Europapokal-Aus

Herthas Pleite in Bröndby: Mehr als eine Niederlage

Herthas Ausscheiden in der Europa-League-Qualifikation wirft grundsätzliche Fragen auf: Wie schwach ist der Hertha-Jahrgang 2016/17?

Foto: Ottmar Winter

Berlin.  Angereist in Dänemark war Hertha BSC als stolzer Bundesligist mit dem eigenen Teambus samt überdimensionalem Vereinslogo. In der Nacht zu Freitag verließ die Mannschaft das Bröndby-Stadion in Polizeibegleitung in einem älteren, unauffälligen dänischen Bus. „Egon’s Turisstenbusser“ war auch am Freitagvormittag im Einsatz, er setzte die Mannschaft am Flughafen Kopenhagen ab. Als Touristen werden die Spieler und Verantwortliche von Hertha BSC die kommende Europa-League-Saison erleben. Das peinliche Aus gegen Außenseiter Bröndby IF (1:0/1:3) sorgt für Spott.

Dafür muss sogleich der neue Marketing­slogan herhalten, auf den die Chefetage bei Hertha so stolz ist: „We try. We fail. We win“ (Wir versuchen. Wir versagen. Wir gewinnen). Bei Immerhertha, dem Blog der Morgenpost, schrieb der Nutzer „Friedrichshainer“: „Also, dass man das ‘We win’ aus dem Slogan nicht ernst nehmen darf, war irgendwie schon klar. Aber wenigstens „We try“ wäre schön gewesen. Puste­kuchen. Auf „We fail“ kann man sich dagegen ­verlassen wie auf das Amen in der Kirche.“ Hertha hat gegen Bröndby mehr kassiert als nur eine Niederlage.

Probleme mit dem Druck

Trainer Pal Dardai sagte, dass man sich schämen müsse vor den 1900 mitgereisten Hertha-Fans. „Die nehmen zwei freie Tage, bezahlen die Fahrt – wir wären es den Fans schuldig gewesen, eine Runde weiterzukommen. Aber dafür reicht es bei uns nicht.“ Dardai erteilt jenen eine Absage, die nach sechs Jahren Pause auf eine internationale Reise zumindest in der Gruppen­phase der Europa League gehofft hatten. „Wenn man so auftritt wie wir, hat man Europa nicht verdient. In Bröndby war es wie in der Rückrunde, wir haben ein Problem mit Druck.“

Das monierte auch Salomon Kalou, 2012 Champions-League-Sieger mit dem FC Chelsea: „Wir kommen mit Druck nicht zurecht.“ Nur war es Kalou, der in Bröndby in der Schlussphase mehrfach gute Chancen nicht nutzen konnte für das eine Tor, das Hertha zum Weiterkommen benötigt hätte.

Für die Einstellung der Mannschaft ist der Trainer verantwortlich. Zumal Dardai weiß, dass das Problem nicht neu ist: „Wir schleppen den Rucksack der vergangenen acht Spiele mit uns rum“, sagte er. Hertha hatte aus den letzten acht Partien der vergangenen Spielzeit nur zwei Punkte geholt. Der Trainer gibt den Druck weiter. Er werde schauen, ob einige zu viel wollen und deshalb verkrampfen. „Oder ob wir es nicht besser können.“

Manager Preetz moniert fehlende Reife

Insgesamt zeigte sich gegen Bröndby (das in der nächsten Runde auf Panathinaikos Athen trifft), dass derzeit die Statik im ­gesamten Team nicht stimmt. In der Defensive ließen Herthas erfahrene Profis – Kapitän Fabian Lustenberger (28), Per Skjelbred, Sebastian Langkamp (28) – die Dänen nach Belieben gewähren.

Von den Jüngeren hatten Marvin Plattenhardt und Mitchell Weiser einen gebrauchten Tag erwischt. Manager Michael Preetz ­monierte mangelnde Reife: „Nach dem 1:1 durch Vedad hätten wir es anders spielen müssen. Da lässt man den Gegner kommen.“ Unter dem Strich, so Preetz, „haben wir nicht nachweisen können, dass wir schon reif sind für den internationalen Wettbewerb“.

Der K.o. hat Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen: Finanziell entgehen Hertha potenzielle Einnahmen, für das Erreichen der Gruppenphase hätte es 2,4 Millionen Euro gegeben, für jeden Sieg 360.000 Euro. Die Folge für Einkäufe: „Dass jetzt nicht mehr Geld zur Verfügung steht, ist klar“, sagte Manager Preetz. „Nichtsdestotrotz werden wir bis zum Ende auf dem Transfermarkt dabei sein.“

Lustenberger und Langkamp droht die Bank

Dardai kündigte an, dass Stammkräfte der vergangenen Saison auf der Bank einen neuen Anlauf nehmen müssen – hier dürfen sich Lustenberger und Langkamp an­gesprochen fühlen. Deren Spielzeit wird zunächst mal an Ondrej Duda und Niklas Stark gehen.

Dardai fordert in Richtung Brooks, Plattenhardt und Weiser: „Wenn die jungen Spieler sich entwickeln wollen, dann wird das gut gehen. Wenn sie aber glauben, sie können schon alles, bekommen wir Probleme. Es liegt an der Eigenmotivation.“

Prognose: Der Ton bei Hertha wird rauer. Und bis zum Ende der Wechselfrist (31. August) sind im Kader noch ­einige Änderungen zu erwarten.