieder auf die Charlottenburger Dachterrasse von Herthas Linksverteidiger. Gemeinsam posierten sie dann für Plattenhardts Instagram-Profil, den Followern gefiel das und Plattenhardt natürlich auch. Inzwischen habe er den kleinen Nager aber „seit ein paar Monaten nicht mehr gesehen“, sagt Plattenhardt. Salvatore kommt nicht mehr.

Damit ist zwar eine Konstante im Leben des 24-Jährigen verschwunden, eine andere scheint dafür aber unumstößlich: Wenn Hertha spielt, spielt auch Plattenhardt – es sei denn, er ist verletzt. Auch im Heimspiel am Sonnabend (18.30 Uhr) gegen Werder Bremen wird er wieder von der ersten bis zur letzten Minute auf dem Platz stehen, so wie eigentlich immer, seit Pal Dardai vor 20 Monaten den Cheftrainer-Posten übernahm. Der Ungar zeigte sich damals begeistert von Plattenhardt, von dessen Schnelligkeit und Schusstechnik, und er machte ihn vom Reservisten zur Stammkraft. Heute ist Plattenhardt unverzichtbar.

Ohne seine Leistungen schmälern zu wollen: Plattenhardts Einsatzgarantie hängt nicht unwesentlich mit seiner Veranlagung zusammen, genauer gesagt mit seinem linken Fuß: „Linksfüßer gibt es nun mal nicht so oft“, sagt er selbst.

Zweitbeste Quote der gesamten Bundesliga

Tatsächlich wird der Anteil der Linkshänder (und -füßer) an der Gesamtbevölkerung bei zehn bis fünfzehn Prozent verortet. Im Alltag stößt die auf links gepolte Minderheit deshalb nicht selten an. Im Fußball aber hat sie einen echten Wettbewerbsvorteil. So auch Plattenhardt.

Bevor er Linksverteidiger wurde, durfte er sich anderweitig ausprobieren, im linken Mittelfeld, auf der Sechs und sogar im Sturm. „Irgendwann sollte man sich aber festlegen“, sagt er, „und links hinten hat’s nun mal ein bisschen gefehlt.“ Also ergriff er seine Chance, damals, 2008, als er noch in der U17 des 1. FC Nürnberg kickte.

Bereut hat er die Entscheidung nie. Noch im selben Jahr wurde er U17-Nationalspieler und später -Europameister, ehe er alle weiteren U-Auswahlteams durchlief. Auch damals waren gute Linksverteidiger schon rar.

Wie er seinen Job als Verteidiger an der Seitenlinie beschreiben würde? Als anstrengend und interessant zugleich, sagt Plattenhardt, und als anspruchsvoll. „Defensiv musst du deine Seite zumachen, deine Nebenmänner ständig per Schulterblick im Blick behalten. Das allein reicht heute aber nicht mehr, du musst dich auch über 90 Minuten nach vorne einschalten.“ So wie er es am vergangenen Sonnabend in Wolfsburg tat (3:2) und so den Elfmeter zum Sieg erzwang.

Moderne Außenverteidiger müssen einen schwierigen Spagat meistern: Reine Abwehrarbeit war vorgestern. Längst sind sie wichtige Eckpfeiler im Angriffsspiel, weil sie durch ihr Aufrücken für Überzahl sorgen. Auf der anderen Seite ist jeder Vorstoß mit Risiko behaftet, Stichwort: Konteranfälligkeit. Dafür, zwischen Angriff und Verteidigung die richtige Balance zu finden, gebe es kein Rezept, sagt Herthas Rechtsverteidiger Mitchell Weiser, umso wichtiger sei eine gute Intuition. Die zeichnet auch Plattenhardt aus. Mutiger im Spiel nach vorn sei er geworden, sagt er, wolle sich künftig aber noch häufiger in Eins-gegen-eins-Duelle wagen. 2015/16 gelangen ihm immerhin zwei Tore und fünf Vorlagen.

Das Zeug, besondere Momente zu kreieren, hat er allemal – nicht nur, weil er sein Handwerk mit dem linken Fuß verrichtet, sondern auch wegen seines Talents für Freistöße. Gegen Wolfsburg zirkelte er das Spielgerät beim 1:1 aus gut 20 Metern passgenau ins Netz. Kein Einzelfall. Von 25 Freistößen, die er seit 2013 direkt aufs Tor brachte, waren fünf erfolgreich. Häufiger verwandelte in diesem Zeitraum nur Leverkusens Hakan Calhanoglu ruhende Bälle.

„Freistöße und Ecken schieße ich schon seit der Jugend“, sagt Plattenhardt. Damals bewunderte er bei Youtube die Schusskünste von Cristiano Ronaldo, „aber der schießt ganz anders als ich“, sagt er heute. Mit der Pistolero-Pose des Portugiesen kann er ohnehin wenig anfangen. Ihm genügt ein kurzer Anlauf, alles andere hängt von Position, Mauer und Torentfernung ab.

Freistöße, sagt Plattenhardt, seien eine Mischung aus Kunst und Handwerk. Das Gefühl habe man im Fuß, aber das Verfeinern – das sei eine Fleißarbeit. „Nach dem Training nimmt er sich hin und wieder noch ein paar Bälle und arbeitet daran“, erzählt Co-Trainer Admir Hamzagic, Herthas Mann für die Standards. Bei den Eckbällen sei „noch Luft nach oben“, meint der Coach, schließlich müssten mit den vielen kopfballstarken Kollegen noch mehr Tore möglich sein. Die direkten Freistöße kommen hingegen zuverlässig.

Gegen Werder Bremen will Marvin Plattenhardt nun nachlegen. „Beim letzten Spiel gegen den SVW habe ich ein Tor gemacht“, erinnert er sich. Auch damals (3:3) traf er per Freistoß.