Hertha BSC

Pal Dardai will lieber einen Anführer alter Schule

Vedad Ibisevic statt Fabian Lustenberger: Hertha-Coach Pal Dardai wechselt den Kapitän und hofft dadurch auf mehr Aggressivität.

Ibisevic statt Lustenberger: Hertha-Coach Dardai wechselt den Kapitän und hofft dadurch auf mehr Aggressivität

Ibisevic statt Lustenberger: Hertha-Coach Dardai wechselt den Kapitän und hofft dadurch auf mehr Aggressivität

Foto: Jan Kuppert/SVEN SIMON / picture alliance / SvenSimon

Berlin.  Am Mittwochvormittag schien Pal Dardai seine Sorgen einfach wegzulächeln. „Elfmeterschießen zu üben, macht Spaß“, sagte Herthas Cheftrainer mit breitem Grinsen, nachdem er das Training mit eben jenem Nervenspiel beendet hatte.

Die Versuche der einzelnen Schützen hatte der Ungar zuvor teils launig kommentiert, fast so, als wolle er die angespannte Stimmung nach dem Aus in der Europa-League-Qualifikation bei Bröndby IF und der verpatzten Generalprobe gegen den SSC Neapel (1:4) endlich wieder durch Zuversicht ersetzen. Am Sonntag (18.30 Uhr/Sky) steht schließlich die erste Runde des DFB-Pokals beim Drittligisten Jahn Regensburg an.

Auf frühes Bekenntnis zum Kapitän folgt die Demontage

Aber: Die Eindrücke des Vormittags täuschten. Am Nachmittag gab der Verein offiziell bekannt, was zuvor schon über die „Sport Bild“ an die Öffentlichkeit gesickert war, nämlich dass Dardai einen neuen Mannschaftskapitän ernannt hat. Statt des Schweizers Fabian Lustenberger (28) trägt künftig Stürmer Vedad Ibisevic (32) die Spielführerbinde. Ein klares Zeichen dafür, dass von Harmonie bei Hertha keine Rede sein kann. Offenkundig sieht Dardai vor dem nationalen Saisonstart dringenden Handlungsbedarf.

„Das ist keine Entscheidung gegen Lusti, sondern eine für einen Neuanfang mit einem anderen Spielertypen“, wird der Coach auf der Vereinshomepage zitiert. Dardai wünsche sich eine „deutlich aggressivere Körpersprache des gesamten Teams“. Ibisevic, ein galliger Kämpfertyp alter Schule, soll diese Gangart künftig in offizieller Funktion vorleben. Der Entschluss sei in Rücksprache mit dem Mannschaftsrat getroffen worden.

Mit seiner Erfahrung und seinem „unverwüstlichen Willen“ habe Ibisevic seine Anführer-Qualitäten oft genug unter Beweis gestellt, hieß es weiter. Tatsächlich war der Bosnier zuletzt der größte Berliner Lichtblick. Herthas Tore gegen Bröndby (zwei) und Neapel (eins) gingen allesamt auf sein Konto. „Wenn Vedad nicht trifft, trifft keiner“, hatte Dardai moniert.

"Kapitän statt eines Kapitänchens"

Die Mannschaft informierte der Trainer erst am Mittwoch, am Nachmittag fand eine Teamsitzung statt. Mit Lustenberger hatte er sich hingegen schon vorige Woche zusammengesetzt. „Die Entscheidung ist uns definitiv nicht leicht gefallen“, so Dardai, der mit seinem bisherigen Spielführer jedoch nie rundum glücklich wirkte. Zu wenig Ausstrahlung, zu ruhig, zu brav – die Kritikpunkte sind nicht neu. Schon Ex-Trainer Jos Luhukay, der Lustenberger 2013 die Binde gab, forderte kurz vor seiner Entlassung einen „Kapitän statt eines Kapitänchens“.

Im Vorjahr hatte Dardai die Kapitänsfrage lange offen gelassen, ehe er sich entschied, alles beim Alten zu belassen. In diesem Sommer bekannte er sich erstaunlich früh zu Lustenberger. Schon am ersten Trainingstag stellte er klar: Der alte Kapitän ist auch der neue.

Nach dem Aus gegen Bröndby zählte er den enttäuschenden Defensiv-Allrounder jedoch öffentlich an. Im Test gegen Neapel stand Lustenberger am vergangenen Sonnabend nicht mal im Kader. Ein klares Signal ans Team: Jeder Profi muss sich zu 100 Prozent aufopfern, andernfalls drohen Bank oder Tribüne – selbst dem Kapitän.

Der Schweizer hatte seinen Vertrag im März verlängert

Nun also die endgültige Demontage. Welche Konsequenzen der dienstälteste Herthaner daraus zieht, bleibt abzuwarten. Seinen Vertrag hatte er erst im März bis 2019 verlängert. In diesem Jahr würde er in seine zehnte Saison mit Hertha gehen. Dass er sich mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Berlin ungemein wohl fühlt, hat er oft genug betont. Fest steht allerdings auch: Seine sportliche Perspektive hat sich nicht verbessert.

Der von Dardai gewählte Zeitpunkt, um derart öffentlichkeitswirksam Alarm zu schlagen, ist durchaus heikel. Schärft der Schritt die Sinne? Entwickelt sich ein neuer Teamgeist? Oder nimmt die Chemie zwischen Team und Trainer nachhaltig Schaden? Eine erste Antwort auf diese Fragen gibt es am Sonntag in Regensburg.