Fussball

Hertha BSC legt den besten Saisonstart seit 46 Jahren hin

Alles, nur nicht langweilig: Hertha BSC bietet schöne Tore, es gibt Joker, die stechen - und dazu kommt hinten ein Schuss Naivität.

Foto: KAI PFAFFENBACH / REUTERS

Berlin.  Das Programm am Tag nach einem Spiel musste durchgezogen werden: 40 Minuten laufen, dann eine Massage der müden Beine. Der Körper soll ja regenerieren. Erst nachdem all das am Sonntag überstanden war, fuhr Pal Dardai zu seiner Familie nach Hause und lud sie zum Essen ein.

Herthas Cheftrainer hatte seinen Spielern nach dem 3:3 in Frankfurt am Sonnabend zwei Tage freigegeben und absolvierte statt ihnen das Auslaufen. Es war eine Belohnung für die Mannschaft und sich selbst – zumindest die Massage.

Denn trotz des kassierten Ausgleichstreffers in der Nachspielzeit gegen die Eintracht war das Ganze bisher viel besser gelaufen als gedacht: Mit zehn Punkten nach fünf Spieltagen hat Hertha BSC seinen besten Saisonstart in der Bundesliga seit 46 Jahren hingelegt. „Natürlich war das in Frankfurt schade“, sagt Dardai der Morgenpost, „aber insgesamt ist das jetzt ein sehr schöner Moment“.

Trainer Dardai setzt sich Punkt-Ziele für alle vier Spiele

Man hat das Hertha keineswegs zugetraut, als im Sommer nach dem vergeigten Europa-Abenteuer die Fahne pur auf Halbmast hing. Das war die Außenansicht. Interessant ist jedoch, dass auch die eigenen Erwartungen für den Start in die Spielzeit übertroffen wurden.

Vor Saisonbeginn hatte Dardai die Mannschaft zusammengetrommelt und gemeinsam mit ihr Zwischenziele formuliert: Wie viele Punkte trauen wir uns durchschnittlich alle vier Spiele zu? Im Jahr davor hatten sich Fabian Lustenberger und Co. auf fünf aus je vier Partien geeinigt.

Dieses Mal liegt der angepeilte Schnitt etwas höher: Den ersten Vier-Spiele-Zyklus beendete Hertha mit „überragenden“ (Dardai) neun Punkten. Nun wurde der neue mit einem Zähler in Frankfurt begonnen. „Ich bin zufrieden“, sagt Dardai. „Das ist ein schöner Anfang, aber ein guter Start ist es erst, wenn wir gegen den HSV gewinnen.“ Dazu später mehr.

Wie ein besoffener Abend in einer Berliner Kneipe

Denn es gilt zunächst, noch einmal auf dieses Spiel gegen Frankfurt zurückzublicken – einem Schlachtengemälde, das nur den Zuschauer als Sieger zeigt, eine Partie, die sich anfühlte wie ein besoffener Abend in Berliner Kneipen: Alles begann ohne Erwartungen, dann gab es Hochs, Tiefs – und bis zum Ende wusste man nicht, wo man landen würde.

Es war alles, nur nicht langweilig, und damit erzählt das Spiel in Frankfurt viel darüber, was Hertha in dieser Saison bisher geboten hat: Es gibt schöne und späte Tore, die Joker stechen, und hinten kann man ein paar Kalamitäten bestaunen, bei denen man sich fragt, ob das Naivität oder Unfähigkeit ist. Die Berliner bieten Spektakel – schönes und nervenaufreibendes.

Neun Tore haben die Blau-Weißen in diesen fünf Spielen erzielt – darunter ansehnliche Schlenzer wie die von Mitchell Weiser gegen Schalke und Alexander Esswein nun gegen die Eintracht. Auch der Volleyschuss von Vedad Ibisevic gegen Frankfurt konnte sich sehen lassen.

Schon vier Saisontore von Einwechselspielern

Dazu hat sich Hertha dramaturgisch begabt gezeigt: Die späte Wende gegen Freiburg (2:1) und nun jene gegen Frankfurt – allerdings in die andere Richtung. Für Dardai am besten aber ist, dass er plötzlich Profis einwechselt, die auch noch Einfluss auf das Spiel nehmen.

Der Treffer von Esswein zum 3:2 in Frankfurt war bereits das vierte Jokertor für Hertha in dieser Saison. „Die Spieler, die von der Bank kommen, haben jetzt Spaß, noch etwas zu bewegen, wenn sie eingewechselt werden“, hat Dardai beobachtet. Schieber, Esswein, Stocker – sie würden ihre Rollen akzeptieren, so der 40-Jährige. Im vergangenen Jahr war das noch nicht so. Da kam wenig von der Bank.

Was Dardai nicht so gut gefällt, ist die Einfachheit einiger Gegentore: Der Ausgleich in Frankfurt durch Michael Hector glich dem zwischenzeitlichen von Freiburg in Berlin: Flanke in den Hertha-Strafraum, Kopfball und zack. Oder der schlimme Ballverlust von Allan gegen die Bayern. „Wir sind manchmal einfach noch zu naiv“, sagt Dardai.

Eine Zigarre zur Belohnung

Aber nun zurück zum anstehenden Spiel gegen den HSV am Sonnabend. Wenn man das gewänne, überdauerte man auch die Länderspielpause im oberen Tabellendrittel. Es wäre dann im Übrigen der beste Bundesligastart aller Zeiten der Herthaner eingestellt (1970/71 waren es umgerechnet 13 Punkte nach sechs Spielen).

Und bei der neuen Vier-Spiele-Rechnung wäre man auch voll im Soll: Es geht danach nach Gladbach, wo selten was geht, und gegen Köln. Es ist für Hertha natürlich noch ein längeres Programm durchzuziehen, bis Dardai am Ende der Spielzeit auch von einem schönen Moment sprechen kann. Am Sonntag aber zündete er sich zumindest mal eine Zigarre an, um den jetzigen zu genießen.