Hertha BSC

Dardai gegen Kovac – Rivalität in der Verlängerung

Als Spieler kämpften Pal Dardai und Niko Kovac um einen einzigen Platz bei Hertha. Nun treffen sie als Trainer aufeinander.

Niko Kovac (hinten) und Pal Dardai spielten von 2003 bis 2006 zusammen für Hertha. 1998 allerdings trafen beide mit Berlin und Leverkusen aufeinander

Niko Kovac (hinten) und Pal Dardai spielten von 2003 bis 2006 zusammen für Hertha. 1998 allerdings trafen beide mit Berlin und Leverkusen aufeinander

Foto: dpa Picture-Alliance / Achim Scheidemann / picture-alliance / dpa

Berlin.  Die Vergangenheit hat das Problem, dass sie vergangen ist. Alles, was man sich heute von ihr erzählt, erhält unweigerlich einen Anstrich, je nachdem auf welcher Seite man steht. Und verschiedene Seiten gibt es in dieser Geschichte genug.

Pal Dardai und Niko Kovac waren einst zwei sich ähnelnde Mittelfeldarbeiter, die bei Hertha BSC um einen Platz im Team konkurrierten. Nicht die Größten und eher fürs Grobe zuständig. Damals nannte man sie „Staubsauger vor der Abwehr“, und davon konnte es nur einen in der Startelf geben. Das ist mehr als zehn Jahre her, aber der Fußball lebt auch von alten Geschichten, die neu erzählt werden, und deswegen erinnert man sich jetzt an dieses Duell, weil Dardai (40) und Kovac (44) sich nun in der Gegenwart wieder gegenüberstehen und erneut dasselbe wollen: Dardai möchte mit Hertha am Sonnabend bei Eintracht Frankfurt den vierten Saisonsieg (15.30 Uhr, Liveticker bei immerhertha.de), Kovac will dasselbe mit den Hessen. Erstmals treffen sie als Trainer aufeinander.

Hans Meyer und Falko Götz erinnern sich ans Duell

Dardais Anstrich der gemeinsamen Vergangenheit mit Kovac klingt so: 2003 holte der damalige Hertha-Trainer Huub Stevens den im Wedding aufgewachsenen Kovac nach Berlin zurück. Der war zu Zweitligazeiten 1996 von Hertha nach Leverkusen gewechselt, ein halbes Jahr später kam Dardai. Nun wollte Stevens „mit zwei Dardais spielen“, wie der Ungar heute erzählt. Deshalb kam Kovac, der in der Zwischenzeit mit den Bayern Doublegewinner und Weltpokalsieger geworden war, aber mit Hertha spielte er gegen den Abstieg.

Von dort aus ging es so weiter: „Hans Meyer kam als Trainer, Niko sollte zu den Amateuren, und wir haben uns gerettet“, sagt Dardai. Meyer setzte bis Sommer 2004 auf ihn und schob Kovac ab. „Aber dann kam Falko Götz, und ich habe sieben Monate auf der Bank gehockt.“ Götz entschied sich für Kovac. Zwei Trainer, zwei Auffassungen, und zwei Spieler dazwischen, von denen immer nur einer glücklich war. Zwei Seiten. Dardai sagt: „Einmal musste Niko warten, einmal ich.“

Anruf bei Hans Meyer: „Pal war ein Spieler, der unglaublich ans Team gedacht hat“, sagt der heute 73-Jährige. Als Fußballer sei er zwar kein Messi gewesen, „aber auf dem Platz und in der Kabine hat er für mich eine extrem wichtige Rolle gespielt“.

Zwei Trainer, zwei Ansichten

Meyer kann sich an dieses halbe Jahr in Berlin 2004 noch gut erinnern. Wie es an ihm, der aus dem fußballerischen Ruhestand kam, zerrte, wie er unbedingt die Klasse halten musste. Er übernahm Hertha auf Platz 17, am Ende wurde er Zwölfter. Dardai habe damals eine korrekte Selbsteinschätzung gehabt und sich viele Gedanken gemacht, wie wir „aus dem Schlamassel herauskommen“, erinnert sich Meyer.

