Bundesliga

Hertha BSC: Lass das mal den Papa machen

Vedad Ibisevic trifft für Hertha BSC doppelt beim 2:0 gegen den Hamburger SV. Zuvor war er Vater einer Tochter geworden.

Vedad Ibisevic (M) aus Berlin und der Hamburger Lewis Holtby (r) kämpfen um den Ball.

Vedad Ibisevic (M) aus Berlin und der Hamburger Lewis Holtby (r) kämpfen um den Ball.

Foto: dpa

Alle jene Fußballliebhaber, die über einen Besuch des Olympiastadions nachgedacht haben und sich dagegen entschieden, haben etwas verpasst. Hertha BSC und der Hamburger SV lieferten sich vor 57.656 Zuschauern eine denkwürdige Partie. In der die Berliner mit Qualitäten überzeugten, die ihnen selbst die eigenen Fans nicht zugetraut haben.

Da soll die Liga reden über die Dominanz der Bayern, die Tormaschine aus Dortmund und die Siege des neureichen Aufsteigers aus Leipzig. Hertha ist im Windschatten unterwegs – und stellt mit dem 2:0 (1:0) gegen den HSV am Sonnabend den eigenen Startrekord ein: 13 Punkte nach sechs Runden in der Bundesliga schaffte eine Hertha-Mannschaft erst ein einziges Mal zuvor: 1970/71.

Die Begegnung gegen den Lieblingsgegner von der Elbe – gegen niemanden hat Hertha so oft gewonnen – hatte viele Facetten. Etwa die stehenden Ovationen, die Vedad Ibisevic nach 85 Minuten erhielt. Mit „Ibisevic-Ibisevic“-Sprechchören wurde er verabschiedet. Der Torjäger hatte beide Treffer erzielt, bedankte sich während seiner Auswechslung bei den Fans – das sind Tage, für die man Fußball-Profi wird. Nur, dass es für Ibisevic an diesem Tag Wichtigeres gab als Fußball.

Die Tochter kam um 22.19 Uhr

Am Abend zuvor hatte sein Handy geklingelt. „Meine Frau war schon im Krankenhaus“, erzählte Ibisevic, die Familie erwartete Nachwuchs. „Um 21 Uhr begann die Geburt, um 22.19 war die Tochter da.“ Ibisevic war dabei. „Es war überragend, es geht ihnen allen gut.“ Eine Tochter, Zejna, 52 Zentimeter groß, 3340 Gramm schwer. Dabei hatte er ganz irdische Bedenken. „Ich habe immer auf die Uhr geguckt, wie lange ich noch schlafen kann.“ Um Mitternacht war Papa Ibisevic im Hotel.

Das, was die Zuschauer im Olympiastadion nach 29 Minuten erlebten, war intern abgesprochen. Ausgelassen feierten die Teamkollegen den ersten Ibisevic-Streich gegen den HSV mit einem Baby-Jubel. Vorausgegangen war eine Hertha-Ecke. Von der Strafraumgrenze hatte Alexander Esswein abgezogen, vom Hamburger Pierre-Michel Lasogga flipperte die Kugel in Richtung Ibisevic. Der stoppte sechs Meter vor dem HSV-Tor den Ball mit dem linken Fuß und schob ihn mit dem rechten flach ins lange Eck, 1:0.

Diese Führung veränderte die Partie. Bis dahin hatten die Hamburger mit ihrem neuen Trainer Markus Gisdol eine beherzte Vorstellung geboten. Die Hausherren waren zweimal im Glück. Nicolai Müller köpfte einen Ball über Hertha-Torwart Rune Jarstein und die Latte (11.). Im nächsten Angriff tauchte Filip Kostic frei vor dem Berliner Tor auf, sein Schuss landete auf dem Netz (12.).

Belagerungsring um den Berliner Strafraum

Die Partie war intensiv und umkämpft, zusammenhängende Kombinationen waren bis zur Pause rar gesät. Wenn der Ball aber lief, wurde es gefährlich. Hertha erarbeitete sich in Minute 15 drei Chancen binnen 60 Sekunden. Einen überfallartigen Konter beendete Mitchell Weiser mit einem Schuss an die Latte des HSV-Tores. Bei der sich anschließenden Ecke lenkte HSV-Torwart Rene Adler einen Genki-Haraguchi-Schuss zur Ecke. Nur Sekunden später hatte Haraguchi den Ball erneut auf dem Fuß und traf aus 17 Metern den linken Pfosten.

Mit der Führung im Rücken zogen sich die Berliner zurück. Der HSV setzte nach. Einen Lasogga-Freistoß lenkte Hertha-Torwart Jarstein an die Latte (37.). Nach der Pause setzte Hertha seine Taktik, dem Gegner Raum und Ball zu überlassen und selbst auf Konter zu spielen, besser um. Optisch waren die Gäste in ihren pinken Trikots nun überlegen, sie zogen eine Art Belagerungsring um den Berliner Strafraum. Der HSV vermochte sich gegen die kompakte Defensive aber kaum Chancen herausarbeiten.

Während sich Hertha nun reichlich Platz zum Kontern bot. Esswein spielte bei einem spektakulären 60-Meter-Solo seine Geschwindigkeit aus, doch der letzte Pass in die Spitze war für Valentin Stocker nicht zu erreichen (57.).

Sachlicher Ibisevic

Dafür war Stocker bei der Szene entscheidend beteiligt, die die Begegnung entschied. Plattenhardt hatte einen Pass in den HSV-Strafraum gespielt, der Schweizer wuselte sich mit seinem beweglichen Körper vorbei an Gegenspieler Albin Ekdal, der Hamburger grätschte, erwischte aber nur die Beine von Stocker – Elfmeter.

Ibisevic legte sich den Ball zurecht und verwandelte sicher – 2:0, das fünfte Saisontor des Bosniers (70.). „Glückwunsch an Vedad“, sagte Trainer Pal Dardai, „das war gutes Timing.“ Abwehrchef Sebastian Langkamp lobte: „Das war ein Spiel nahe am Idealzustand.“

Ibisevic blieb trotz der Aufregung um ihn herum sachlich. Trotz des exzellenten Starts mahnt der Stürmer: „Wir sind nicht Bayern München oder Barcelona. Wir wissen, was wir können und was wir nicht können. Hier braucht jetzt niemand durchzudrehen.“ Zumal nach der Länderspielpause die nächste Standortbestimmung wartet. Am 15. Oktober geht es zu Borussia Dortmund.