Immer Hertha

Der pinke Stoff, aus dem die Träume sind

Zu den Trikots ihres Vereins pflegen Fans eine sensible Beziehung. Gerade wird sie auf eine harte Probe gestellt, sagt Jörn Lange.

Blau in der Heimat - Pink unterwegs

Blau in der Heimat - Pink unterwegs

Foto: Britta Pedersen / dpa

Puh, Pink also – das muss man als Fußballfan erst mal verkraften. Anfang Juli tauchte im Internet das Bild eines Hertha-Trikots auf, das den Berliner Anhang schwer in Aufruhr versetzte. Darauf zu sehen: der sogenannte Ausweichdress des Bundesligisten in eben jener gewöhnungsbedürftigen Farbe, die der Ausrüster vollmundig als „Vivid Pink“ anpreist. Für den gemeinen Fan wohl eine Prise Lebendigkeit zu viel, die Reaktionen pendelten sich irgendwo zwischen „Frechheit“, „total daneben“ und bestenfalls „ganz lustig“ ein.

Um die Empörung zu verstehen, hilft ein Blick auf die Beziehung zwischen Fan und Trikot. Denn: Es ist ein Verhältnis der speziellen Art. Ich kenne Menschen, deren Mode-Interesse kaum größer zu sein scheint als Herthas Chance auf die Meisterschaft, doch beim Thema Trikot entwickeln sie einen ungeahnten Blick fürs Detail. Da wird über „edle Polokragen“ und „unruhige Muster“ debattiert, über Schnittformen und Farbnuancen, ja selbst über die Typographie der Schriftzüge.

Während die Alltagsklamotte in der Hauptsache funktional sein soll, geht’s beim geliebten Leibchen um weit mehr. Es geht um Träume von einer erfolgreichen Saison, vor allem aber um Identifikation. Wer das gut 80 Euro teure Stück Wochenende für Wochenende überstreift, will das mit Stolz tun und nicht belächelt werden. Negativbeispiele hat jeder Fußballfan schnell zur Hand: das „Wiesn-Trikot“ von 1860 München in bayerischer Trachtenoptik zum Beispiel. Oder das quietschbunte Farbdebakel, mit dem die Kicker des VfL Bochum einst auflaufen mussten.

Um derartige Stilsünden zu umdribbeln, haben die Sportartikelhersteller längst reagiert. In den Design- und Marketingschmieden wird dafür gesorgt, dass die Bekleidung den „gestiegenen Anforderungen“ der Athleten gerecht wird, was natürlich nicht nur farblich zu verstehen ist. Dass die körperbetonte Passform lediglich dem austrainierten Sportler dient, dem weniger trainierten Fan dafür umso weniger schmeichelt – geschenkt. Dank „lasergeschnittenen Belüftungsöffnungen“ und „trockeneren Tragekomforts“ können Spieler heutzutage „Topleistungen erzielen“. Wie die Beckenbauers und Breitners ihre Triumphe einst ohne diese Hilfsmittel erringen konnten? Rückblickend ein Rätsel.

Früher war eben alles anders. Uli Hoeneß, damals Jungmanager des FC Bayern, musste 1979 erst in die USA reisen, um auf den rechten Weg zu finden. Dort sah er, wie Fans der San Francisco 49ers dem Footballklub den Trikotshop einrannten – unter der Woche, ohne dass ein Spiel stattfinden würde. Die Offenbarung eines Millionengeschäfts. 37 Jahre später differenziert sich dieses Business immer weiter aus. Wachstumspotenzial haben die Fußballökonomen vor allem unter Frauen ausgemacht. Die dürften sich vom pinken Hertha-Look angesprochen fühlen, zumindest eher als der durchschnittliche männliche Fan, der sich darüber freut, dass das Heimtrikot in klassischem Blau-Weiß gehalten ist. Modeexperten fühlen sich davon zwar an „eine brave Marinetruppe in Ausgehuniform“ erinnert, dem traditionsbewussten Herthaner aber gefällt’s.

Berlin ist übrigens nicht der einzige Bundesligastandort, der mit ungewohnten Farben konfrontiert wird. Werder Bremen beispielsweise wurde eine Drittgarnitur in Lila verpasst. Die Empörung hielt sich allerdings in Grenzen, wohl auch aus Erfahrung. Die neuen Jerseys zur Saison 2003/04, angereichert mit ungewohntem Orange, wurden damals zunächst als Papageien-Trikots verschmäht. Zehn Monate später war Werder Meister und Pokalsieger – und das Papageien-Trikot längst Kult.

Welchen Platz das pinke Hertha-Trikot im Kleiderschrank der Herzen einnehmen wird, muss sich zeigen. Hoffnung machen könnte ein zweiter Blick in den hohen Norden. Beim Hamburger SV bewiesen sie schon in der Saison 1976/77 modischen Mut. Die Hanseaten liefen in Rosa auf – damals noch gewagter als heute. Geschadet hat es nicht. Der HSV gewann in jener Saison den Europapokal der Pokalsieger.