Fußball-Bundesliga

Hertha nach 2:1 gegen Köln erst mal „Spitzenzweiter“

Noch nie hatten die Berliner in der Bundesliga-Geschichte zu diesem Zeitpunkt mehr Punkte auf ihrem Konto.

Herthas Niklas Stark feiert sein Tor

Herthas Niklas Stark feiert sein Tor

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Die Sprechgesänge wurden voller Inbrunst geschmettert: „Ihr könnt nach Hause fahr’n, ihr könnt nach Hause fahr’n“ sangen die Hertha-Fans in Richtung Gäste-Block. Mit 2:1 (1:0) hatte Hertha BSC das Topspiel der Liga am Sonnabend dank der Tore von Vedad Ibisevic (13. Minute) und Niklas Stark (74.) gegen den 1. FC Köln gewonnen – aber es war knapp. In der zweiten Minute der Nachspielzeit landete der Ball im Netz der Berliner, die Kölner bejubelten den vermeintlichen Ausgleich. Doch Schiedsrichter Frank Willenborg hatte auf Foulspiel von Artjoms Rudnevs an Marvin Plattenhardt bei der Balleroberung entschieden: Freistoß Hertha statt Ausgleich Köln – eine korrekte Entscheidung.

„Ich bin froh, dass wir gewonnen haben“, sagte Hertha-Trainer Pal Dardai, haderte aber mit der Schlussphase. „So viel Chaos wie bei uns in der letzten Viertelstunde, hatten wir noch nie. Das hat mir nicht gefallen.“

So langsam finden die Berliner Geschmack an den Spitzenpartien der Liga: Bei der ersten Auflage in dieser Saison war Hertha noch beim FC Bayern unterlegen (0:3). Aber schon vor einer Woche hatte der Hauptstadtklub mit dem Remis in Dortmund (1:1) gezeigt, dass er dabei ist, sich zu entwickeln. Gegen Köln gelang nun gar ein Sieg. Hertha schob sich mit dem fünften Erfolg zumindest für eine Nacht auf Rang zwei der Bundesliga hinter die Bayern.

Ibisevic erzielt zum vierten Mal in der Saison das 1:0

Eine erste kleine Feier hatte es vor dem Anpfiff gegeben: Marcelinho, Torjäger der Jahre 2001 bis 2006, ist in Berlin nach wie vor Publikumsliebling. Der mittlerweile 41 Jahre Brasilianer warb für sein Abschiedsspiel am 25. März 2017 im Olympiastadion und wurde vor der Ostkurve lautstark gefeiert.

Die Partie vor 60.576 Zuschauern – Saisonrekord für Hertha – war eng, das Niveau der Mannschaften liegt dicht beisammen. Sowohl Hausherren als auch Gäste legten Wert auf kompaktes Verteidigen. Nach einer vergebenen Chance von Ibisevic (9.) nutzte der Bosnier aber sogleich seine zweite: Mitchell Weiser hatte sich im Mittelfeld den Ball erobert und Glück, dass der Schiedsrichter nicht gesehen hatte, dass ihm der Ball an den Unterarm gesprungen war. Weiser sagte: „Der Ball springt mir aus einem Meter an die Hand. Aus meiner Sicht war das kein Handspiel.“

Er flankte scharf in die Mitte, Ibisevic nahm den Ball direkt, unten links schlug es im Kölner Tor ein, 1:0 (13.). Herthas Torjäger ist der Mann der wichtigen Treffer: Zum vierten Mal in dieser Saison erzielte Ibisevic das 1:0. Es war sein sechster Saisontreffer. Köln brauchte lange, um gefährlich zu werden. Doch als der zur zweiten Halbzeit eingewechselte Leonardo Bittencourt der Hertha-Abwehr entwischte, den Ball vorbei an Torwart Rune Jarstein legte, brauchte FC-Torjäger Anthony Modeste aus zwei Metern nur noch einzuschieben, 1:1 (65.). Ausgleich – auch im Duell der beiden Torjäger. Fast hätte Modeste erneut getroffen, köpfte aber knapp am Hertha-Tor vorbei (69.).

Die Berliner bewahrten die Ruhe

Die Herthaner zeigten dann plötzlich eine neue Qualität: Trotz des Rückschlages bewahrten sie die Ruhe. Eine Kopfball-Chance von John Brooks lenkte Kölns Torwart Timo Horn über die Latte (71.). Drei Minuten später aber setzten sich die Berliner durch: Der eingewechselte Julian Schieber legte per Kopf am zweiten Pfosten den Ball in die Mitte zurück, Stark köpfte energisch ins rechte Eck, 2:1 (74.). „Das ist ein geiles Gefühl, wenn der Ball ins Netz geht und die Ostkurve explodiert“, schwärmte Stark.

Köln drängte auf den Ausgleich, Hertha stemmte sich mit allen Mitteln dagegen. Die Berliner hatten Glück, als der Kölner Simon Zoller den linken Pfosten traf, nur Sekunden später lenkte Torwart Jarstein einen weiteren Ball an den Pfosten (87.). Auf der Gegenseite vergab Schieber frei vor dem FC-Tor die endgültige Entscheidung (90.). „Das war mir zu viel Chaos, so etwas darf uns nicht noch mal passieren“, monierte Dardai.

In der hektischen Schlussminute durfte Hertha froh sein, dass Schiedsrichter Willenborg bei der entscheidenden Szene freien Blick auf das Foul an Plattenhardt hatte. FC-Trainer Peter Stöger sagte dazu: „Zu Schiedsrichtern äußere ich mich nicht, das kommt nicht so gut. In jedem Fall hatten wir das Glück nicht auf unseren Seite.“

Homophobes Plakat in der Ostkurve sorgt für Ärger

Vier Heimspiele, vier Siege – ist Hertha Bayern-Jäger? „Wir spielen im Moment gut, aber die Saison ist lang. Wir haben noch nicht mal November. Aber wir sind kein Bayern-Jäger, das sind andere Mannschaften“, sagte Ibisevic.

Negativ fiel ein homophobes Plakat in der Ostkurve in der zweiten Halbzeit auf, das an WH96 („Wilde Horde 96“, eine Ultra-Gruppe des 1. FC Köln) adressiert war, : „WH96: Lieber eine Mutter als zwei Väter.“