Den viereinhalb Jahre älteren und weit renommierteren Kovac schickte er zu den Amateuren, das Verhältnis war belastet. „Man muss klar sagen, dass ich damals meine Leistung nicht konstant gebracht habe“, hat Kovac gerade „11Freunde“ erzählt. Meyer sagt nur das über Dardai: „Er hatte den bedingungslosen Willen. Ich kann mich heute noch bei ihm bedanken, dass er und ein paar andere mich damals so unterstützt haben.“

Anruf bei Falko Götz: „Niko war ein extremer Mannschaftsspieler, ein Führungsspieler, der die Mannschaft mitreißen konnte. Er hat immer als erstes an das Team gedacht. Deshalb habe ich mich für ihn entschieden“, sagt der 54-Jährige. Sein Verhältnis zu Dardai galt als belastet. Zwei Trainer, die sich damals aus ihrer Sicht für den mannschaftsdienlicheren Profi entschieden, zwei Anstriche der Vergangenheit. Auch im Fußball ist die Karriere eines Angestellten bisweilen von den Vorlieben seines Vorgesetzten abhängig.

Beide starten als Nationalcoach und Retter

Das ist die Geschichte der Fußballprofis Pal Dardai und Niko Kovac – die sich glichen und deswegen in Berlin im Weg standen. Sie endete 2006 mit dem Abgang Kovacs nach Salzburg, ab dann begann eine neue – die von den Trainern Dardai und Kovac, deren Laufbahnen sich ebenfalls immer stärker gleichen, und die von ihren Mannschaften Ähnliches verlangen.

Beide starteten ihre Trainerkarrieren im Jugendbereich – Dardai 2013 bei Herthas U15, Kovac 2009 bei der U21 von Red Bull Salzburg. Beide übernahmen ohne Cheftrainererfahrung bei einem Profiteam ihre Nationalmannschaften – Dardai 2014 Ungarn, Kovac 2013 Kroatien. Und beide sollten ohne Bundesligaerfahrung als Trainer ihre Klubs vor dem Abstieg retten: Dardai übernahm Hertha 2015 auf Rang 17 und wurde Fünfzehnter. Kovac begann im März 2016 beim Sechzehnten Frankfurt und schaffte den Klassenerhalt erst in der Relegation.

„Wenn man mich damals gefragt hätte, welcher von meinen Spielern es später als Trainer richtig gut machen würde, hätte ich Pal Dardai genannt“, sagt Hans Meyer. „Bei Niko war ich nicht überrascht, als er Trainer wurde. Er hat damals schon wie einer gedacht“, sagt Falko Götz. Zwei Ansichten, zwei Anstriche.

Hertha und Frankfurt ähneln sich

Anruf bei Yanni Regäsel (20), einer von nur zwei Spielern, die unter beiden – Dardai und Kovac – in der Bundesliga trainierten. „Sie ähneln sich sehr“, sagt der Rechtsverteidiger, der 2015 unter Dardai bei Hertha debütierte und im Februar 2016 nach Frankfurt wechselte. „Sie setzen auf Disziplin, Kompaktheit in der Abwehr, und als Typen können sie außerhalb des Platzes auch mal weggucken, wenn wir Spieler uns einen Spaß erlauben“, sagt Regäsel.

Wie als Spieler gleichen sich Dardai und Kovac auch als Trainer – und mit ihnen ihre Teams. „Wir kommen über das Kollektiv“, sagt Kovac vor seinem ersten Duell gegen Hertha – ein Satz, den auch Dardai oft gebraucht. Demut und Fleiß predigen beide. Beide starteten mit neun Punkten in die Saison. Damals gab es nur einen Platz für sie bei Hertha, nun haben beide ihren in der Bundesliga gefunden. Aber der vierte Saisonsieg am Sonnabend – da kann es nur einen geben.