Bundesliga

Hertha muss in Hoffenheim die halbe Abwehr ersetzen

Hertha BSC an der Schmerzgrenze: Berlins Trainer Pal Dardai gehen in der Abwehr die Alternativen aus - hofft aber auf ein Comeback.

Immerhin ein angeschlagener Herthaner hat sich wieder fit gemeldet: Herthas John Brooks (l.), hier im Duell mit Kölns Yuya Osako

Immerhin ein angeschlagener Herthaner hat sich wieder fit gemeldet: Herthas John Brooks (l.), hier im Duell mit Kölns Yuya Osako

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin.  Manchmal hilft ja schon ein Lachen. Pal Dardai jedenfalls versuchte es mit etwas Komik: Er habe schon mit seinem Co-Trainer Rainer Widmayer (49) gesprochen, scherzte Herthas Chefcoach, „er kann in der Innenverteidigung aushelfen“. Für den Fall, dass sich die Verletzungssorgen beim Berliner Fußball-Bundesligisten noch verschlimmern sollten, würde Dardai sogar selbst über ein Comeback nachdenken. „Ich muss nur ein paar Kilo abnehmen“, sagte der frühere Sechser. Guter Witz.

Der Griff zum Galgenhumor kam nicht von ungefähr. Herthas Personalsituation stellt sich vor dem Sonntagsspiel beim Tabellenvierten Hoffenheim (15.30 Uhr) alles andere als komisch dar. Im Fall von Fabian Lustenberger (Beckenprellung) wächst zwar die Hoffnung auf ein Comeback; nach Linksverteidiger Marvin Plattenhardt (Faserriss in der Hüftmuskulatur) fällt aber auch Abwehrspieler Sebastian Langkamp (muskuläre Probleme) definitiv aus.

Abwehrchef Langkamp fällt am Sonntag definitiv aus

Dardai fehlt die halbe Viererkette. Dass Hoffenheim in den bisherigen acht Saisonspielen nach Bayern und Dortmund die meisten Tore geschossen hat (nämlich 16) und sich auch die drittmeisten Chancen erspielte (128), dürfte seine Sorgenfalten nicht eben verringern. Immerhin: Innenverteidiger John Brooks, dessen Muskulatur ebenfalls zwickte, meldete sich einsatzfähig. Er wird beim heutigen Abschusstraining dabei sein.

Viele Fragezeichen bleiben trotzdem: Wer ersetzt Plattenhardt? Wer ersetzt Langkamp? Wird Lustenberger rechtzeitig fit? Und wie viele tragende Säulen dürfen wegbrechen, bis Herthas Konstrukt zu wackeln beginnt?

Bislang hat Dardai auf jeden Ausfall eine Antwort gefunden, selbst auf den von Spielmacher Vladimir Darida, der seit Wochen wegen eines Außenbandrisses fehlt. So viele Verletzte wie aktuell musste er in dieser Saison aber noch nie ersetzen. Langsam aber sicher kommt Hertha an die Schmerzgrenze.

Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Pekarik und Mittelstädt

Vor allem der Ausfall von Plattenhardt wiegt schwer. Inzwischen verfügen die Berliner auf jeder Position über gute Alternativen. Außer hinten links. „Wir müssen eine Entscheidung treffen“, sagte Dardai nach einem Seufzer, „zwischen Peter Pekarik und Maximilian Mittelstädt.“ Für Pekarik (29), eigentlich Rechtsverteidiger, spricht die Erfahrung, allerdings ist der Slowake ein Rechtsfuß. Dardai aber hätte lieber einen Linksfüßer wie Mittelstädt. Der aber ist erst 19, stand in der Bundesliga noch keine 200 Minuten auf dem Platz.

So kurios es klingt: Diese Abwehrfrage wird anhand der Angriffsqualitäten entschieden. „Defensiv zumachen können beide“, sagte Dardai, „es geht darum, wer die Räume, die der Gegner anbietet, besser nutzen kann.“ Das spräche für Mittelstädt.

In der Frage nach dem Langkamp-Ersatz spricht indes einiges für Lustenberger. „Lusti hat Donnerstag und Freitag voll trainiert“, sagte Dardai, und als Innenverteidiger könne der Schweizer von seiner Übersicht profitieren, um sich nach seiner mehrwöchigen Pause auf dem Platz zu akklimatisieren. Auf seiner angestammten Position im defensiven Mittelfeld sei die Belastung hingegen zu groß, „da ist zu viel Action“, sagte Dardai. Dort wird weiterhin Niklas Stark wirken.

Hoffen auf Lustenberger

Und was, wenn es bei Lustenberger nicht reicht? Dann, meinte Dardai, gebe es ja immer noch Jens Hegeler (in den jüngsten drei Spielen zweimal nicht im Kader) oder Florian Baak (17, noch nie im Profi-Kader). Bei aller verbalen Gelassenheit: Wer den Trainer beobachtete, dem blieb eine gewisse Anspannung nicht verborgen.

Von Fragen nach Gegner Hoffenheim und Trainer Julian Nagelsmann – als ungeschlagener Tabellenvierter ähnlich furios gestartet wie Hertha – war Dardai jedenfalls schnell genervt. Stattdessen sprach er lieber über die eigenen Qualitäten, zum Beispiel über die Bilanz seit Amtsantritt. Demnach waren seither nur vier Teams der Liga erfolgreicher als Hertha. Kein Scherz.

Aktuell reicht es ja sogar zu Rang drei. Anders als in den vergangenen zwei Spielzeiten, als es in Hoffenheim zum Saisonende gegen den Abstieg oder um die Europa League ging, reist Hertha diesmal ohne Druck an. Aber eben nicht ohne Sorgen. „Es wird auf die ersten 20 Minuten ankommen“, sagte Dardai. Die neue Formation muss sich schnell finden, braucht gute Abstände zwischen den Mannschaftsteilen. „Wir müssen uns reinbeißen“, forderte der Coach. Sein Lachen war da längst verschwunden.