Hertha BSC

„Mitch wird langsam zum Diamanten“

Trainer Pal Dardai lobt Weisers Entwicklung und erklärt Herthas neue Liebe zu Pokal-Spielen. Der nächste Liga-Gegner wird schwer.

 Mitchell Weiser (2.v.l.) war bester Mann des Spiels

Mitchell Weiser (2.v.l.) war bester Mann des Spiels

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Berlin.  Mitchell Weiser trabte zügigen Schrittes in Richtung Kabine. Er bedankte sich im Vorbeilaufen für Glückwünsche zu seiner herausragenden Leistung am Millerntor. Weiser war bester Mann auf dem Platz beim 2:0 (1:0)-Pokalsieg von Hertha BSC beim FC St. Pauli.

Der Bundesligist aus Berlin hat in Hamburg einmal mehr seine Entwicklung bestätigt. In den vergangenen Jahren war der Hauptstadt-Klub wieder und wieder in der zweiten Pokal-Runde an Außenseitern gescheitert. Das hat sich unter Trainer Pal Dardai nun geändert. Die Berliner legen ihre notorische Schwäche in K.o.-Spielen ab.

Hertha bestritt gegen den Zweitliga-Letzten St. Pauli die sechste Partie unter Dardai gegen einen unterklassigen Gegner – und zum sechsten Mal kam Hertha weiter. Eine Begründung lieferte St.-Pauli-Trainer Ewald Lienen: „Wir haben gegen einen Gegner gespielt, dem man anmerkt, dass er im Erfolgsflow ist.“ Der historisch gute Bundesliga-Start (17 Punkte nach acht Runden) gibt den Hertha-Profis Selbstvertrauen.

Achtelfinale findet am 7. oder 8. Februar 2017 statt

Hertha-Trainer Dardai lobte das energische Auftreten: „Gleich bei den ersten Ballverlusten haben sofort drei, vier Spieler den Gegner attackiert“, sagte der 40-Jährige. Diese Art des Gegenpressings ist laufintensiv, war aber in der Spielbesprechung ausdrücklich von Dardai gefordert worden. „Wir wollten unbedingt verhindern, dass das Publikum in diesem Stadion geweckt wird, indem St. Pauli gute Aktionen hat oder ein Tor schießt.“

Die Bereitschaft, „zusammen die Drecksarbeit zu machen“, lobte auch Kapitän Vedad Ibisevic. „Wir wollten unbedingt weiterkommen, das hat man gesehen“, sagte Defensivspieler Niklas Stark nach dem geglückten Einzug ins Pokal-Achtelfinale, das am 7. oder 8. Februar 2017 gespielt wird.

Aus der geschlossenen Mannschaftsleistung ragte einer noch mal heraus: Weiser. „Ich bin schon lange bei Hertha“, sagte Dardai, „aber so eine Vorbereitung wie von Mitch beim zweiten Tor, sieht man selten.“ Das Trainerteam sieht diese Saison als Fortsetzung des über weite Strecken überzeugenden Vorjahres. „Das war kein Zufallsjahr.

Lob von Sky-Experte Didi Hamann

Die Mannschaft zeigt, dass sich bei uns etwas entwickelt“, sagte Co-Trainer Rainer Widmayer. Konditionstrainer Henrik Kuchno freute sich, dass die Profis mehr Eigenverantwortung übernehmen. Neben den Einheiten auf dem Platz würden fast alle ­Spieler zusätzlich individuell im Kraftraum in jenen Bereichen arbeiten, je nach dem, wo Bedarf vorhanden ist.

Trainer Dardai hob „die Rohdiamanten“ wie Niklas Stark, Marvin Plattenhardt oder John Brooks hervor. Und setzte noch einen drauf: „Mitch wird langsam ein richtiger Diamant.“

Weiser, 22 Jahre jung, hat gerade seinen Vertrag bei Hertha vorzeitig bis 2020 verlängert. Sky-Experte Dietmar Hamann hatte schon nach Weisers Auftritt in Dortmund (1:1) gesagt: „Das ist wirklich erstaunlich, was Weiser spielt. Den muss man im Auge behalten, er hat Potenzial für höhere Aufgaben.“

„Wenn ich weiter vorne spiele, habe ich mehr Offensivaktionen“

Mit Blick auf die Kreativ-Power im Mittelfeld der deutschen Nationalmannschaft (genannt seien hier Toni Kroos, Mesut Özil, Ilkay Gündogan, Mario Götze, Marco Reus, Max Meyer oder Julian Brandt) sieht Weiser seine Chance in der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw vor allem auf der rechten Außenverteidiger-Position. Da hat er zuletzt bei Hertha und in der deutschen U21-Nationalmannschaft überzeugt.

Gegen St. Pauli war Weiser wieder mal auf der rechten Seite im Mittelfeld im Einsatz und versuchte danach, seine Leistung herunterzuspielen: „Wenn ich weiter vorne spiele, habe ich mehr Offensivaktionen“, sagte er. Weiser hatte nicht nur das 2:0 von Valentin Stocker vorbereitet (54.), sondern vor 29.000 enthusiastischen Zuschauern am Millerntor auch das wichtige 1:0 selbst erzielt (42.).

Dardai weiß um das Potenzial Weisers – und um dessen Hang, manchmal etwas zu früh zufrieden zu sein. Weshalb der Trainer seinen Hochbegabten in die Pflicht nahm: „Mitch muss dranbleiben, weiterarbeiten“, sagte Dardai. Vor allem aber registrierte der Ungar Fortschritte: Dass Weiser seine Körpersprache verbessert habe, präsenter auf dem Platz sei.

Kalou sieht noch Potenzial

Die gedankliche Schnelligkeit, mit der Weiser im Mittelfeld umschalten kann, wahlweise in den Rückwärts- oder den Vorwärtsgang. Dardai: „Und als rechter Außenverteidiger ist Mitch ein verkappter ­Spielmacher, der den Gegner vor ­Probleme stellt.“

Am Sonntag um 15.30 Uhr wartet in der Bundesliga das nächste Topspiel. Hertha tritt als Tabellen-Dritter beim Vierten, der in dieser Saison noch ungeschlagenen TSG Hoffenheim, an. Auch wenn erst ein Saisonviertel absolviert ist:

Einer der erfahrenen Hertha-Profis sieht seine Mannschaft noch lange nicht am Ende im Reife­prozess. ­Salomon Kalou (31) sagte: „Wir haben diesmal das Potenzial, es besser zu machen als ­vergangene Saison, weil wir rotieren können.“