Nachwuchsarbeit

Wie Hertha BSC in die Zukunft investiert

Vier Millionen Euro lässt sich Hertha die Ausbildung der Stars von morgen kosten. Gespräch mit Jugendakademie-Leiter Benjamin Weber.

Die Hertha-Akademie auf einen Blick: Von der U9 (unten) bis zu den Profis (in Hellblau) und die Mannschaft hinter den vielen Mannschaften (Foto von 2015/16)

Die Hertha-Akademie auf einen Blick: Von der U9 (unten) bis zu den Profis (in Hellblau) und die Mannschaft hinter den vielen Mannschaften (Foto von 2015/16)

Foto: City Press

Berlin.  Die Preise für Topspieler schießen gerade in den Himmel. 28 Millionen Euro für Mario Götze, 32 Millionen für Andre Schürrle, 42 Millionen für Henrikh Mkhitaryan – bei solchen Summen ist Hertha BSC längst raus. Der Hauptstadt-Klub will seine Stars selbst ausbilden. Und beschreitet seit 2001 den langen Weg der Ausbildung von Talenten.

Wie kompliziert das ist, was die Youngster lernen und wie groß die Perspektive ist, tatsächlich bei den Profis von Trainer Pal Dardai anzulanden, darüber sprach die Berliner Morgenpost mit Benjamin Weber (36), seit 2014 Leiter der Hertha-Fußballakademie.

Wieviel Schuld hat Hertha BSC, dass die deutsche Nationalmannschaft in der EM im Halbfinale an Frankreich gescheitert ist?

Benjamin Weber: Deutschland hat eine richtige gute Europameisterschaft gespielt. Die Frage zielt aber sicher auf die Stürmer-Thematik ab und die Diskussion, was müssen wir beim Nachwuchs jetzt verändern. Michael Preetz hat es in der Morgenpost ja erfreut zur Kenntnis genommen: Die Rückkehr des Mittelstürmers ist unübersehbar. Sowohl bei der deutschen Mannschaft als auch bei anderen Nationen. Den Stiefel von „Schuld“ würde ich uns als Hertha nicht anziehen. Wir machen, wie andere Klubs auch, eine sehr gute Ausbildungsarbeit mit vielseitig ausgebildeten Spielern. Aber ja, wir müssen uns fragen, wie wir „Spezialisten“ wie Mittelstürmer künftig mehr und früher ausbilden können.

„Wir müssen früher an die Spezialisten“

Es gibt bei der Spieler-Ausbildung einen Zeitgeist, der sich ändern kann. In Deutschland gibt es exzellente junge Torwarte, gute Innenverteidiger und sehr viele herausragende Mittelfeldspieler. Was fehlt sind Außenverteidiger und Stoßstürmer.

Unser Schwerpunkt bei Hertha heißt: Fußballspielen. Wir wollen sauber passen, schnell spielen und kombinieren. Das führt dazu, dass der Fokus zunächst vielleicht ein wenig mehr darauf liegt, die spielfähigen Jungs in der Mitte spielen zu lassen. Man hat leider nicht in jeder Mannschaft richtig schnelle Spieler, die man auf Außen stellen kann. Auch große Stürmer, die die Bälle auf die Kollegen ablegen können und einigermaßen Geschwindigkeit haben, die sucht jeder Verein. Wir müssen künftig früher mit der Ausbildung der Spezialisten beginnen, spätestens mit 15, 16 Jahren.

Wie läuft das in der Praxis ab?

Nehmen wir das Beispiel Yanni Regäsel. Der hat in der Jugend häufig in der Innenverteidigung gespielt. Dann haben wir mit ihm gesprochen: Auf welcher Position hat er die größte Chance im Profigeschäft zu landen. Das war als rechter Verteidiger. Deshalb hat er sich spezialisiert und ist bei Hertha Bundesliga-Spieler geworden. Ein anderes Beispiel ist Shawn Kauter. Der fällt derzeit zwar wegen einer schweren Verletzung gerade aus. Er hat in der Jugend auf verschiedenen Positionen im Zentrum gespielt. Shawn ist aber einer unser schnellsten Spieler. Mit Blick auf die Durchlässigkeit zu den Profis hat er es daher auch als rechter Verteidiger versucht. Wir legen unseren Schwerpunkt auf das Fußballspielen. Aber ja, wir müssen uns noch mehr dem Thema der Spezialisten stellen.

