Bundesliga

Mitchell Weiser und Hertha ringen um Anerkennung

Beim DFB sind die Berliner keine große Nummer. Deshalb werben Hertha-Manager Michael Preetz und Trainer Pal Dardai für Mitchell Weiser

Herthas Mitchell Weiser hat für die deutsche U21 fünf Länderspiele als Rechtsverteidiger bestritten

Herthas Mitchell Weiser hat für die deutsche U21 fünf Länderspiele als Rechtsverteidiger bestritten

Foto: Getty Images / Getty Images Sport/Getty Images

Berlin.  Mitchell Weiser hat die kürzeste Anreise, wenn sich die Spieler und das Trainerteam der deutschen U21-Nationalmannschaft heute in Berlin treffen. Die Mannschaft des neuen DFB-Nachwuchstrainers Stefan Kuntz bereitet sich auf das Länderspiel gegen die Türkei vor, das am Donnerstag ab 18 Uhr in der Alten Försterei gespielt wird (Eurosport live). Der Herthaner Weiser ­gehört ebenso zum 23er-Kader wie Hertha-Kollege Niklas Stark. Mit dem ehemaligen Herthaner Hany Mukhtar (Bröndby IF) ist ein weiteres bekanntes Gesicht dabei.

Um Weiser ist eine rege Diskussion entstanden, da Bundestrainer Joachim Löw drei Neulinge für seine Länderspielreise nach San Marino (Freitag) berufen hat, darunter Benjamin Henrichs von Bayer Leverkusen. Der 19-jährige Rechtsverteidiger hat zwar erst 18 Bundesliga-Partien absolviert, erhielt aber den Vorzug vor Weiser, der diese Position bei der ­U21 spielt.

Löw sieht starken Weiser

Löw war am Freitag Zeuge eines bestechenden Auftritts Weisers geworden, der bei Herthas 3:0 gegen Mönchengladbach zwei Tore vorbereitete. Und damit an sechs der letzten sieben Treffer der Berliner beteiligt war (zwei Tore, vier Assists). Zu Henrichs ist zu sagen, dass der Newcomer auch in der Champions League, zuletzt beim Bayer-Sieg im Wembleystadion gegen Tottenham (1:0), gegen hochkarätige Gegner einen ­guten Job gemacht hat.

Trotzdem legten sich die Hertha-Verantwortlichen – vehement wie seit Jahren nicht – pro Weiser ins Zeug. Manager Michael Preetz sagte, es sei nicht seine Art, dem Bundestrainer Ratschläge zu geben. Aber: „Mitch hat gegen Gladbach erneut eine Topleistung gezeigt. Es ist kein Geheimnis, dass wir uns wünschen würden, dass der Bundestrainer Mitch berücksichtigt. Ich mache das normalerweise nicht. Ich finde aber, dass Mitch eine Menge sportlicher ­Argumente geliefert hat, um mal ­eingeladen zu werden.“

Dardai findet, Weiser wird verkehrt wahrgenommen

Sein Klubtrainer sprach das Thema noch konkreter an. Für Pal Dardai hat die Diskussion zwei Ebenen. Der Hertha-Coach brach eine Lanze für Weiser, dem aus seinen Tagen beim FC Bayern das Image anhaftet, er sei überheblich und schwierig. Und Bundestrainer Löw ist nicht dafür bekannt, ein Händchen für schwierige Charaktere zu haben. Dardai sagte, dass Weiser teilweise „verkehrt wahrgenommen“ werde. Weiser hat seine Körpersprache verbessert. Und Weiser sei überhaupt nicht der Typ, dem es egal sei, ob sein Team gewinne oder nicht. Allerdings, das beschrieb Dardai deutlich, erwarte der 21-Jährige eine klare Ansprache. „Wenn man mit Mitch redet, ihn ­überzeugt, macht er alles für dich“, ­sagte Dardai.

Weiser hat neben einer guten Ausbildung und einer guten Technik ein Element, das rar gesät ist in der ­Bundesliga: Er hat einen Faible für unorthodoxe, fast anarchische Abläufe. Mit seinen kuriosen Haken, seinem Mut, in Räume zu gehen, erarbeitet Weiser Hertha immer wieder Chancen, gegen Gladbach legte er so zweimal perfekt für Salomon Kalou auf.

Hertha seit 2010 ohne deutsche Nationalspieler

Dardai sagte: „Ich finde, wenn Mitch und Niklas Stark so weiterspielen wie in den letzten Wochen, werden sie eine andere Einladung bekommen.“ Der Trainer meint: zur A-Nationalmannschaft. Dardai hat bei dem Thema auch den Stellenwert von Hertha BSC beim Deutschen Fußball-Bund im Blick. Der letzte Nationalspieler aus Berlin war Arne Friedrich. Sein letztes Länderspiel in Diensten von Hertha ­bestritt er bei der WM 2010 in Südafrika.

Im Umkehrschluss heißt das: Seit sechs Jahren hat es kein Herthaner mehr in ein Aufgebot von Joachim Löw geschafft. Mit den Bundesliga-Abstiegen 2010 und 2012 hat sich der Hauptstadt-Klub auch selbst das Leben schwer gemacht. Weiser hat schon eine gute vergangene Saison gespielt, sowohl im rechten Mittelfeld als auch als Rechtsverteidiger. Dardai geht gegenüber dem DFB in die Offensive. „Einladungen für Mitch und Niklas wären gut für Hertha. Das wäre Respekt gegenüber der Arbeit, die wir im Verein und im Trainerstab leisten. Wir sind sehr zufrieden mit beiden.“

Löw sucht den Lahm-Nachfolger

Die Position im Löw-Team, um die es geht, ist eine spannende. Seit dem Rücktritt des langjährigen Kapitäns Philipp Lahm nach der erfolgreichen WM 2014 in Brasilien, sucht der Bundestrainer nach einem rechten Außenverteidiger. Kandidaten wie Benedikt Höwedes, Emre Can oder Sebastian Rudy waren jeweils Verlegenheitslösungen. Sowohl Henrichs als auch Weiser sind Kandidaten mit Perspektive.

Der, um den es geht, gibt sich betont zurückhaltend. Horst Hrubesch, der Vorgänger von U21-Trainer Stefan Kuntz, war mit Weiser nie recht warm geworden. Weshalb der Herthaner die Frage, ob er enttäuscht sei, nicht für die A-Nationalmannschaft eingeladen zu sein, so beantwortete: „Ich rechne mit gar nichts“, sagte Weiser. „Ich bin froh, bei der U21 dabei sein zu dürfen. Das war ja zuletzt nicht immer so. Ich freue mich, dass ich dort meinen Platz habe, genau wie bei Hertha.“