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Schieber rettet Herthas Saisonstart

Der lange verletzte Stürmer trifft in der Nachspielzeit verdient zum 2:1 gegen Freiburg. Es war ein Sieg der Moral – und sehr wichtig.

Die Herthaner feiern ihre Sieg zum Saison-Auftakt der Bundesliga

Die Herthaner feiern ihre Sieg zum Saison-Auftakt der Bundesliga

Foto: dpa

Die fünfte Minute der Nachspielzeit lief, als ein mittelalter Herr im weißen Poloshirt auf den Rasen des Olympiastadions sprintete und eine Kurve in Bocksprungmanier hinlegte. Das Spiel war noch im vollen Gange, die Emotionen auf dem Höhepunkt. Der erst in der 85. Minute eingewechselte Julian Schieber war es, der die 41.648 Zuschauer nun zum Ausrasten brachte – und Trainer Pal Dardai zum Jubelsturm animierte. „Es war schwierig, ihn festzuhalten – er hat ja nun drei Gramm mehr als zu seiner aktiven Zeit“, juxte Manager Michael Preetz.

Mit dem späten Siegtreffer sicherte der Stürmer Hertha BSC einen verloren geglaubten Sieg. Nun reichte es den Berlinern doch zu einem 2:1 (0:0) gegen den SC Freiburg. Der erste Sieg seit 162 Tagen, und beim komplizierten Auftaktprogramm Herthas ein wichtiger Dreier. In der Folge geht es gegen Ingolstadt, Schalke und den FC Bayern.

Erkämpft wurden die drei Punkte mit purer Willenskraft. Soeben hatte der Hauptstadt-Klub in der Nachspielzeit den 1:1-Ausgleich der Freiburger kassiert. Ein Kopfballtreffer von Nicolas Höfler senkte sich ins lange Eck. Es schien, als wäre der große Aufwand, den die Hausherren trotz Hitze betrieben hatten, hinfällig. Was der neue Hertha-Jahrgang 2016/17 zu leisten vermag, ist noch nicht genau zu sagen. Aber die Mannschaft sendete ein eindrückliches Signal an die Liga: Der Kampfeswillen bei Hertha ist riesig.

Die Fans feiern den Torschützen mit lauten Sprechcören

Trotz des Rückschlages, trotz Temperaturen von über 34 Grad warfen die Blau-Weißen in der restlichen Nachspielzeit alles nach vorn. Genki Haraguchi wühlte sich in der Freiburger Abwehr fest, sein Schussversuch sprang in den Strafraum zu Schieber. Der ging in den Infight mit SC-Verteidiger Onur Bulut. Einen ersten Schussversuch blockte der Freiburger ab. Doch im Fallen schoss Schieber den Abpraller unter Torwart Alexander Schwolow hindurch, abgefälscht landete der Ball im Netz – 2:1 für Hertha.

Das Olympiastadion wurde zum Tollhaus. Schieber verschwand unter einer Jubeltraube in Blau-Weiß. Am Spielfeldrand hüpfte Preetz an Dardais Brust. Der Ungar, im weißen Polo, war außer sich vor Freude. „Einfach nur geil“, jubelte auch Mittelfeldspieler Per Skjelbred. „Genau sowas brauchen wir. Wir sind eine sehr soziale Truppe. Für Julian ist das eine Supergeschichte.“

Ein Wohltat auch für den Torschützen: Mit lauten „Schieber, Schieber“-Sprechchören feierte die Ostkurve den Stürmer. Der jubelte per Becker-Faust, als wollte er sagen: Ich bin wieder da. Über anderthalb Jahre hatte Schieber gebraucht, um von einer Knieverletzung zurück zukommen. In der Vorbereitung waren die Appelle des Trainers lauter geworden: Schieber kann jetzt nicht nur dabei sein, er muss Druck machen, mit Toren.

Mit einem aufmunternden Lob hatte Dardai Schieber auf den Platz geschickt. Der sagte zuTreffer: „Das war der unbedingte Wille. Ich wollte dieses Tor machen. Davon träumt jeder Stürmer: Du kommst rein und machst das entscheidende Tor.“ Postwendend wurde Schieber etwas anders. „Beim Jubeln habe ich Platzangst bekommen. Alle Jungs lagen auf mir drauf. Das war grenzwertig.“ Doch ein Grinsen folgte.

Esswein gibt sein Debüt, aber Kalou und Stocker draußen

Bis zur Schlussphase hatte Hertha zwar kein hochwertiges, aber ein konzentriertes Auftaktspiel geboten. Überraschend hatte der Trainer auf Salomon Kalou und Valentin Stocker verzichtet. Stattdessen standen Fabian Lustenberger und Mitchell Weiser in der Startformation. Die Hausherren hatten deutlich mehr Ballbesitz, vermochten sich in der ersten Hälfte aber keine Chancen herauszuarbeiten. Erst nach der Pause wurde Hertha auch vorn besser. Vedad Ibisevic legte auf Vladimir Darida am Strafraum ab, und der Tscheche traf aus 15 Metern unten ins rechte Eck – 1:0 (62.). „Wir haben die gesamte Vorbereitung daran gearbeitet, dass wir Tore durch die Mitte erzielen. Das hat Vladimir wunderschön gemacht“, sagte Dardai. Umso größer der Schock, als Freiburg nach einer Ecke in der Nachspielzeit das 1:1 köpfte. „Das hat sich plötzlich wie eine Niederlage angefühlt“, beschrieb Verteidiger John Brooks. „Ich war sauer“, so Dardai. „Es kann nicht sein, dass wir den ersten Spieltag so verschenken.“

Doch die Seinen schlugen zurück: Alexander Esswein, der gerade erst einen Vertrag in Berlin unterschrieben hatte, erlebte also gleich beim ersten Einsatz eine Achterbahnfahrt. Der Flügelstürmer, nach 77 Minuten eingewechselt, sagte: „Beim Ausgleich brach eine Welt zusammen. Und dann so ein Finish.“ Ein Sieg für die Moral.