Schmelztiegel Berlin

Ist Berlin im Deutschlandweiten Vergleich ein einmaliger Schmelztiegel?

Ja, Berlin ist ein besonderer Schmelztigel, dazu kommt das Umland, insbesondere Brandenburg. Berlin bietet unglaublich viel an Talenten. Das hat mit den Kiezen zu tun, den vielen Vereinen, den Mix an Nationalitäten, den wir in Berlin haben. Wir versuchen die Besten herauszufiltern.

Früher war es der Anspruch, dass die besten Talente des Nordostens im Hertha-Nachwuchs spielen. Ist das heute noch so oder finden die sich eher bei RB Leipzig mit deren neuen Nachwuchsleistungszentrum?

Das ist weiter unser Anspruch. Der Großteil der besten Talente ist bei uns. Aber klar, es gibt junge Spieler, die sich für einen anderen Weg entscheiden. In der Bundesliga herrscht ein Kampf um Talente.

Was ist die Hertha-Philosophie?

Womit wirbt Hertha?

Wir werben für unseren Weg. Wir wollen die Talente möglichst früh zu uns holen, lange begleiten und bestmöglich in den Profi-Bereich bringen.

Trainer Pal Dardai spricht von einer ­Hertha-Philosophie. Was meint das?

Wir wollen spielfähige, handlungsschnelle Spieler entwickeln, die ohne große Eingewöhnung einen solchen Fußball spielen können, wie Pal Dardai ihn vergangene Saison in der Bundesliga hat spielen lassen. Jetzt waren neun Nachwuchsspieler im Trainingslager der Profis in Bad Saarow dabei. Die hatten fast keine Eingewöhnungsprobleme, weil sie die Art, wie Hertha spielt, aus ihrer Jugendmannschaft kennen. Wir waren mit den Jugendtrainern von der U15 bis zur U21 in Bad Saarow. Pal Dardai und Rainer Widmayer haben ihnen noch mal nahe gebracht, was sie sich wünschen. Es geht nicht um ein bestimmtes System, wie man das aus der Schule von Ajax Amsterdam kennt, wo alles auf ein 4-3-3 getrimmt wird. Wir wollen breit ausbilden. Die Jungs sollen verschiedene Systeme spielen können. Bei der EM hat sich wieder gezeigt, dass heute erwartet wird, dass die Spieler eine Dreier-Abwehrkette genauso beherrschen wie eine Vierer-Kette.

Geht es bei den Talenten ausschließlich ums sportliche Potenzial oder auch um Charakter, Einstellung, Typ?

Es geht mehr denn je um das gesamte Paket. Der Hertha-Weg ist die duale Ausbildung, das meint Schule und Sport. Wer seinen Kopf in der Schule anstrengen muss, entwickelt sich auch sportlich besser. Wir bieten viel Unterstützung an. Wir haben mit der Poelchau-Oberschule auf dem Gelände des Olympiaparks und dem Schul- und Leistungssportzentrum in Hohenschönhausen zwei Eliteschulen des Sports als Partner und so einen klaren Standortvorteil. So war es durch zusätzliche Pädagogen des Verbundsystems von Schule und Verein möglich, dass im Trainingslager einige der Jungen am gleichen Tag eine Klausur geschrieben haben wie der Rest der Klasse, nur eben in Bad Saarow. Das ist ein Fokus, der für immer mehr Eltern wichtig ist: dass ihre Kinder eine ordentliche Schulausbildung bekommen.

