Fußball

„Auch mit Hertha kann man Champions League spielen“

Herthas Taktik-Spezialist Rainer Widmayer spricht im Interview über Gegner Mainz, Vergleiche mit Joachim Löw und seine Zukunft.

Da lang vielleicht? Co-Trainer Rainer Widmayer (M.) macht Hertha-Cheftrainer Pal Dardai (l.) einen Vorschlag

Da lang vielleicht? Co-Trainer Rainer Widmayer (M.) macht Hertha-Cheftrainer Pal Dardai (l.) einen Vorschlag

Foto: Getty Images / City-Press/Getty Images

Berlin.  Als das „Gehirn der Mannschaft“ wird Co-Trainer Rainer Widmayer (49) bei Hertha bezeichnet. Der Schwabe, der das Team seit Anfang 2015 an der Seite von Pal Dardai kontinuierlich weiterentwickelt, ist viel mehr als ein Assistenztrainer, aber will er das auch bleiben? Im Interview spricht Widmayer über seine Begeisterung für intelligenten Fußball, eine Anfrage von Joachim Löw und eine einprägsame Erfahrung mit dem FSV Mainz 05, den Hertha heute (17.30 Uhr, Sky) im Olympiastadion empfängt.

Herr Widmayer, woran denken Sie beim Stichwort Mainz?

Rainer Widmayer: Da bekomme ich sofort eine Gänsehaut – mit dem FSV verbinde ich eine intensive Erinnerung. Als ich mit Pal vor fast zwei Jahren bei Hertha angefangen habe, ging alles sehr schnell. Donnerstag Ankunft, Freitag Abschlusstraining, und am Sonnabend war schon das Spiel. Ich kannte fast niemanden, war ja zweieinhalb Jahre raus aus dem Profi-Geschäft. Als wir dann in Mainz auf das Stadion zugefahren sind, dachte ich nur: Endlich! Endlich bist du wieder dabei!

Damals war Hertha Abstiegskandidat. Heute spielt das Team um Europa.

Wir haben den Spielern klar gemacht, dass sie alleine keine Chance haben. Durch das Miteinander wächst das Selbstvertrauen. Das Team ist jetzt gierig, will sich entwickeln, besser Fußball spielen. Das war die Grundlage. Und nun haben wir die Chance, das Niveau extrem hochzuhalten, aber wir dürfen nicht nachlassen.

Sie gelten als absolut fußballverrückt. Wie viele Stunden pro Tag beschäftigen Sie sich mit Fußball?

Die ganze Zeit. Dadurch, dass meine Familie in Stuttgart lebt, habe ich nach der Arbeit keine Ablenkung. Statt darauf zu hoffen, dass meine Söhne, 19 und 16, heil nach Hause kommen, schaue ich mir ein U19-Spiel an. Da kann ich aufsaugen, was andere machen, und denen gefällt es vielleicht auch, wenn mal ein Profi-Trainer zuschaut. Auf der anderen Seite bin ich dann ganz bei der Familie, wenn ich in Stuttgart bin.

Trotzdem: Ihr Alltag klingt ein wenig nach Burnout-Potenzial.

Nein, ich habe in dieser Hinsicht gelernt. Früher habe ich mir sehr viel selbst aufgehalst, wollte die Probleme von allen anderen lösen. Aber das funktioniert nicht, wenn du 28 Spieler hast plus Trainerstab. Man kann nicht allen helfen und muss Grenzen setzen. Früher wollte ich jedem seine Last abnehmen, die ist dann aber irgendwann bei mir hängen geblieben.

Von 2012 bis 2014 gab es eine Auszeit. Hoffenheim stellte Sie frei, danach wurden Sie krank. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Ich war Fußballer und Trainer. Der Körper ist mein größtes Kapital, und auf einmal bin ich verwundet worden. Ich hatte etwas am Hals. Es war letztendlich gutartig und alles wurde nach der Operation wieder gut, aber das hat mich auf neue Schienen gesetzt. Vorher bin ich immer an der Grenze gelaufen und vielleicht auch ein bisschen benutzt worden. Jetzt kann ich besser abwägen, was sinnvoll ist. Das war am Anfang schwer, weil man Muster in sich trägt, die man über Jahrzehnte abgespeichert hat. Die musste ich durchbrechen.

Ihr Vertrag läuft bis Sommer 2017. Hertha möchte Ihren Vertrag gern verlängern. Bleiben Sie in Berlin?

Meine Familie ist stolz auf das, was ich mache. Trotzdem fehlt mir selbstverständlich etwas, aber ich habe damit kein Problem, wenn das jetzt noch einmal ein, zwei Jahre so weitergeht. Trotzdem: Ich muss das grundsätzlich auch in der Familie diskutieren. In der Winterpause sind wir zum Skifahren im Montafon. Dort werden wir über das Thema sprechen.

