Hertha BSC

Ibisevic ist das Raubtier unter Schwiegersöhnen

In der neuen Saison soll Kapitän Vedad Ibisevic bei Hertha für einen Kulturwandel und eine veränderte Spielweise sorgen.

Seit dieser Saison trägt Vedad Ibisevic die Kapitänsbinde von Hertha BSC. In seiner ersten Spielzeit bei den Berlinern traf der Bosnier zehn Mal.

Seit dieser Saison trägt Vedad Ibisevic die Kapitänsbinde von Hertha BSC. In seiner ersten Spielzeit bei den Berlinern traf der Bosnier zehn Mal.

Foto: Johannes Simon / Bongarts/Getty Images

Das Vieh war angsteinflößend. Vedad Ibisevic legte den Kopf in den Nacken, um Tristan zu bestaunen. Mit seinem Sohn besuchte der Angreifer von Hertha BSC vor dem Bundesligastart gegen Freiburg am Sonntag (15.30 Uhr, Olympiastadion) das Naturkundemuseum und schaute sich das Skelett des Tyrannosaurus Rex an. Zähne zeigte Tristan. Ibisevic gefiel das.

Es gibt ein Foto davon bei Insta­gram. Und das ist deswegen interessant, weil darauf eigentlich gleich zwei Dinosaurier zu sehen sind: Tristan und Vedad Ibisevic. Der T-Rex ist schon seit 65 Millionen Jahren von der Erdoberfläche verschwunden. Und geht man den einfachen Argumentationsweg, müsste auch die Stürmerspezies, zu der Ibisevic gehört, im Fußball der Moderne längst ausgestorben sein: ein Strafraum-Raubtier, das wenig mehr macht als zuzuschnappen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Aber Ibisevic ist immer noch da, mittlerweile 32 Jahre alt, und wenn man den Eindrücken der Saisonvorbereitung glauben darf, ziemlich gut in Schuss. In den Testspielen und den beiden Partien in der Europa-League-Qualifikation gegen Bröndby Kopenhagen traf Ibisevic insgesamt neun Mal. „Ich fühle mich wie 20“, sagt er.

Aggressive Körpersprache kombiniert mit Torriecher

Für Hertha sind das gute Nachrichten. Erstens, weil ein triftiger Grund für die schlechte Rückrunde der Vorsaison, die immer noch die Gemütslage belastet, im Verlust der Abschlussstärke zu suchen war. Und zweitens, weil Ibisevic in der neuen Spielzeit mehr sein soll als ein Strafraum-Raubtier: nichts anderes als die Rolle des Vorkämpfers ist für den Bosnier vorgesehen. An ihn heften sich die Berliner Hoffnungen auf einen Wandel der Ausstrahlung des Teams sowie einer variableren Spielweise insgesamt.

Pal Dardai hatte seine Gründe, als er Fabian Lustenberger in der vergangenen Woche vom Kapitänsamt abkommandierte und die Spielführerbinde an Ibisevic weitergab. „Wenn es gut läuft, kann jeder Kapitän sein. Wenn es aber schlecht läuft, brauchst du einen Mann mit Körpersprache und Mut“, sagt der Cheftrainer der Morgenpost. Ibisevic sei genau dieser Mann, der den Kopf nie hängen lässt, der Zähne zeigt.

Bestätigt sah sich Dardai in seiner viel diskutierten Entscheidung in Regensburg, als Hertha am Sonntag im Pokal beim Drittligisten ins Elfmeterschießen musste. „Vedad hat den ersten Schuss genommen und ihn reingejagt. Das war ein Zeichen ans Team: Kommt Männer, so sieht’s aus! Danach waren alle unserer Schützen sicher. Wenn man aber zum Punkt geht und zittert, zittern alle anderen danach auch“, sagt der Ungar.

Die Kapiänsbinde könnte Ibisevic ruhiger machen

Dardai hatte in der vergangenen Rückrunde zum zweiten Mal hintereinander erlebt, wie das große Zittern bei seiner Mannschaft einsetzte, als die Erfolge ausblieben. Nur zwei Punkte aus den letzten acht Partien holte sie und konnte den Negativtrend ebenso wie ein Jahr zuvor im Saisonendspurt nicht stoppen. Auch eine Frage der mentalen Stärke, glaubt Dardai. Zu viele nette Schwiegersohn-Typen, zu wenige Raubtiere wie Ibisevic im Team.

Mit ihm als Kapitän soll sich die Haltung nun ändern: „Er ist ein Typ, der nach vorn geht und sich nicht versteckt. Ich glaube, mit seiner Aggressivität hilft er uns“, sagt Dardai.

Dass jene Aggressivität in der Vergangenheit auch ein Problem war, weil Ibisevic bei den Schiedsrichtern als leicht entflammbar gilt, könnte mit der neuen Aufgabe ebenso gelöst werden: „Vielleicht wirkt die Binde ein bisschen beruhigend“, sagt Ibisevic selbst.

Neuer Spielaufbau mit langen Bällen auf den Stürmer

Hertha erhofft sich einen Kulturwandel und natürlich Tore von ihm. In der vergangenen Saison waren es zehn in der Liga. Mit 92 Bundesligatreffern ist der Angreifer einer der erfolgreichsten, aktiven Torjäger der Liga. „Vedad hat einen enormen Wert für unsere Mannschaft. Er ist unser Zielspieler. Ein typischer Abschlussspieler, der aus wenig viel macht,“ sagt Herthas Manager Michael Preetz.

Doch Dardai hat Ibisevic auch als den Mann ausgemacht, mit dem sich das ganze Aufbauspiel der Berliner variabler gestalten lässt: Hatte Hertha in der vergangenen Saison noch über viele Ballstafetten aus der Abwehr heraus agiert und war damit irgendwann ausrechenbar geworden, soll künftig öfter mal der Ball nach vorne auf den Stoßstürmer geschlagen werden, wenn der Gegner früh presst.

Das hat eine größere taktische Rochade zu Folge: Der Sechser rückt zwischen die beiden Innenverteidiger, die nach außen drängen. Die Außenverteidiger schieben sich nach vorn, und so können die beiden Flügelstürmer wie Salomon Kalou und Mitchell Weiser nach innen hinter Ibisevic rücken. Der soll die langen Bälle auf sie ablegen. Dardai erhofft sich damit mehr Torgefahr aus der Mitte.

Gegen Freiburg am Sonntag wird das vielleicht schon zu beobachten sein. Das Spiel ist der Beginn von Ibisevics bisher vertraglich geregelten letzten Saison bei Hertha. Sein Kontrakt endet 2017. Bis dahin zahlt der Ex-Klub VfB Stuttgart über die Hälfte seines Gehalts. Preetz kann sich vorstellen, dann mit ihm zu verlängern. Und Ibisevic auch. Aber nun soll es erst einmal losgehen – mit Ibisevic als Vorkämpfer.