Kolumne

Hertha wandelt auf den Spuren von Leicester City

Hertha testet einen Amateurkicker mit dem klangvollen Namen Ronaldo. Der Beginn eines Fußball-Märchens? Die Kolumne "Immer Hertha".

Die Mannschaft von Hertha BSC

Die Mannschaft von Hertha BSC

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

In den Ohren von Fußball-Liebhabern klingt der Name wie Poesie: Ronaldo. Sieben Buchstaben, die vor Kraft und Dynamik nur so strotzen, ganz gleich, ob man dabei an den einstigen Wunderstürmer aus Brasilien denkt, der bis heute einen Stammplatz in den Albträumen von Oliver Kahn hat, oder den pfauenhaften Portugiesen, der das Bild des kickenden Modellathleten auf ein neues Level hievte. Hach, Ronaldo!

Ob „Il Fenomeno“ oder „CR7“, beide beherrsch(t)en die Kunst, inmitten der gegnerischen Verteidiger Wege zu finden, wo eigentlich keine zu sein scheinen. Insofern muss sich ihr junger Namensvetter, der in dieser Woche auf dem Trainingsplatz von Hertha BSC auftauchte, nicht verstecken. Denn auch er hat einen Weg gefunden, der eigentlich nicht mehr existiert.

Ronaldo Melo Cavalcante heißt der erst 19 Jahre alte Gast, der sich aktuell in Reihen der Bundesliga-Profis beweisen darf. Eine Woche Probetraining, mal schnuppern. Eigentlich nichts Besonderes, würde er nicht beim Berliner Bezirksligisten Club Italia spielen. Hertha testet Ronaldo – die Schlagzeile war groß, noch größer aber waren die Fragezeichen über den Köpfen ihrer Leser. Ein Achtligist unter Bundesligaprofis? Was soll dabei schon rumkommen?

Wer in jungen Jahren auf sich aufmerksam macht, kann es weit bringen

Tatsächlich ist es im modernen Fußball kaum noch vorstellbar, dass ein Rohdiamant wie Ronaldo unter dem Radar der Scouts hindurchfliegt. Wer in jungen Jahren auf sich aufmerksam macht, steht schnell auf den Zetteln der großen Klubs, sei es bei Hertha, RB Leipzig oder anderswo. Früh werden die Jungspunde eingefangen, um ihnen in Nachwuchsleistungszentren den schnellstmöglichen Anlauf für den Absprung ins Profi-Business zu ermöglichen. Nur ist Ronaldo einfach durchgeflutscht durch das feinmaschige Netz aus findigen Talentscouts und Spielerberatern.

Zugegeben: Viel Zeit hatten sie nicht, um den hochbegabten Linksfuß zu entdecken. Aufgewachsen im Großraum Sao Paulo, kam Ronaldo erst Anfang dieses Jahres nach Deutschland. Die Sehnsucht nach seinem Vater, der in Deutschland Capoeira-Workshops gibt, war groß, und natürlich reiste auch eine große Portion Fußball-Hoffnung mit ins Land des Weltmeisters. Die aber wurde schnell gedämpft: Regionalligist Berliner AK, in dessen strauchelnder A-Jugend Ronaldo eine enttäuschende Halbserie verbrachte, verlor im Sommer das Interesse. Berater Mirko Steiner führte den Mittelfeldspieler daraufhin zu Club Italia und damit in die Obhut des hochdekorierten Ex-Profis Thomas Häßler, der den Verein seit dieser Saison coacht. Die Idee: Solange das Training von hoher Qualität ist, tut’s auch eine niedrige Spielklasse. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Dardai entdeckte Ronaldo bei einem Testspiel

Hertha-Trainer Pal Dardai entdeckte Ronaldo bei einem Testspiel gegen Club Italia vor fünf Wochen, lud ihn kurzerhand ein und hebelte damit die gängigen Wege in den Profi-Kosmos aus. Nun also darf sich der 1,71 Meter kleine Ronaldo mit den Großen messen und geht furchtlos in Zweikämpfe mit Champions-League-Sieger Salomon Kalou. Der erste Eindruck: auffällig unauffällig. Einen Unterschied von sieben Ligen, meinte Dardai, habe er jedenfalls nicht gesehen.

Nun ist nicht zu erwarten, dass Ronaldo am Ende der Woche einen Profivertrag unterschreibt. Trotzdem darf man gespannt sein, wie sich die Liaison entwickelt. Eine schöne Anekdote zum Träumen ist die Zufallsentdeckung ja allemal. Welcher Amateurkicker fantasiert nicht davon, auf den Spuren eines Miroslav Klose zu wandeln, der mit 20 noch in der fünften Liga auflief, ehe er bester Torschütze der WM-Historie wurde (und dabei einen gewissen Ronaldo entthronte)?

Genauso verleitet Hertha seine Fans zum Träumen. Warum sollen nicht die Berliner mal einen verborgenen Schatz heben? So wie Englands Sensationsmeister Leicester, dessen Star Jamie Vardy vor sechs Jahren noch in Liga sieben rumkrebste. Ja, es gibt sie noch, die Fußballmärchen. Ob Hertha und Ronaldo ein Kapitel beisteuern können, wird die Prosa der Wirklichkeit zeigen.