Was reizt Sie an der Aufgabe bei Hertha?

Die Stabilität der Mannschaft ist eine ganz andere als vor zwei Jahren. Jetzt müssen wir überlegen, wie wir den nächsten Schritt machen können. Man sieht in Wolfsburg, wie schwer es ist, dauerhaft oben zu bestehen. Deshalb müssen wir uns Gedanken machen, wie wir uns ausrichten. An dieser Entwicklung teilzuhaben, fände ich spannend.

Interessiert Sie nicht auch ein Posten als Cheftrainer?

Doch, schon.

Gab es Anfragen?

Die gab‘s, aber nie auf den Punkt.
Entscheidend ist, dass es passt. Ich bin hier zufrieden.

Wie wäre es in Ihrer Heimat Stuttgart?

Der VfB ist natürlich immer ein Thema für mich, ich war zuletzt auch beim Spiel gegen Union. Ich war dort sechseinhalb Jahre in der Ausbildung, dann ein Jahr mit Markus Babbel Trainer der Profis. Das bleibt immer mein Verein.

So wie Hertha für Pal Dardai.

Richtig, aber er hat es noch besser. Ich musste noch knapp 20 Kilometer fahren in Stuttgart, er braucht nur zwei Minuten. (lacht) Das ist ein Sechser im Lotto – und das wird einem meist erst später klar, wenn man irgendetwas anderes macht. Wenn er irgendwann einen Klub in der Champions League trainieren sollte, ist das etwas anderes, aber das kann man ja eventuell auch mit Hertha erreichen. Wenn wir die Stabilität über die nächsten zwei drei Jahre weiterentwickeln, rutschen wir vielleicht irgendwann rein.

Warum harmonieren Sie und Pal Dardai so gut miteinander?

Ich habe Pal ­vorher nur als Spieler gekannt. Als ich 2010 bei Hertha war, musste ich ihm signalisieren, dass es wohl besser wäre, wenn er aufhört. So etwas kann auch haften bleiben, aber Pal war nie ­nachtragend. Das war für mich ­beeindruckend.

Gern werden Sie mit dem Sommermärchen-Duo Jürgen Klinsmann und Joachim Löw verglichen. Der eine der große Motivator, der andere der Taktiker.

Jogi Löw wollte mich mal als Co-Trainer. Es gibt auf jeden Fall Ähnlichkeiten in der Art, wie wir den Fußball sehen. Klinsmann macht sehr viel mit Emotionen. Pal aber kann beides. Durch ihn und durch sein U15-Engagement habe ich dazugelernt. Ich glaube, durch unsere Diskussionen sind wir beide einen Schritt weitergekommen.

Welche Trainer inspirieren Sie?

Vor unserem Freundschaftsspiel gegen den SSC Neapel im Sommer habe ich mir deren Training angeschaut. Vom Trainer Maurizio Sarri hatte ich vorher noch nie gehört, aber der hat richtig ­gute Sachen gemacht.

Was haben Sie sich abgeschaut?

Ich verfolge Neapel jetzt regelmäßig und sehe ständig Abläufe, die eindeutig trainiert sind. Zusammen mit Altético Madrid, die mit außergewöhnlicher Power und Überzeugung spielen, ist Neapel mein Favorit. Beide Teams zeigen, an welchen Stellschrauben man drehen muss, damit man ein bisschen raffinierter Fußball spielt.

Auch Mainz spielt raffiniert. Was halten Sie von Trainer Martin Schmidt?

Ich hatte ihn zunächst nicht auf dem Zettel. Er kommt ja aus der Schweiz und hat auch viele andere Sachen gemacht, daher ist es zu bewundern, wie er es macht. Dieses Engagement vorzuleben und etwas zu erreichen, ist das Eine, das zu bestätigen, das ­Andere. Das müssen und ­wollen wir auch.

Mainz hat den Sprung in die Europa League geschafft. Hertha nicht. Neidisch?

Wären wir weitergekommen im Europapokal, wäre es uns ähnlich ergangen wie Mainz jetzt. Ich hätte die Erfahrung gerne mitgenommen, aber ob wir dann zum jetzigen Zeitpunkt auch schon 21 Punkte hätten, wage ich zu ­bezweifeln.

Herthas Europapokal-Teilnahme scheiterte an der schwachen Rückserie. Warum läuft es diesmal besser?

Weil wir inzwischen mehr Stabilität und Erfahrung haben als im vergangenen Jahr. Das wird uns helfen.