Liveblog

3:3 - Hertha gewinnt einen Punkt - und ein Baby

In einem furiosen Spiel kassiert Hertha gegen Frankfurt das 3:3 in der Schlusssekunde. Esswein trifft - und macht die Geste des Tages.

Gruß an die schwangere Frau: Herthas Alexander Esswein (l.) jubelt nach seinem Treffer zum 3:2 gegen Frankfurt mit Fabian Lustenberger und Niklas Stark

Gruß an die schwangere Frau: Herthas Alexander Esswein (l.) jubelt nach seinem Treffer zum 3:2 gegen Frankfurt mit Fabian Lustenberger und Niklas Stark

Foto: Uwe Anspach / dpa

Es gibt Fußballspiele, die süß und bitter zugleich schmecken können. Spiele, die Geschichten vom werdenden Leben, vom Ankommen in einer neuen Umgebung und dem sich Aufbäumen gegen eine drohende Niederlage erzählen, und dann immer noch Platz genug in sich finden, um das Schöne in der letzten Sekunde doch noch einzureißen und von einer großen Enttäuschung zu berichten.

Für alle Hertha-Fans mag das 3:3 (1:2) der Berliner am Sonnabend gegen Eintracht Frankfurt durch den späten Ausgleich von Michael Hector in der zweiten Minute der Nachspielzeit einen bitteren Geschmack hinterlassen. Für alle anderen Fußballfans der Republik war diese fulminante Partie ein Fest, weil sie die ganze Klaviatur dieses wunderschönsten und gemeinsten Spiels der Welt zugleich präsentierte.

Sie sahen Tore von Vedad Ibisevic (19., 58.), Marko Fabian (39.), Alexander Meier (45.), Alexander Esswein (65.) und eben Hector (90.+2.). „Für uns Trainer“, sagte Herthas-Coach Pal Dardai und schaute seinen Kollegen und ehemaligen Mitspieler Niko Kovac neben sich an, „waren das gefühlt zu viele Tore. Für die Zuschauer ist das aber natürlich schön.“

Gruß an Frau Franziska

Alexander Esswein stand ein paar Minuten nach Abpfiff ratlos da. Schön wäre auch seine Geschichte gewesen, es hätte sein Nachmittag werden sollen. In 130 Bundesligaspielen hatte der 26-Jährige für Wolfsburg, Nürnberg und Augsburg insgesamt zehn Tore erzielt und elf vorbereitet – was eine ziemlich durchwachsene Quote für einen Angreifer ist.

Am Sonnabend benötigte Esswein exakt 20 Minuten nach seiner Einwechslung zur zweiten Halbzeit, um das 2:2 durch Ibisevic mit einer schönen Bananenflanke vorzubereiten und das 3:2 mit einem noch schöneren Bananenschuss ins lange Eck zu markieren. Danach schob sich der Zugang aus Augsburg einen Ball unters Trikot und steckte den Daumen in den Mund.

Ein Gruß an seine Frau Franziska, die im vierten Monat schwanger ist. „Es wäre alles nach Maß gelaufen, wenn wir nicht dieses späte Ausgleichstor kassiert hätten. Jetzt fühlt es sich extrem bitter an“, sagte Esswein.

"Vor dem Spiel hätten wir einen Punkt gern genommen“

Hertha verpasst in Frankfurt den vierten Saisonsieg und rutscht mit zehn Punkten auf Platz sechs ab – direkt hinter die punktgleiche Eintracht. „Vor dem Spiel hätten wir einen Punkt gern genommen“, sagte Kapitän und Doppeltorschütze Ibisevic, ­nachdem er ungläubig mit dem Kopf geschüttelt hatte. „Aber nach der Leistung der zweiten Halbzeit tut das weh.“

Eine Leistungssteigerung hatte es von den Herthanern bedurft, weil sie sich in Halbzeit eins durch Fahrlässigkeiten selbst in die Bredouille gebracht hatten. Zunächst hatte Valentin Stocker, der diesmal für den verletzten Spielgestalter Vladimir Darida beginnen durfte und das sehr ordentlich machte, einen Elfmeter gegen seinen Schweizer Landsmann Haris Seferovic herausgeholt. Ibisevic verwandelte ihn trocken zum 1:0 (19.).

Doch dann folgten zwei Gegentreffer der Marke „Da will der Trainer in die imaginäre Tischkante beißen“: Nach einer Berliner Ecke schaltete Frankfurt schnell um und benötigte exakt 13,8 Sekunden vom eigenen bis zum Hertha-Tor: Der Mexikaner Fabian schob zum 1:1 ein (39.). Noch ärgerlicher das 1:2: Wieder Ecke, diesmal Frankfurt. Ibisevic bekam den Ball ans Schienbein und von dort sprang er vor Meiers Füße: Bumm. 2:1 (45.). Es war bereits Meiers sechster Treffer gegen Hertha in den vergangenen fünf Spielen.

Erinnerungen an das 4:4 gegen die Eintracht 2014

Doch dann kam Esswein nach der Pause – für den an diesem Tag ­schwachen Peter Pekarik. Dann seine Bananenflanke: Ibisevic nahm den Ball volley zum 2:2 (58.). Es war der dritte Saisontreffer des Bosniers. Dann der Bananenschuss von der äußeren Strafraumgrenze um Eintracht-Keeper Lukas Hradecky herum zum 3:2 (65.).

Daumen in den Mund. Gruß ans gedeihende Baby im Bauch seiner Frau. Alles sah danach aus, als erzähle diese Partie auch von der Ankunft des 2,5 Millionen-Euro-Einkaufs bei den Herthanern – es waren seine ersten beiden Torbeteiligungen. Und hätte der eingewechselte Julian Schieber in der 87. Minute nicht den Kopf, sondern den Fuß genommen, als er allein vor Hradecky auftauchte, es wäre so gekommen.

Doch die 45.000 Zuschauer bekamen noch eine Pointe zu sehen: Die Nachspielzeit lief, da flankte der eingewechselte Ante Rebic auf den eingewechselte Hector im Berliner Strafraum, Herthas Verteidiger Niklas Stark kam zu spät – und fertig war dieses „verrückte Spiel“ (Dardai). In seiner ganzen Schönheit und Gemeinheit erinnerte es an das 4:4 der Berliner gegen Frankfurt im Dezember 2014. Auch­ ­damals wähnten sich die Blau-Weißen als Sieger, auch damals glich die Eintracht spät aus. Auch damals sprachen alle außerhalb von Berlin von einem tollen Fußballspiel.

Die Partie zum Nachlesen bei "Immer Hertha":