Prävention gegen Wetten und Manipulation

Hertha hat 2001 mit der systematischen Ausbildung begonnen. Die verändert sich. Bei Ihnen gibt es heute Athletiktrainer, Psychologen, Pädagogen, Ernährungsberater, Physiotherapeuten und Taktikanalysten?

Ja, alle genannten Bereiche sind bei uns besetzt. Ausgehend von sportwissenschaftlichen Erkenntnissen machen wir u.a. auch Ernährungsworkshops. In der psychologischen Betreuung kümmern wir uns um die Entwicklung der Persönlichkeit, um Ich-Stärkung. Medien-Training gehört dazu. Der Umgang mit sozialen Netzwerken ist ein Thema, präventives Verhalten beim Thema Wetten und Manipulation. Die medizinische Betreuung ist ein Kernthema. So ist der medizinische Bereich täglich im Betrieb. Wir haben bis zur U13 runter in der Mannschaft einen Physiotherapeuten. Dazu kommen der trainingswissenschaftliche athletische Bereich. Wir haben drei Athletiktrainer, die sich im Rahmen des Konditions- und Athletiktraining um Kraft, Schnelligkeit, Beweglichkeit, Koordination und Ausdauer kümmern.

Laut Satzung ist Hertha ein Ausbildungsverein.

Nachwuchsarbeit ist schon immer ein Kernthema bei Hertha gewesen. Natürlich haben wir eine große pädagogische Verantwortung. Pro Jahrgang schaffen ein bis drei Talente den Sprung zu den Profis. Wir wollen die anderen Jungs mit einem Rüstzeug ins Leben entlassen. Wir wollen Jugend fördern. Jeder, der hier her kommt hat den Traum, als Hertha-Profi im Olympiastadion zu spielen. Diese Träume sind in Ordnung. Wir müssen die Jungen aber auch darauf vorbereiten, wie es weitergeht, falls es zu einer Profikarriere nicht reichen sollte.

Dardai steht für Durchlässigkeit

Von außen betrachtet, hat man den Eindruck: Die Durchlässigkeit von der Jugend zu den Profis bei Hertha könnte größer sein.

Das Thema Durchlässigkeit ist unsere große Chance. Wir haben im Moment mit Pal Dardai, der aus dem Jugendbereich kommt, und mit Co-Trainer Rainer Widmayer eine Konstellation, in der die verantwortlichen Trainer sehr stark auf die Jugend schauen. Regelmäßig erleben Jungs aus der U17 oder U19 oder U23, dass sie die Chance haben, bei den Profis mittrainieren zu dürfen. Zudem haben vergangene Saison mit Maximilian Mittelstädt, Florian Kohls, Nils Körber und Shawn Kauter vier Talente den Sprung geschafft, dazu Yanni Regäsel bis Ende Januar. Die Jungs und ihre Familien nehmen wahr: Es besteht bei Hertha die realistische Chance, dass ich mich bei den Profis zeigen kann.

Auch Brooks und Schulz haben Zeit gebraucht

Schaut man genauer hin, fallen die Einsatzzeiten gering aus. Bei 34 Saisonspielen kam Regäsel auf fünf Partien, Mittelstädt auf drei Einsätze, Kohls auf sieben Saisonminuten.

Der letzte Schritt in den Profifußball braucht Zeit. Nehmen wir das Beispiel von Maxi Mittelstädt: Der gehörte vergangene Saison noch zum älteren A-Jugend-Jahrgang. Er hat in der U19 und der U23 insgesamt 20 Saisonspiele gemacht, so dass er zum dem Zeitpunkt, als Pal Dardai ihm die Chance bei den Profis gegeben hat, im Saft stand. Das ist das Entscheidende. Yanni Regäsel hat vor seinen Bundesliga-Einsätzen 50 Regionalliga-Spiele gemacht. In dem Alter ist Spielpraxis wichtig. Mit 18, 19 spielt man nicht 28mal pro Saison Bundesliga. Der Weg eines Mario Götze oder Leroy Sane, die mit 17 sofort in die Bundesliga durchstarten, ist die Ausnahme. John Brooks oder Nico Schulz haben auch nicht sofort auf Anhieb funktioniert. Auch da hat es Zeit gebraucht. Deshalb haben wir weiter eine U23, weil wir sie für eine wichtige Übergangsmannschaft halten.

