Immer Hertha

So zoffte sich Hoeneß um Mitternacht auf der Gangway

Wie die Hitze von Zypern und ein umgekippter Essenscontainer die Freude über den größten Hertha-Erfolg der Vereinsgeschichte dämpften.

Es war heiß. Und schwül. Ich weiß, das ist nicht der Sinn, aber ich verbrachte im August 1999 die gesamten zwei Tage der Dienstreise nach Zypern im klimatisierten Hotel. Nur zwei Stunden vor der Abfahrt zum Stadion, wagte ich mich kurz raus: Einmal im Mittelmeer baden. Als Kind der Nordsee traute ich meinen Sinnen nicht. Das Wasser, in der Ferne sah man die Küste des Libanon, hatte 27 Grad.

Nach zehn Pro-forma-Schwimmzügen kehrte ich ins Hotel zurück – nichts war es mit dem Erfrischungs­effekt. Auch die Hertha-Profis hatten Probleme mit der Hitze. Immerhin reichte es am Abend gegen Anorthosis Famagusta zu einem schmucklosen 0:0. Trotzdem herrschte ausgelassen Stimmung: Erstmals gelang Hertha der Einzug in die Champions League. Eben noch Bundesliga-Aufsteiger und jetzt im Duell mit den Großen der Branche vom Schlage AC Mailand und FC Chelsea.

20 Jahre hatte Hertha nicht international gespielt und stand nun sogar in der Königsklasse. Famagusta war meine erste Auslands-Dienstreise – Anfängerglück. Es folgte eine Lektion, wie nah im Fußballgeschäft die großen Millionen-Beträge, die sich Hertha nun erhoffte, und Details ­beieinander liegen - und dass alles wichtig sein kann.

Rollwagen in der Toilette

Direkt vom Stadion ging’s zum Flughafen Larnaca. Der lag nach Mitternacht verlassen im Dunkeln. Auf dem Rollfeld nur zwei Maschinen, in einer davon, einer engen Boing 737, hockten die Mannschaft, Edelfans und ­die ­Berliner Medienvertreter.

Aber es ging nicht los. Irgendwann gab Dieter Hoeneß, der damalige Hertha-Manager, ein Zeichen: Die Mannschaft stieg wieder aus. Hurtig verließ ich meine voll besetzte Reihe und nahm vorn Platz: Reihe eins, Sitz eins, dort wo eben Trainer Jürgen Röber gesessen hatte. Und wurde durch die geöffnete Außentür Ohrenzeuge eines Gespräches auf der Gangway zwischen Hoeneß, dem Flugkapitän und einem ranghohen ARD-Ressortleiter.

Der Manager schimpfte über die Unprofessionalität der Airline. Wie man das Catering für den Rückflug auf dem Hinflug in der Toilette transportieren könne. Der Flugkapitän warf etwas von Platznot ein. Und wie der Rollwagen mit dem Catering in der Toilette umfallen könne, so dass Luft in die Aluminiumverpackung gelangt und wegen der Hitze nun das gesamte Essen verdorben sei.

Hoeneß war erregt. Seine Spieler hätten eine englische Woche, sie brauchten dringend Kohlenhydrate. Der Flugkapitän leistete den Offenbarungseid: Wir haben nichts dabei. Hoeneß wurde laut: Deshalb fliege er jetzt mit der Mannschaft mit dem zweiten Flieger mit den Fans. Auf der Maschine, sie parkte 70 Meter weiter, gebe es für die Spieler wenigstens etwas zu Essen.

Kein jubelnder Fan-Empfang

Daraufhin mischte sich der ARD-Mitarbeiter mit schneidender Stimme ein: Wenn Hertha es wagen sollte, am Abend des größten Erfolges der Vereinsgeschichte, die Medienvertreter und Edelfans, die dafür bezahlt hätten, nachts in Zypern auf dem Flughafen ­stehen zu lassen, werde er dafür sorgen, dass Hertha dieser Skandal bundesweit um die Ohren fliegen werde. Ein Wort gab das nächste, bis eine abgehetzte Stewardess erschien. Sie habe den Chef des Flughafenrestaurants angerufen. Er sei auf dem Weg und habe in der Küche noch 200 Baguettebrötchen des ­Vor­tages. Die werden geschmiert und in ­etwa einer Stunde an Bord gebracht.

So geschah es, gegen 4.45 Uhr landete der Hertha-Flieger in Schönefeld – kein jubelnder Fan-Empfang in Berlin. Lauter übernächtigte Passagiere, die wortkarg Taxen bestiegen. So begann das, was später als Herthas Lauf durch die Königsklasse in die Klubhistorie ­einging mit tollen Nächsten in San Siro, an der Stamford Bridge, im Drachen­stadion zu Porto und im Camp Nou.

Diesmal dauerte Herthas internationale Pause sechseinhalb Jahre. Donnerstag in einer Woche geht es im Rückspiel bei Bröndby IF um die Qualifikation für die Europa League. Das ­Ticket nach Kopenhagen ist gebucht. Hab’ schon mal geschaut: Die Wassertemperatur in der Ostsee liegt bei 18 Grad.