Hertha vs. Schalke

Hertha, Schalke und das Duell der Topstürmer

Hertha gegen Schalke, das ist das Duell der Top-Stürmer Ibisevic und Huntelaar. Warum die Oldies noch immer den Unterschied machen.

Im Vergleich zu Herthas Mitchell Weiser (l., 22) zählt Schalkes Klaas-Jan Huntelaar (33) zu den Oldies der Liga – genauso wie sein Berliner Pendant Vedad Ibisevic

Im Vergleich zu Herthas Mitchell Weiser (l., 22) zählt Schalkes Klaas-Jan Huntelaar (33) zu den Oldies der Liga – genauso wie sein Berliner Pendant Vedad Ibisevic

Foto: nph / Engler / picture alliance / nordphoto

Berlin.  Vielleicht sind es diese sechs Minuten aus dem Juni 2014, die die Qualität von Klaas-Jan Huntelaar eindrucksvoller unter Beweis stellen als irgendetwas sonst. WM-Achtelfinale in Fortaleza, Niederlande gegen Mexiko – nach 87 Minuten liegt die favorisierte Elftal 0:1 zurück. Bis zum großen Auftritt des eingewechselten Huntelaar, der die vorangegangene Bundesligasaison verletzungsbedingt zur Hälfte verpasst hatte, in der Gruppenphase ohne Einsatz geblieben und in den Heimatmedien schon als „WM-Tourist“ abgestempelt war.

Auf den cleveren Assist zum 1:1 (88.) folgte in der vierten Minute der Nachspielzeit ein sicher verwandelter Elfmeter zum Sieg, und selbst die schärfsten Kritiker mussten sich eingestehen: Abschreiben sollte man ihn besser nie, diesen Klaas-Jan Huntelaar.

Nun trifft diese Einsicht beileibe nicht nur auf den 33 Jahre alten Angreifer von Schalke 04 zu. Wenn er mit den Königsblauen heute im Olympiastadion gastiert (17.30 Uhr, Sky), trifft er gewissermaßen auf sein blau-weißes Pendant. Hertha-Stürmer Vedad Ibisevic (32) wurde ebenfalls schon etliche Male abgeschrieben, hat in Berlin aber bewiesen, dass auch er noch immer den Unterschied machen kann.

Und das nicht nur wegen seiner Tore, auch wegen seiner Qualitäten als Führungsspieler. Vor knapp fünf Wochen machte Trainer Pal Dardai den einsatzstarken Bosnier zu seinem neuen Kapitän.

Die Kritiker sind verstummt

Die Kernkompetenz der beiden Stürmer ist und bleibt aber eine andere: der Torriecher. 93 Treffer hat Ibisevic in 230 Bundesligaspielen erzielt, 0,4 pro Partie. Huntelaar kommt bei 161 Einsätzen auf 80 Treffer (0,49/Spiel). Beeindruckende Werte, die eigentlich für sich sprechen sollten, aber nicht verhindern konnten, dass beide schon Richtung Resterampe geschoben wurden.

Wie oft wurde Huntelaar im impulsiven Schalker Umfeld für ersetzbar erklärt? Zu fahrig, zu lethargisch, als Spielertyp nicht mehr zeitgemäß – der Mann, den der frühere Bonds- und Bayerncoach Louis van Gaal einst als „besten Strafraumspieler der Welt“ adelte, schien im modernen Fußball nicht mehr sonderlich gefragt.

In Ibisevics Fall tickte die Uhr, die das Ende seiner Profi-Zeit ankündigte, noch weit lauter. In Stuttgart hatte der ambitionierte Trainer Alexander Zorniger 2015 keine Verwendung mehr für den vormaligen Star-Stürmer. Abgeschoben nach Berlin, belehrte Ibisevic alle Zweifler eines Besseren, erzielte auf Anhieb zehn Saisontore und schuf mit seiner Strafraumpräsenz Platz für seine Nebenmänner.

Der Nachwuchs hat das Nachsehen

„Vedad hatte großen Anteil daran, dass Salomon Kalou so aufgeblüht ist“, sagt Michael Preetz, Herthas Manager und Rekordtorschütze. In den ersten fünf Spielen der neuen Saison war Ibisevic schon wieder an vier Toren direkt beteiligt.

Während Herthas Ältester derzeit einen höheren Stellenwert denn je genießt, muss sich Huntelaar einmal mehr der jungen Konkurrenz erwehren. In Breel Emobolo (19) hat Schalke einen der vielversprechendsten Stürmer Europas verpflichtet. Mit einer Ablösesumme von 22,5 Millionen Euro ist der Schweizer der teuerste Schalke-Zugang aller Zeiten – so wie zuvor Huntelaar bei seiner Ankunft von sechs Jahren (Ablöse: 14 Mio.).

Noch kokettiert der legitime Erbe mit dem Platzhirsch. „Als ich ein kleiner Junge war“, hat Embolo erzählt, „habe ich ihn sehr bewundert.“ Durchsetzen will er sich trotzdem. Für Sentimentalitäten ist im Profi-Fußball bekanntlich wenig Platz.

Für Herthas Kapitän zählt Huntelaar zu den Top 3 der Liga

Ob er keine Angst habe, dass ihm die jüngeren Spieler weglaufen, wurde Huntelaar kürzlich gefragt. „Bis jetzt habe ich das noch nicht erlebt“, sagte er schmunzelnd. Bein Instagram postete er ein Trainingsvideo, in dem zu sehen ist, wie er Embolo einen Beinschuss verpasst – schlitzohrig wie eh und je, mit dem Gespür fürs Besondere. Qualitäten, auf die der neue Trainer Markus Weinzierl nicht verzichten mag. Er setzte sich schon vor Amtsantritt mit dem Routinier in Verbindung, um ihm zu sagen, dass er mit ihm plant.

„Für mich zählt Huntelaar zu den Top-3-Stürmern der Liga“, sagt Ibisevic, der dem Alter keine große Bedeutung beimisst. „Kaltschnäuzig war er schon vor zehn Jahren“, das Toreschießen sei vielmehr eine Frage von Gesundheit und der eigenen Einstellung.

Sollen sie doch weiter philosophieren, die Statistik-Nerds und Taktik-Gurus, über falsche Neuner oder das Comeback echter Stürmer. Ibisevic und Huntelaar werden ungerührt weitermachen. „Am Ende“, sagt der Schalker, „brauchst du immer einen, der im Sechzehner die Tore macht.“