Sie sagen Durchlässigkeit ist die Chance von Hertha. Trotzdem scheint das Nadelöhr sehr klein.

Ja, weil die Talente auf einen Profikader treffen, wo jede Position mindestens doppelt besetzt ist. Und es dort natürlichen einen intensiven Konkurrenzkampf um die Plätze gibt. Da müssen sich die Jungen beweisen. Die erfahrenen Spieler treten nicht beiseite. Dort entscheidet Leistung. Die muss dann stimmen. Hertha ist nach wie vor ein Verein, der sich in der Bundesliga etablieren will. Wir wollen nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Da müssen auch die Jungen funktionieren.

Verärgert, wenn Mukhtar bei Benfica unterschreibt?

Nachwuchsarbeit ist auch ein Geschäft. Viele Vereine kämpfen um Talente.

Der Vorwurf kommt ja immer mal wieder: Wir bilden aus, die Früchte würden andere ernten. Klar gibt es eine Konkurrenzsituation. Nicht nur bei uns in der Nähe, viele deutsche Vereine setzen auf die Karte Nachwuchs. Wir haben den Standortvorteil Berlin. Wir reden über Kinder und Jugendliche. Wir wollen, dass die aus Berlin und Brandenburg früh zu uns kommen und lange bleiben. Ja, es ist ein Geschäft, das bundesweit betrieben wird. Wir wollen mit dem überzeugen, was wir hier machen. Schule ist wichtig, Durchlässigkeit zu den Profis ist wichtig. Wir müssen dafür sorgen, dass die Jugendlichen und ihre Eltern diesen Weg bei uns gehen wollen. Wenn sie dann mit 18, 19 an dem Punkt sind, dass Pal Dardai und Manager Michael Preetz diese Jungs als Profis haben wollen, dann haben wir als Leistungszentrum unseren Auftrag weitgehend erfüllt.

Ärgert es Sie, wenn der bei Hertha ausgebildete Hany Mukhtar zu Benfica Lissabon wechselt?

Ärgern ist nicht das richtige Wort. Da sind wir beim Punkt Geschäft. Wir hätten uns gewünscht, dass er seinen Vertrag bei Hertha verlängert. Aber es ist legitim, wenn ein Profi seine Perspektive bei einem internationalen Topklub sieht.

Brooks ist ein gutes Beispiel

Wie sieht eine gelungene Ausbildung aus?

Nico Schulz ist ein gutes Beispiel: Er hat seine gesamte Ausbildung bei uns in der Akademie absolviert, dann fast 100 Spiele für die Profis gemacht und am Ende, als wir den Vertrag mit ihm leider nicht mehr verlängern konnten, konnten wir ihn gegen eine entsprechende Ablöse im Millionen-Bereich nach Mönchengladbach transferieren. Genauso John Anthony Brooks, der ebenfalls viele Jahre in der Hertha BSc Fußball-Akademie ausgebildet wurde und fester Bestandteil der Profis ist.

Rechnet sich der Aufwand?

Pro Saison investiert Hertha rund vier Millionen Euro in den Nachwuchsbereich. Rechnet sich das?

Dass sich die Nachwuchsarbeit lohnt, zeigt sich in erster Linie in über 50 Spielern, die seit 2001 in der Akademie von Hertha BSC ausgebildet wurden und es bis in den Profifußball geschafft haben. Auf der anderen Seite gab und gibt es direkte Erlöse aus Transfereinnahmen von Spielern, die bei Hertha ausgebildet wurden. Diese Erlöse beliefen sich für die Vergangenheit auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Für die Zukunft erwarten wir noch höhere Einnahmen, da sowohl international (insbesondere England und China) wie national die Transfererlöse deutlich gestiegen sind und weiter steigen werden.