Kolumne

Was Stadien über die Heimmannschaften verraten

Spielstätte erzählen bisweilen eine Menge über die Teams, die darin spielen. Bei Hertha ist es Schönes und Klägliches zugleich.

Das Berliner Olympiastadion ist groß, alt und ambivalent. Hier trifft Herthas Mitchell Weiser einen Eckball gegen Gladbach

Das Berliner Olympiastadion ist groß, alt und ambivalent. Hier trifft Herthas Mitchell Weiser einen Eckball gegen Gladbach

Foto: Rainer Jensen / dpa

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Fußballstadion. Der Wind beißt Ihnen ins Gesicht und fegt den Regen auf Ihren Computer, in den Sie versuchen, einen Text über das Spiel zu tippen. Sie denken: alles Mist, Text und Stadion. Sie verfluchen den Tag, an dem Sie Sportreporter wurden. Doch dann kommt ein gemütlich dicker Mann und bringt Ihnen ein kostenloses Lunch-Paket. Halleluja. Gesegnet sei das Stadio Olimpico San Marino in Serravalle.

Ich habe das gerade erlebt, als ich dort mit der deutschen Nationalelf war. Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass jedes Stadion etwas über die Mannschaft verrät, die darin spielt. Im Stadio Olimpico San Marino zum Beispiel gibt es neben den Lunch-Paketen auch einen schmalen Gang, in dem sich Medien und Spieler zu Interviews treffen. Weil diese sogenannte Mixedzone so winzig klein ist, wurden wir Zeitungsjournalisten rausgeworfen und in ein draußen aufgebautes Gehege gepfercht. Natürlich kam kein Spieler mehr dort hin. Es regnete ja wie am Tag des jüngsten Gerichts.

Das Stadion in Serravalle ist also nett und fies zugleich wie die Nationalelf der Sanmarinesen. Die Amateure, sonst Systeminformatiker und Barkeeper, waren vor und nach dem Spiel freundlich wie Pastorensöhne. Während der 90 Minuten aber traten sie zu, wann immer einer dieser Weltmeister vorbeirennen wollte – was dazu gehört, aber gern vergessen wird, wenn die Kleinen zu Großen gemacht werden.

Allianz-Arena wie eine schöne Frau, aber auch langweilig

Stadion gleich Heimelf – diese Rechnung mag nicht immer aufgehen. Aber versuchen wir mal, sie weiter zu denken. Hertha BSC spielt am Sonnabend in Augsburg. In der Fuggerstadt steht eine der hässlichsten Arenen des Landes. Wenn man auf der Pressetribüne sitzt, muss man raten, was auf einem Drittel des Spielfeldes passiert. Ein dicker Pfeiler versperrt die Sicht auf die Spielfeldmitte, was aber nur die architektonische Umsetzung der Augsburger Haltung ist.

Fast jedes Mal, wenn ich mit Hertha dort war, erlebte ich die eingeschränkte Sicht des Gastgebers. Heimelf und Publikum konnten immer nur ihre eigenen Belange erkennen. Pfiff der Schiedsrichter für die Gäste, tobte das Stadion, tobte der Trainer und tobte das Stadionpersonal. Herthas Torwart Thomas Kraft wurde in Augsburg mal von einem Balljungen als „Pisser“ bezeichnet, was schon wieder lustig war.

Ziehen wir mit meiner Arbeitshypothese weiter durchs Land: In München steht die Allianz-Arena, die eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem FC Bayern aufweist. Beide erinnern mich an eine Frau, die derart schön ist, dass es einen schon wieder langweilt. In Bremen erhebt sich das Weserstadion am Ufer des gleichnamigen Flusses, hat dicke Fluchtlichtmasten wie früher, und alles, was die Werder-Elf heute noch besonders macht, ist die Erinnerung an die Werder-Elf von früher. Aber kaum ein Stadion liegt so im Stadtzentrum wie das in Bremen. Kaum ein Verein ist so zentral im Leben der Bewohner verankert.

Olympiastaion und Hertha als Möglichkeitsraum

Dann gibt es noch die Spielstätte am Böllenfalltor in Darmstadt, die nun Jonathan-Heimes-Stadion heißt. Benannt nach einem an Krebs verstorbenen Fan, der mit seinem unermüdlichen Kampf gegen die Krankheit die Darmstädter Mannschaft inspirierte. Es ist noch eines der wenigen alten Stadien, und dort spielen die Lilien alten, bisweilen antiquierten Fußball, aber mit Herz.

Wären wir in Berlin angekommen. Das Olympiastadion ist groß, alt und ambivalent. Manchmal ist es das schönste der Republik, wenn es voll ist und erhaben 74.000 Menschen umarmt. Manchmal aber ist es kläglich, wenn es sich nur halb füllt und man besonders vor Augen geführt bekommt, was Hertha als Hauptstadtklub Grandioses sein könnte, aber bisher nie war.

Von Herthas Elf gab es auf dem Rasen meist das Oben und das Unten nacheinander. Aufstiege und Abstiege wechselten sich ab – zuletzt starke Hin- und schwache Rückrunden. Das Olympiastadion und die Blau-Weißen sind beide Möglichkeitsräume – für Schönes und Klägliches zugleich. Im Moment ist mehr Schönes. Da sitzt man gern im Stadion.