Hertha BSC

Neues Hertha-Stadion: Mitglieder kritisieren Vereinsspitze

Hertha steht vor einem schwierigen Spagat, denn fast jede Idee für ein eigenes Stadion führt bei den Mitgliedern zu Nörgelei.

 Das Olympiastadion ist seit 1963 Herthas Zuhause. Der Nutzungsvertrag läuft noch bis 2025. Hertha würde gern gleich nebenan neu bauen

Das Olympiastadion ist seit 1963 Herthas Zuhause. Der Nutzungsvertrag läuft noch bis 2025. Hertha würde gern gleich nebenan neu bauen

Foto: dpa Picture-Alliance / Ole Spata / picture alliance / dpa

Berlin.  Die Chance war da, doch ergreifen sollte sie auf Herthas Mitgliederversammlung keine der 1234 Personen im Saal. Bei der obligatorischen Aussprache hatten die Anwesenden am Montagabend nicht nur die Möglichkeit, ihre Meinung kundzutun, sondern auch Fragen zu stellen, aber während von erstgenannter Variante reichlich Gebrauch gemacht wurde, blieb die vielleicht interessanteste Frage zur Zukunft des Berliner Fußball-Bundesligisten aus. Doch dazu später mehr.

Spannende Eindrücke liefert eine Mitgliederversammlung fast immer. Weil der Verein in Finanzfragen die Hosen runterlässt. Weil die Basis zu Wort kommt. Und weil im besten Fall noch „irgendein Zückerchen“ (Manager Michael Preetz) wartet, so wie diesmal die Vertragsverlängerung von Mannschaftskapitän Vedad Ibisevic.

Auch die Imagekampagne erntet Kritik

Aber: Selbst diese frohe Kunde konnte die Mitglieder nur vorübergehend milde stimmen. Im Hintergrund schwelen schließlich größere Themen, solche, die zwischen dem Wunsch nach zukunftsorientierter Weiterentwicklung und der Sehnsucht nach Tradition oszillieren. Stichwort: eigenes Stadion.

„Wir können den Wandel nur bestehen, indem wir uns in eine Verfassung bringen, dass Hertha mithalten kann“, betonte Präsident Werner Gegenbauer. Ein diplomatisches Statement, doch wie diese Verfassung aussehen soll – darüber gehen die Meinungen auseinander. Fürsprecher für eine neue Arena in Brandenburg machten sich am Montag kaum bemerkbar. Ein Neubau in Berlin fand da schon eher Anklang, vom Verbleib im Olympiastadion ganz zu schweigen.

Kritik gab es auch an Herthas neuer Imagekampagne („We try. We fail. We win“; „Berlins ältestes Start-Up“). Für seine Plakat-Aktionen habe der Verein „viel Geld investiert in Sprüche, die ich Ihnen in einer Woche präsentiert hätte“, meinte ein Mitglied. „Glauben Sie wirklich, dass man mit dieser Kampagne neue Fans gewinnen kann?“ Während neue Zielgruppen (auch im Sponsorenbereich) umschmeichelt werden, fühlen sich Fans nicht ausreichend ins Boot geholt.

Grafik vergrößern

Welches Mitspracherecht haben die Mitglieder?

So auch in der Stadion-Debatte. Sie habe das Gefühl, dass ein Auszug aus dem Olympiastadion längst beschlossen sei, sagte ein Mitglied. Preetz indes betont, dass „wir erst ganz am Anfang eines Prozesses stehen“. Dennoch: Die Gelegenheit, ihre Überlegungen transparenter zu machen, ließen die Hertha-Verantwortlichen ungenutzt. Bewegung ist erst im Februar zu erwarten, wenn eine Machbarkeitsstudie vorliegt.

Durchgesickert waren bereits vier potenzielle Standorte in Brandenburg (siehe Grafik) – ob als Favoriten oder als Druckmittel auf den Berliner Senat, der eine neue Arena in Berlin bislang nicht unterstützen will, sei dahingestellt.

Um auf die eingangs erwähnte Frage zu kommen, die nicht gestellt wurde: Erstaunlicherweise wollte kein Mitglied wissen, wie es weitergeht. Wer wird eine Entscheidung über die zukünftige Spielstätte treffen? Und welches Mitspracherecht haben die Mitglieder eigentlich dabei? Tatsächlich herrscht auch klubintern noch Unklarheit über das Vorgehen – noch macht ja niemand Druck. Den Eindruck, dass ein Stadion in Brandenburg nicht die erste Wahl der Mitglieder ist, nahmen Herthas Entscheider aber auch so mit.

Gründungsschiff soll im Sommer wieder in Berlin sein

Der Spagat zwischen Fortschritt und Tradition, er war auch in anderen Punkten spürbar, wenngleich deutlich positiver konnotiert. Dass die zunehmende Kommerzialisierung reichlich Geld in Herthas Kasse spült, gefiel selbst blau-weißen Fußball-Nostalgikern. Finanz-Geschäftsführer Ingo Schiller erklärte, dass die TV-Einnahmen von derzeit gut 30 Millionen Euro bis 2010/21 auf knapp 80 Millionen pro Saison steigen können. Applaus.

Und die Traditionspflege? Wird sich vor allem beim 125. Vereinsjubiläum im kommenden Sommer zeigen. Neben einem Festakt im Roten Rathaus und einer Jubiläumsausstellung im Ephraim Palais soll dann auch wieder jenes Schiff über Berliner Gewässer schippern, nach dem der Verein 1892 benannt wurde. Das kommt an. Für die geplante Schiffs-Aktie ließen sich seit Montagsabend bereits rund 1000 Mitglieder vormerken.