Hertha BSC

Torwart Rune Jarstein – Einer zum Festhalten

Rune Jarstein komplettiert gegen den HSV seine ganz persönliche Saison im Hertha-Tor. Er ist zur unverzichtbaren Größe geworden.

Rune Jarstein beherrscht souverän den Hertha-Strafraum und wirkt zudem sicher im Aufbauspiel der Berliner mit

Rune Jarstein beherrscht souverän den Hertha-Strafraum und wirkt zudem sicher im Aufbauspiel der Berliner mit

Foto: O.Behrendt / contrastphoto

Berlin.  Auf große Feierstimmung hatte er keine Lust. Ein Geburtstag sei nun mal ein Geburtstag, sagt Herthas-Keeper Rune Jarstein, der Donnerstag 32 Jahre alt wurde und trotzdem ein wenig länger auf dem Trainingsplatz blieb als seine Kollegen. Weiterarbeiten wie immer, schließlich gibt es nichts, worauf er sich ausruhen könne. Sechs Gegentore kassierte er in den jüngsten zwei Partien – „damit bin ich natürlich nicht zufrieden“, sagt der Norweger.

Dass Hertha heute einen Rekordstart von 13 Punkten in sechs Spielen einstellen kann, sieht Jarstein deshalb ähnlich nüchtern wie seinen Jahrestag, und doch wird ihn der Hauch des Besonderen begleiten, wenn er an diesem Sonnabend im Duell mit dem Hamburger SV auf den Rasen tritt (15.30 Uhr, Olympiastadion und im Liveticker bei immerhertha.de).

Gegen die Hanseaten schließt sich für Jarstein ein Kreis, er komplettiert seine ganz persönliche Saison. Am 5. Spieltag der vergangenen Spielzeit hatte er den verletzten Thomas Kraft ersetzt und danach nur einmal aussetzen müssen. Nun also läuft er zum 34. Mal als Herthas Nummer eins auf.

72 Prozent gehaltene Bälle in der letzten Saison

„Dieses ganze letzte Jahr“, sagt Jarstein, „war eine tolle Erfahrung, ich habe das wirklich genossen“. Längst hat sich der einstige Ersatzmann zu einem echten Rückhalt entwickelt, weil auf seine Strafraumbeherrschung genauso Verlass ist wie auf sein sicheres Mitwirken im Aufbauspiel. Dazu kam 2015/16 eine starke Quote von 72 Prozent gehaltener Bälle – der fünfbeste Wert der Liga.

Rune Jarstein hat sich einen Namen gemacht im Torhüterland Deutschland, er ist inzwischen wer. Die Frage bleibt aber: Wer ist eigentlich dieser Rune Jarstein?

Leicht zu dechiffrieren ist er nicht. Zum Termin erscheint der 1,90-Meter-Hüne leger in Lifestyle-Jogginghose und T-Shirt, unter seiner Baseballkappe scheint das warme Lächeln eines zweifachen Familienvaters durch. Blickt er jedoch ernst, könnte er mit seinen kantigen Gesichtszügen, den breiten Schultern und gigantischen Händen auch als Türsteher eines Berliner Nachtklubs durchgehen.

Nur der Berliner Verkehr bringt ihn aus der Fassung

Per Skjelbred fällt es nicht leicht, seinen Landsmann zu beschreiben. „Rune“, sagt er, eher er stockt, „ist einfach... Rune.“ Ein ruhiger Typ sei er, meint Torwarttrainer Zsolt Petry, aber einer mit einem feinen Sinn für Humor und ohne großes Ego, dazu im Alltag etwas tapsig. Im Team wird er geschätzt, auch weil ihn fast nichts aus der Fassung zu bringen scheint. Neben Fehlern auf dem Feld, sagt Jarstein, schaffe das höchstens der Berliner Verkehr.

Aufgewachsen ist er in der 50.000-Einwohner-Stadt Skien. Dort dreht sich sein Leben schon als Kind fast ausschließlich um Fußball. Nach der Schule trifft er sich jeden Tag mit Freunden zum Kicken, andere Hobbys braucht er nicht. „Nur zum Angeln bin ich ab und zu gegangen“, sagt er, „das hat mich beruhigt“. Am Ufer der Seen träumt er von Europas Top-Ligen und großen Klubnamen, von Pokalen und gefüllten Stadien. Ob die Makrelen anbeißen, ist dabei gar nicht so wichtig.

Auch in Norwegen ist er wieder die Nummer eins

Heute lebt er seinen Traum. Dass er es bei Hertha nach anderthalb Jahren als Reservist zur Nummer eins geschafft hat, war der dickste Fang seiner Karriere. Den will er festhalten, gemeinsam mit Petry arbeitet er gewissenhaft an Nuancen. „Er liest das Spiel mittlerweile besser“, lobt der Coach, „sein Stellungsspiel ist jetzt offensiver, das macht es für den Gegner sehr schwer“. Konkurrent Kraft konnte ihn nicht mehr verdrängen, Jarstein indes rückte auch in Norwegens Nationalteam wieder zwischen die Pfosten.

„Die Ruhe, die er ausstrahlt, tut uns gut“, lobt auch Dardai, der damit wohl nicht nur das Auftreten auf dem Platz meint. Konstant starke Leistungen, klare Kommunikation und eine unaufgeregte Art – Jarstein ist einer, an dem sich Hertha festhalten kann.

So soll es auch gegen den HSV wieder sein. Seine erfolgreiche Saison als Stammkeeper, die ihn und Hertha beinahe in die Europa League geführt hätte, hat ihn nur hungriger gemacht. „Ich glaube, wir sind besser als letzte Saison, wir sind noch enger zusammengewachsen“, sagt Jarstein. Auch dank ihm. Sollte er heute alles halten, was auf seinen Kasten kommt, wird er vielleicht auch in Feierlaune kommen.