Hertha BSC

Trainer Pal Dardai – „Ich muss so hart sein"

Vor dem Saisonstart gegen Freiburg spricht Herthas Trainer über seine harte Gangart. Und er verrät, wo noch Verstärkung gesucht wird.

Die Partie gegen Freiburg ist für Pal Dardai das 50. Bundesligaspiel als Cheftrainer von Hertha BSC

Die Partie gegen Freiburg ist für Pal Dardai das 50. Bundesligaspiel als Cheftrainer von Hertha BSC

Foto: Matthias Balk / dpa

Für Pal Dardai ist es ein kleines Jubiläum. Wenn für Hertha BSC an diesem Sonntag im Olympiastadion gegen den Aufsteiger SC Freiburg die neue Saison beginnt (15.30 Uhr/Liveticker bei immerhertha.de), ist es Dardais 50. Bundesligaspiel als Cheftrainer. Sein zweiter Sommer als Verantwortlicher aber lief turbulent , und der 40-Jährige musste durchgreifen. Im Interview spricht Dardai über eine veränderte Mannschaftsführung, Herthas Transferpolitik und die Kunst, sich selbst ein schönes Haus zu bauen.

Herr Dardai, wieviel reden Sie im Moment zu Hause?

Pal Dardai: Ganz normal viel. Wieso?

Sie haben zu Beginn Ihrer Zeit bei Hertha gesagt, dass Sie zu Hause nur Selbstgespräche führen würden, weil Ihnen so viele Probleme Ihres Teams durch den Kopf gingen. Und im Moment hat man den Eindruck, es gebe wieder viele Probleme.

Ich sehe es nicht so negativ wie manch andere Leute. Ich vergleiche die Vorbereitung zur letzten Saison mit der zur nun beginnenden Spielzeit und merke, dass es einen riesen Unterschied gibt: Letztes Jahr konnte man sich unsere Testspiele kaum anschauen, so grottenschlecht waren die. Jetzt war das sehr vernünftig. Nur das Spiel in Kopenhagen, wo wir aus der Europa League rausgeflogen sind, war schlecht. Das hat gezeigt: Wir sind noch nicht so weit. Aber das Ziel war ja auch: Drei, vier Jahre harte Arbeit, dann kannst du es in der Euro League probieren. Jetzt hatten wir die Chance früher, und es hat nicht geklappt.

Warum nicht?

Eigentlich haben wir als Team in der Rückrunde etwas vermasselt. Jetzt müssen wir wieder hart dafür arbeiten, dass das Glück zurückkommt. Ich glaube, wir haben verstanden: Wenn diese Mannschaft bis an ihre Grenzen geht, kann sie sehr ordentlich mitspielen und Sechster bis Neunter werden. Wenn sie aber ein bisschen nachlässt, bekommen wir Probleme. Das haben wir in der vergangenen Rückrunde erlebt – und jetzt auch in Kopenhagen. Deshalb haben wir den Finger in die Wunde gelegt und harte Maßnahmen getroffen. Wenn man immer alles unter den Teppich kehrt, hat man irgendwann keine hundertprozentige Konzentration und keinen Teamgeist mehr. Das müssen wir rauskitzeln.

Sie haben Kapitän Fabian Lustenberger entmachtet. Das kann funktionieren, man kann so aber auch sein Team verlieren.

Für mich ist das kein Problem. Die Spieler wissen: Ich bin immer ehrlich. Es ist viel besser, bei Menschen geradeaus zu handeln, anstatt Spielchen zu spielen. Ich habe Lusti die Kapitänsbinde nicht weggenommen, weil ich mit ihm menschlich ein Problem habe. Die Leistung war nicht da. Eine Kapitänsbinde darf dich niemals schützen. Bei mir spielt immer der, der Leistung bringt. Jetzt muss Lusti sich steigern, und das tut er. Er trainiert wie ein Weltmeister.

Mussten Sie guter und böser Bulle bei ihrer Mannschaft zugleich spielen?

Ja. Aber das ist auch notwendig. Wenn wir immer nur nett zueinander sind, entwickeln wir uns nicht weiter. Das ist wie bei der Kindererziehung: Manchmal muss du klare, harte Entscheidungen treffen, sonst hast du keine Chance. Wenn Lustis Leistungen wieder besser werden, dann ist er herzlich willkommen in der Startelf. Ich habe keine Angst: Ich bin immer fair und ehrlich. Und sollte es mal nicht so sein, dürfen die Spieler zu mir kommen und es mir sagen. Ich musste in diesem Sommer ein Tick zu hart sein. Aber meine Aufgabe ist es, das Maximum aus der Mannschaft rauszuholen.

Die Bundesliga hat so viel wie nie zuvor in neue Spieler investiert. Bei Hertha ruhte der See lange still. Wie verändert sich da Ihr Verhältnis zum Manager?

Wir haben ein gutes Verhältnis – so wie immer. Auch letztes Jahr haben wir lange gewartet. Und es hat funktioniert. Wir haben Vedad Ibisevic bekommen, der uns sehr bereichert hat. Es gibt auch die Möglichkeit, im Winter etwas zu machen. Der Manager arbeitet sehr hart. Wir schauen bis zum letzten Tag, was wir noch machen können.

