Immer Hertha

Jos Luhukay: Ode an einen Unzeitgemäßen

Luhukay besteht darauf, dass Vertrauen im Profifußball wichtig ist, selbst wenn er dafür mit seinem Job bezahlt, meint Uwe Bremer.

Trat in Stuttgart nach nur vier Monaten zurück: Ex-Hertha-Coach Jos Luhukay

Trat in Stuttgart nach nur vier Monaten zurück: Ex-Hertha-Coach Jos Luhukay

Foto: Uwe Anspach / dpa

Berlin.  – Deutschlandweit hat sich der Ruf von Hertha und von Manager Michael Preetz bis heute noch nicht ganz erholt von den Vorkommnissen im Mai 2012. Hohn und Spott wurde ausgekübelt über die Entscheidung der Mitglieder von Hertha BSC, Werner Gegenbauer als Präsident wiederzuwählen.

Weil der seine Amtszeit damit verbunden hatte, dass trotz des zweiten Abstiegs der verantwortliche Manager Michael Preetz im Amt belassen wird. Der Hauptstadt-Klub sendete in der notorisch aufgeregten Fußball-Branche das Signal: Wir vertrauen unseren Leuten und setzen auf Kontinuität.

Ich war Anfang dieser Woche Gast im bundesweit ausgestrahlten Fußball-Podcast „Rasenfunk“. Dort ­registrierten die anderen Gäste mit Staunen die Nachricht, dass Hertha ­gerade den Vertrag mit Preetz bis 2019 verlängert hat. Ach, dem wird immer noch die Hertha-Zukunft anvertraut?

Die drei Trainer von 2015 sind alle wieder weg

Jup – und die Sache mit der Kontinuität bekommt Hertha nicht schlecht. Präsident Gegenbauer ist seit 2006 der starke Mann. Preetz, seit 1996 im Verein, verantwortet nicht nur zwei Ab-, sondern auch zwei Aufstiege. Hertha spielt mittlerweile die vierte Saison in Folge erstklassig. 2015/16 war das beste Jahr der Blau-Weißen seit einstigen Lucien-Favre-Zeiten, Platz vier 2009.

Keine Bange, das wird keine Manager-Huldigung. Wie es anders gehen kann, zeigt der VfB Stuttgart. Im Schwabenland war die Unzufriedenheit groß. 2015 gab es mit Robin Dutt einen neuen Sportdirektor, mit Alexander Zorniger einen neuen Trainer, ein neues Trainer-Team, einen neuen Vereinsarzt, neue Scouts, einen neuen Leiter der Nachwuchsabteilung.

Auf zu neuen Ufern, so lautete die Losung. Folge: Der VfB Stuttgart stieg in die Zweite Liga ab. Ob Dutt, Zorniger, dessen Nachfolger Kramny – die leitenden Herren sind längst alle abgesetzt.

Verzicht auf eine Abfindung

Als neuer Hoffnungsträger wurde Jos Luhukay im Mai beim VfB vorgestellt. Dreimal hatte er abgestürzte Erstligisten postwendend zurück in die erste Liga gebracht, zuletzt Hertha BSC 2013. Doch nun gab ­Luhukay nach nur vier ­Monaten in Stuttgart seinen Drei-Jahres-Vertrag zurück. Ausdrücklich ­versehen mit dem Hinweis, dass er ­keine finanziellen Forderungen stelle.

Das ist ein in der Profi-Branche ungewöhnlicher Schritt. Ob Profi oder Trainer – eine der ungeschriebenen ­Regeln lautet: Es wird auf keinen Cent freiwillig verzichtet, niemals, nie.

Luhukay jedoch verzichtet auf eine Abfindung. Dabei ist die auf den hinteren Seiten seines Vertrages detailliert geregelt. Und hinterlässt dem ehemaligen Arbeitgeber eine wichtige Botschaft. Damit ein Trainer erfolgreich arbeiten kann, benötigt er das „uneingeschränkte Vertrauen“ der Vereinsverantwortlichen. Luhukays Anwalt formuliert: „Diese Basis ist beim VfB Stuttgart nicht mehr ­vorhanden.“

Keiner fürs Haifischbecken

In Stuttgart werden jetzt rasch die schwarzen Peter verteilt. Er sei halt ein sturer Esel, der Luhukay. Hätte er mal mit den Spielern gearbeitet, die Manager Jan Schindelmeiser verpflichtet hat. Dann wäre der Niederländer auf der Drehscheibe geblieben und würde weiter eine der exklusiven 36 Stellen als Profitrainer in Deutschland bekleiden.

Doch Luhukay ist ein Unzeitgemäßer. Er sagt, eine Mannschaft ist eine Gruppe, die dann Erfolg hat, wenn sie Vertrauen bekommt. Dieses Vertrauen gibt der Trainer. Und der benötigt das Vertrauen seiner Vorgesetzten. Luhukay ist keiner fürs Haifischbecken. Mit seinem Schritt, den Vertrag zurück­zugeben, sagt er: Es geht nicht um mein Ego. Der Verein ist wichtiger. Um der Entwicklung nicht im Wege zu stehen, räumt er seinen Posten.

Mir gefällt es, dass es Leute gibt wie Hertha-Präsident Gegenbauer oder Jos Luhukay, die Überzeugungen haben – und dafür einstehen. Selbst wenn sie diejenigen sind, die den Preis bezahlen. Ob die Botschaft „Vertrauen ist ­wichtig“ bei den handelnden VfB-­Verantwortlichen ankommt, darf ­bezweifelt werden. Manager Jan Schindelmeiser sucht gerade den neunten ­VfB-Trainer seit 2013.