Fussball

Hertha BSC hat jetzt einen Zuckerhut-Arbeiter

Herthas Neuer Allan bedient nicht die typischen Brasilianer-Klischees und könnte deshalb bald weiterhelfen.

Foto: Jürgen Engler

Berlin.  Was Deutschland heißt, erfuhr Allan Rodrigues de Souza im Supermarkt. An der Kasse stand Herthas Neuerwerbung am Dienstag, um Seife, Shampoo und solche Sachen zu kaufen. Aber mitnehmen durfte er sie nicht.

Denn er hatte zwar seine belgische EC-Karte zum Bezahlen dabei, jedoch nicht seinen Personalausweis, um zu beweisen, dass er auch wirklich er selbst ist. Also nix da. Allan musste unverrichteter Dinge von dannen ziehen und sagt: „Das wäre mir zu Hause in Brasilien nicht passiert. Deutschland scheint ein bisschen strenger zu sein.“

Zum ersten Mal, seit ihn Hertha in der vergangenen Woche für ein Jahr vom FC Liverpool ausgeliehen hat, spricht der 19-Jährige am Mittwoch zur Presse. Es ist so etwas wie seine offizielle Vorstellung, und das Thema Strenge spielt dabei eine Rolle.

„Ich bin ein Spieler, der auf dem Platz versucht zu helfen“

Brasilianer gab es nämlich viele bei Hertha in den vergangenen Jahren. Und meistens waren sie außerordentlich begabte Kicker, die das Publikum amüsierten: Marcelinho, Alex Alves, Luizao, Gilberto, Raffael und irgendwie auch Ronny, sein kleiner Bruder. Nur verhielt es sich meistens auch so, dass sie eher weniger streng zu sich waren und damit ein Klischee bedienten: Zuckerhut-Zauberer, die gerne Party machen und weniger gerne hart arbeiten.

Allan dagegen sagt über sich: „Ich bin ein Spieler, der auf dem Platz versucht zu helfen.“ Oder: „Ich kann nicht versprechen, von heute auf morgen ein super Spieler zu sein. Aber ich kann versprechen: Ich werde in jedem Spiel 90 Minuten rennen.“ Adeus Brasilianer-Klischee. Bom dia Allan.

Hertha hat sich mit ihm keinen Zuckerhut-Zauberer, sondern einen Zuckerhut-Arbeiter geliehen, der den ersten Eindrücken zufolge nicht nur ein aggressiver Balljäger vor der Abwehr mit Offensivdrang zu sein scheint, sondern auch ein ziemlich waches Bürschchen. So parliert der brasilianische U20-Nationalspieler nicht nur darüber, wie man den Fußball seiner Heimat aus der Krise führen könnte („Man muss ganz unten bei den Kindern anfangen.“), sondern auch darüber, dass ein Weg wie seiner natürlich auch etwas problematisch ist.

Weltmeister Toni Kroos ist eines seiner Vorbilder

Erst vor einem Jahr wechselte Allan, der Toni Kroos als Vorbild nennt und seinen eigenen Namen im Übrigen englisch ausspricht, mit 18 von Porto Alegre nach Liverpool. Der Klub von Trainer Jürgen Klopp verlieh ihn nur zwei Tage nach seiner Ankunft weiter nach Finnland (SJK Seinäjoki) und nach einem halben Jahr nach Belgien (VV St. Truiden).

Wegen der fehlenden Arbeitserlaubnis durfte der Nicht-EU-Ausländer Allan in England noch nicht spielen und braucht Einsätze in Europas ersten Ligen. Ein Teenager auf dem Verschiebebahnhof. „Das war schwierig für mich: die Sprache, das Klima. Aber ich bin jemand, der sehr fokussiert ist. Und mein Kopf ist offen für neue Sachen“, sagt Allan heute, schaut seinem Gegenüber dabei direkt in die Augen, wie man es bei vielen seiner Altersgenossen im Profigeschäft bisweilen vermisst.

Er habe sich trotz allem für Europa entschieden, „weil jeder Brasilianer von Europa träumt“, sagt Allan. Und eine seiner Stärken sei schließlich, dass er sich schnell anpassen könne.

Konkurrenz für Skjelbred und Lustenberger

Aber auch in Berlin ist es ein Anpassen auf Zeit. Hertha hat keine Kaufoption. Dennoch glauben sie bei den Blau-Weißen, dass sich die Sache lohnen wird: Nach dem Verkauf von Tolga Cigerci zu Galatasaray Istanbul für drei Millionen Euro ist nun Platz, den etablierten aber zuletzt etwas schwächelnden Per Skjelbred und Fabian Lustenberger im zentralen, defensiven Mittelfeld Konkurrenz zu machen.

Und Trainer Pal Dardai traut es ihm zu: „Allan ist ein Sechser mit spielerischen Qualitäten, der keine Angst vor dem Ball hat und immer den vertikalen Pass sucht“, sagt der 40-Jährige und meint: Nach Balleroberung macht Allan das Spiel nach vorn sofort schnell. Man müsse zwar abwarten, wie seine Integration verlaufe, „aber im Training und im Testspiel macht er einen guten Eindruck. Wenn die Zeit da ist, habe ich Null-Komma-Null Probleme, ihn reinzuschmeißen“, sagt Dardai. Am Sonnabend kann sich Allan erneut empfehlen: Mit dem SSC Neapel kommt ein Renommierklub in den Jahnsportpark zum Test (18 Uhr, Sport1).

Jürgen Klopp informierte ihn über die deutsche Liga

Allan sagt, er sei in Brasilien in finanziell bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, aber seine Eltern hätten dafür gesorgt, dass er ein guter Charakter werde – ein Mensch, der sich stets Mühe gibt. Bisher spricht er weder Deutsch noch Englisch, will demnächst aber Kurse besuchen.

Für Hertha, wo man ebenfalls nicht in Saus und Braus lebt, ist Allan eine unverhoffte und kostenlose Chance. Er kann funktionieren, muss es aber nicht. Jürgen Klopp habe ihn zum Wechsel geraten und ihn gut über die deutsche Liga informiert, sagt Allan. Sie sei neben der englischen die beste der Welt.

Aber dann sagt er auch einen Satz, der weniger gut informiert klingt: „Ich denke, Hertha gehört in der Tabelle ganz nach oben.“ Das ist allerdings das einzige Mal an diesem Tag, bei dem Allan daneben liegt.