Bremsen die fehlenden finanziellen Mittel Herthas Weiterentwicklung?

Entweder du hast sehr, sehr viel Geld, oder eine gute Nachwuchsarbeit. Wir haben mit dem 99er-Jahrgang Nachwuchsspieler, die in ein, zwei Jahren viele Leute hier in Berlin glücklich machen können. Bis dahin müssen wir überleben. Aber wir haben jetzt schon eine gute Kernmannschaft. Wenn sie motiviert und fokussiert ist, kann es auch unsere Stärke sein, dass wir eingespielt sind. Wir können nicht bezahlen, uns ein riesiges Luxushaus bauen zu lassen. Wir müssen uns alles Schritt für Schritt selber zusammenbauen. Aber am Ende kannst du so auch ein schönes Haus haben. Ich weiß, dass viele Leute ungeduldig sind. Doch Ungeduld ­können wir uns nicht leisten.

Wo sahen Sie bei Ihrer Mannschaft Bedarf für Verstärkung?

Für die Spielkultur brauchten wir einen Zehner. Den haben wir mit Ondrej Duda bekommen. Ob er nach seiner Verletzung sofort einschlägt, kann man nie sagen. Aber er hat etwas Besonderes und ein riesiges Potenzial. Das Wichtigste für uns aber war Geschwindigkeit. Dafür haben wir nun Alexander Esswein vom FC Augsburg bekommen. Er ist ein echter Sprinter und dazu robust. Wenn sich etwas ergibt, würden wir zudem gern noch einen jungen ­Angreifer ausleihen.

Mitchell Weiser hat seinen Vertrag verlängert. Was bedeutet das für den Klub?

Das ist eine wunderbare Sache. Es haben nun viele gute Spieler bei uns verlängert: Lustenberger, Skjelbred, Brooks, Plattenhardt. Wenn solche Spieler sich bei uns wohlfühlen, ist das ein gutes Zeichen. Aber wir sollten trotzdem nicht zufrieden sein.

Wie soll Ihre Mannschaft künftig spielen?

Was wir uns letztes Jahr an Spielkultur erarbeitet haben, müssen wir behalten. Dazu brauchen wir aber einen ordentlichen Start, um Vertrauen in unserer Fähigkeiten zu bekommen. Wir wollen wieder viel Ballbesitz und schnell umschalten. Dazu haben wir aber auch eine neue Spieleröffnung einstudiert, die mit längeren Ballen agiert. Wenn wir zwischen beiden Spielweisen variieren können, sind wir schwerer auszurechnen. Wir hoffen, dass wir noch besser mitspielen können und variabler werden. Dafür brauchen wir aber erst einmal Punkte. Unsere Spielweise ist auch Kopfsache.

Was ist Ihre eigene Zielsetzung für die neue Saison?

Wir haben uns mit dem Mannschaftsrat (Darida, Ibisevic, Skjelbred, Pekarik, Langkamp; Anm. d. Red.) und der ganzen Mannschaft hingesetzt. Wunderschöne Gespräche waren das, jeder durfte seine Meinung sagen. Und wir haben uns geeinigt: Im Pokal wollen wir immer die nächste Runde erreichen. So haben wir es formuliert. Gern wollen wir Ähnliches wie im letzten Jahr (Hertha erreichte das Pokal-Halbfinale; Anm. d. Red.). Und in der Liga wollen 45 Punkte plus x. Je schneller wir das erreichen, umso besser.

Letztes Jahr gab es den Traum vom Pokalfinale im eigenen Stadion. Daran ist die Mannschaft gewachsen. Was gibt es diesmal für ein übergeordnetes Ziel, an dem die Mannschaft wachsen kann?

Es wäre komisch, wenn wir noch einmal mit demselben Traum kommen würden. Intern habe ich meine Ziele. Die Mannschaft kennt sie auch. Aber darüber reden wir nicht öffentlich.

Worauf freut Sie sich in dieser Saison?

Erst einmal freue ich mich, dass es jetzt endlich losgeht. Das ganze negative Reingequatsche von außen hört dann erst einmal auf. Ich habe mich in den vergangenen Wochen schon des Öfteren gefragt, warum eigentlich Hertha immer der Depp sein muss.

Empfinden Sie es als Fluch der guten Tat, dass das Umfeld trotz der 50 Punkte in der Vorsaison unzufrieden ist?

Manchmal denke ich, es ist schon eine komische Beziehung, die Berlin zu Hertha hat. Wir haben 50 Punkte geholt, und dennoch hat man bisweilen das Gefühl, dass wir uns schämen müssten. Das verstehe ich nicht. Weil Sie danach gefragt haben, worauf ich mich freue: Ich freue mich darauf, dass wir jetzt wieder die Chancen bekommen, diese 50 Punkte zu bestätigen. Dazu freue ich mich, dass die Mannschaft wieder den Teamgeist gefunden hat und etwas ­bewegen will. Ich habe Bock auf die Saison, und wir wollen etwas reißen.