Immer Hertha

Diese Doppelmoral des Karl-Heinz Rummenigge

Die Fälle Julian Draxler und Bastian Schweinsteiger zeigen die Moral im Fußball und warum wir sie dort besser nicht suchen sollten.

Bekannt für klare Worte – hinter denen sich aber immer etwas Anderes verbirgt: Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge

Bekannt für klare Worte – hinter denen sich aber immer etwas Anderes verbirgt: Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, Karl-Heinz Rummenigge

Foto: Andreas Gebert / dpa

Albert Camus war ein vielschichtiger Mann. Im Literatur-Nobelpreisträger und Philosophen steckte auch ein passionierter Torwart. Nur wenige konnten so schreiben wie Camus, nur ganz wenige so wie er über Fußball. Einer seiner oft zitierten Sätze lautet so: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“

Camus schrieb das in den 50er-Jahren und meinte den Fußball seiner Kindheit und Jugend: das Sich-Erleben des Einzelnen als Teil einer Mannschaft, das Aushalten von Schmerzen für den Erfolg, das Wiederaufstehen nach Niederlagen und natürlich die Ekstase des Siegers. Camus meinte das Spiel an sich, und was es uns an Lebenslehren bietet.

Das gilt sicher auch heute noch für die, die es nicht aus professionellen Gründen spielen. Das Geschäft, zu dem der Fußball nunmehr geworden ist, kannte Camus allerdings noch nicht. Nimmt man das Fußballbusiness als Lehre über Moral, dann lernt man heute lediglich, dass es nur eine doppelte gibt.

„Bei Bayern München hat es das noch nie gegeben“

Dafür hat diese Woche wieder schöne Beispiele geliefert: Bastian Schweinsteiger erfuhr an seinem 32. Geburtstag, dass man seine Dienste bei Manchester United nicht mehr gebrauchen kann. Obwohl der frühere Nationalelf-Kapitän dort noch einen Vertrag bis 2018 besitzt. Er musste seinen Spind in der Umkleide der Profimannschaft ausräumen und in die des Reserveteams umziehen.

Julian Draxlers Vertrag beim VfL Wolfsburg läuft noch bis 2020. Und dennoch forderte der Nationalspieler über ein Zeitungsinterview, den Klub in diesem Sommer verlassen zu können. Die Fälle Schweinsteiger und Draxler haben mächtig hohe Wellen geschlagen. Empörung überall, natürlich auch beim Mann für die Doppelmoral im deutschen Fußball: Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge.

Rummenigge sagte über Manchesters Umgang mit Schweinsteiger: „Als ich das gelesen habe, habe ich es fast gar nicht glauben können. Bei Bayern München hat es das noch nie gegeben. Und bei Bayern München wird es das auch nie geben.“ Irgendwo in Dortmund verschluckte sich Mario Götze.

„Vertrag ist Vertrag, das gilt für beide Seiten mit Rechten und Pflichten“

Denn war es nicht eine Aufforderung zum Spindausräumen an den WM-Finaltorschützen, der die Bayern im Sommer zunächst nicht verlassen wollte, als Rummenigge in einem Zeitungsinterview auf Götze angesprochen sagte: „Er weiß, wie der Klub denkt.“? Danach war klar, dass es für Götze keine Zukunft mehr in München geben wird, obwohl er sich sicher war, einen Vertrag bis 2017 unterschrieben zu haben. Er ging zurück zum BVB.

Und dann das Thema Draxler: Wie kann man nur? Da kommt ein Spieler für 35 Millionen Euro und stimmt einem Kontrakt über fünf Jahre zu, um nach nur einer Saison den eigenen Abgang über die Öffentlichkeit erpressen zu wollen.

Auch hierzu hat Rummenigge natürlich seine Meinung: „Vertrag ist Vertrag, das gilt für beide Seiten mit Rechten und Pflichten“, sagte der 60-Jährige. Und: „Ich denke, ich spreche im Namen der gesamten Bundesliga, weil es nicht sein kann, dass wir nur noch Wunschprogramm haben, wenn der Spieler den Verein verlassen will, dass ihm dann praktisch die Tür aufgemacht wird, idealerweise noch zu preiswerten Beträgen. Andernfalls ist die Stabilität unserer Liga ein Stück infrage gestellt.“

Es geht ihm um sein eigenes Interesse

Und darin steckt schon alles, was man wissen muss: Wir sollten im Fußball nie nach Moral suchen. Wenn einer damit argumentiert, ist stets Obacht angebracht – wie wenn ein Staatschef mit moralischen Gründen den Krieg erklärt.

Rummenigge geht es um das Interesse der Klubs, die keinen Bock haben, sich von Spielern auf der Nase herumtanzen zu lassen. Es geht ihm also um sein eigenes Interesse. Überraschen darf das niemanden: Warum sollte der Fußball moralischer sein als jedes andere Geschäft?

Auch im Fußball kommt erst das Fressen, dann kommt die Moral. Dass wissen gerade die Bayern am besten. Natürlich wäre es schön, würden Spieler wie Draxler sich heute noch wirklich mit ihren Klubs identifizieren. Aber es darf in diesem Umfeld niemanden wundern, wenn es nicht so ist.