Hertha BSC

Bei Hertha startet der Konkurrenzkampf auf dem Flügel

Herthas Trainer Pal Dardai hat plötzlich sechs Spieler für zwei offensive Außenpositionen im Kader. Talent Sinan Kurt drängt ins Team.

Grund zur Freude: Herthas Traine r Pal Dardai kann nun aus einer üppigen Anzahl von Flügelspielern in seinem Team auswählen

Grund zur Freude: Herthas Traine r Pal Dardai kann nun aus einer üppigen Anzahl von Flügelspielern in seinem Team auswählen

Foto: Soeren Stache / dpa

Im Mai, als die Saison vorbei und die Chance vertan war, ging Pal Dardai mit seiner Familie ins Kino und lernte etwas. Es gab „Das Dschungelbuch“. Irgendwann wird Mogli vom Tiger Shir Khan umgeworfen und muss fliehen. Dardai saß in seinem Sessel und dachte an seine Mannschaft.

Genau wie Mogli am Anfang des Films war seine Elf noch nicht reif genug, um im Kampf gegen die Großen bestehen und nach dem Europapokal greifen zu können, dachte Herthas Cheftrainer. Die Bundesliga ist ein Dschungel. Und Pal Dardai nahm sich vor, das zu ändern.

Damit sich eine Mannschaft weiterentwickeln kann, braucht sie auch Impulse von innen. Dardai hat sich viel mit Psychologie beschäftigt, nachdem er erlebte, wie Hertha wieder einmal in einer Rückrunde abschlaffte. Konkurrenz kann ein Gegenmittel sein.

Ein volles Flügelspieler-Sortiment

Und auch das ist ein Grund dafür, warum Alexander Esswein nun da ist. Mit dem aus Augsburg gekommenen 26-Jährigen hat Hertha jetzt auf den offensiven Außenpositionen eine so üppige Auswahl wie lange nicht: Sechs Spieler für nur zwei Plätze stehen im Kader.

„Das tut uns gut“, sagt Dardai im Gespräch mit der Morgenpost. „Wir haben jetzt endlich einen gesunden Konkurrenzkampf. Eine Mannschaft wie unsere braucht diese Motivation. Denn dann spielen alle am Limit. Schaffen wir es, dies aufrecht zu erhalten, können wir viel erreichen.“

Neben Esswein findet der Ungarn in seinem Flügelspieler-Sortiment noch Salomon Kalou, Mitchell Weiser, Genki Haraguchi, Valentin Stocker – und plötzlich auch Sinan Kurt.

„Sprinter“ und „verkappte Spielmacher“

Sechs Spieler, die unterschiedliche Fähigkeiten besitzen, und die Dardai deshalb in zwei Kategorie unterteilt: „Sprinter“ und „verkappte Spielmacher“. Sie geben dem 40-Jährigen die Möglichkeit, zwei unterschiedliche Stile spielen zu lassen, und – wie er sagt – „den Gegner permant über außen zu belästigen“.

Gegen Freiburg (2:1) am ersten Bundesligaspieltag vor der Länderspielpause begannen Genki Haraguchi und Mitchell Weiser. Dardais Flügelformation war in gewisser Weise ein Hybrid aus beiden Spielerkategorien: Der Japaner Haraguchi ist einer der schnellsten Profis im Kader, kann den Gegner überrumpeln, hat jedoch das Problem, dabei bisweilen die Übersicht zu verlieren. Haraguchi war gegen Freiburg eigentlich gar nicht vorgesehen.

Doch nachdem Esswein verpflichtet wurde, trainierte der 25-Jährige so stark, dass Dardai nicht an ihm vorbei kam. Wie gut er im Moment drauf ist, zeigte sich auch am Dienstag: Da traf Haraguchi bei Japans 2:0 gegen Thailand.

Die Kategorie „Sprinter“ trifft auf ihn ebenso wie auf Esswein zu: „Sie haben ihre Qualitäten im Konterspiel, beim schnellen Umschalten und wenn der Gegner müde wird“, erklärt Dardai. An Geschwindigkeit mangelte es Hertha in der letzten Saison über die Außenpositionen. Jetzt ist sie vorhanden. Esswein müsse jedoch erst noch ein paar Abläufe lernen. Für die Startelf ist er zunächst noch nicht eingeplant.

Auch mit Kalou lässt sich ein Spiel planen

Auch Weiser ist schnell. Doch der 22-Jährige bringt zudem eine Ballsicherheit und Übersicht mit, die ihn als „verkappten Spielmacher“ prädestinieren. Von der rechten Außenbahn rückt Weiser oft ins Zentrum und sucht den Abschluss. Ähnlich soll es Salomon Kalou machen. Der Ivorer reiste wegen zweier Todesfälle in der Familie nach Hause, spielte dann aber doch für seine Nationalelf.

„Salomon hat eine schmerzliche Situation zu überwinden. Jetzt hat er gespielt, und wir können mit ihm planen“, sagt Dardai. Die Stärke des 31-Jährigen ist nicht das Tempo, sondern sein Dribbling und Zug zum Tor. Auch mit ihm lässt sich ein Spiel gestalten. Auch er zieht oft in die Mitte. Mit derart agierenden Außenstürmern und hohen Außenverteidigern, die stattdessen die Flügel besetzen, lässt im Übrigen auch Bundestrainer Joachim Löw bei der deutschen Nationalelf nun öfter angreifen.

Wäre da noch Valentin Stocker: Der Schweizer kam vor zwei Jahren als Option für die linke Außenbahn. Doch ihm fehlt das Tempo. Von allen Kandidaten hat er auf dem Flügel die wenigsten Einsatzchancen – seine optimale Position ist die im Zentrum hinter der Sturmspitze, wo derzeit Vladimir Darida gesetzt ist und in Zukunft Ondrej Duda eine weitere Option sein soll.

Kurt ist zum Mann geworden, sagt Dardai

In Ingolstadt am Sonnabend (15.30 Uhr) hat Dardai nun die Auswahl aus fünf Spielern für zwei Außenpositionen – vielleicht sogar sechs. Denn zu Kalou, Weiser, Haraguchi, Esswein und Stocker gesellt sich nun auch endlich Sinan Kurt.

Der 20-Jährige, der im Winter vom FC Bayern kam und zunächst in der U23 Spielpraxis sammeln sollte, hat Dardai zuletzt im Training und im Testspiel gegen Club Italia (12:0) beeindruckt: „Er hat nun fünf Kilogramm abgenommen und ein echtes Sixpack. Er sieht jetzt aus wie ein Mann“, sagt Dardai. Kurt habe es sich langsam verdient, im 18er-Kader am Spieltag aufzutauchen. „Er ist jetzt nah dran und macht den Eindruck, dass er uns helfen kann“, so Dardai.

Sinan Kurt galt lange als noch nicht reif genug, um im Dschungel der Großen mitzumischen. Das scheint sich nun geändert zu haben.