Bundesliga

Salomon Kalou ist bereit zur Wiedergutmachung

Herthas Top-Torjäger will nachholen, was er vorige Saison verpasste: die Berliner nach Europa schießen. Seine Zukunft ist ungewiss.

Nach wie vor treffsicher: Beim 5:0 (3:0) im Testspiel gegen den FSV Luckenwalde erzielte Salomon  Kalou (l.) den dritten Berliner Treffer

Nach wie vor treffsicher: Beim 5:0 (3:0) im Testspiel gegen den FSV Luckenwalde erzielte Salomon Kalou (l.) den dritten Berliner Treffer

Foto: City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Berlin.  Wer Salomon Kalous Internetauftritt verfolgt, merkt schnell: Seine Vorliebe für Sinnsprüche ist fast so ausgeprägt wie die für Tore. Auch sein jüngstes Instagram-Bild – Kalou bei der Arbeit für seine Stiftung in Afrika – hat Herthas bester Torjäger um einen Leitsatz ergänzt. „Die Vergangenheit ist meine Erfahrung, die Gegenwart meine Verantwortung, die Zukunft meine Herausforderung“, steht dort.

Philosophische Worte, die nicht nur zum sozialen Engagement des Ivorers passen, sondern auch zu seiner sportlichen Situation in Berlin. Die vergangene Saison, sagt Kalou, habe das Selbstvertrauen der Berliner spürbar wachsen lassen.

Im Hier und Jetzt richte er alles auf eine gute Vorbereitung aus, mehr habe er nicht in der Hand. Und die Zukunft? Er muss grinsen. Kalou kennt die Fakten. In drei Wochen wird er 31 Jahre alt. Sein Vertrag bei Hertha läuft bis Sommer 2017.

Der Stürmer geht wohl in seine Abschiedssaison

„Im Fußball ändern sich die Dinge so schnell, dass es schwer ist, Pläne zu machen“, sagt er ein verlegenes Lachen später. Kalou, der Diplomat. Vielleicht, sagt er, ziehe es ihn ja in die USA. Noch ein Lachen – „nein, nein, nur Spaß“. Er wäre nicht der Erste, der seine Karriere jenseits des großen Teiches ausklingen lässt. Als Attraktion für die Major League Soccer, auf überschaubarem Niveau, dafür mit überdurchschnittlichem Salär.

Erst vor drei Wochen weilte er in New York, spielte dort Fußball für einen guten Zweck, gemeinsam mit zahlreichen anderen Topathleten. Kalou, der Champions-League-Sieger von 2012, Teil des internationalen Sport-Jetsets. Folgt auf London und Berlin bald New York? Zukunftsmusik.

Ein klares Bekenntnis zu Hertha kommt ihm jedenfalls nicht über die Lippen. Gut möglich, dass er seine letzte Saison im blau-weißen Trikot absolviert.

Nach einer enttäuschenden Premierenspielzeit (sechs Tore) steigerte er sich deutlich. „Mindestens zwölf Saisontore“, hatte er vor einem Jahr versprochen. Am Ende wurden es 14. „Vielleicht“, sagt er, „gelingen mir diesmal ja sogar 15. Wenn wir als Team gut spielen, trifft man automatisch.“

Mit einem Siegtor in Mainz wäre Hertha schon in Europa

Ein typisches Kalou-Statement, eingebettet in Optimismus und Gelassenheit, zwei Eigenschaften, die teils bewundert, teils verteufelt werden. Bewundert, wenn er spärliche Chancen abgezockt in Tore verwandelt; verteufelt immer dann, wenn er Bälle allzu lässig vertendelt.

So wie am letzten Spieltag der abgelaufenen Saison in Mainz, als er trotz mehrerer guter Gelegenheiten den Siegtreffer verpasste. Mit drei Punkten wäre Hertha die Europa-League-Qualifikation erspart geblieben. Vergangenheit.

Für die Gegenwart und Zukunft stellt sich die Frage, welche Rolle Kalou im Team einnehmen kann. Trainer Pal Dardai macht kein Geheimnis daraus, dass er sich auf dem Flügel mehr Schnelligkeit wünscht – dort, wo Kalou 2015/16 in 15 seiner 32 Spiele zum Einsatz kam.

Dass er sich nicht um seine Fitness kümmern würde, kann man dem Angreifer nicht vorwerfen. Im Lauftrainingslager wurde er zwar kurzzeitig von einer Wadenblessur gestoppt, zog das Programm ansonsten aber engagiert durch. Um Muskelverletzungen zu vermeiden, praktiziert er seit Jahren Yoga. Viel Wasser trinken, viele Ruhepausen – „ich weiß inzwischen sehr genau, was mein Körper braucht“, sagt Kalou. Genauso weiß er, was sein Körper nicht (mehr) leisten kann. Schnelligkeit ist nicht sein größter Trumpf.

Kalou traut Hertha einen Platz unter den Top-Sechs zu

„Tempo ist gut“, sagt Kalou, „aber Spielverständnis auch.“ Selbst wenn Hertha auf dem Transfermarkt einen flinken Offensivmann finden sollte: Sorgen um seinen Stammplatz macht er sich nicht. „Konkurrenz macht jede Mannschaft besser“, ist er sich sicher. Dardai sieht es ähnlich. Im Fall der Fälle könne Kalou als hängende Spitze spielen, „dann können wir noch mehr variieren“, sagt der Ungar.

Fest steht: Die Erwartungen sind gestiegen, das gilt für Hertha nach einer überraschend starken Saison genauso wie für Kalou. „Wir wissen jetzt, was wir können“, sagt der Angreifer. „Vielleicht ist in der Liga ein Platz unter den Top-Sechs drin.“ Vorerst aber gilt alle Konzentration der Europa-League-Qualifikation. Auf wen Hertha am 28. Juli und 4. August trifft, entscheidet sich am Freitag.

Von Europa hatte Kalou früher geredet als jeder andere beim Hauptstadtklub – schon im vorigen November, als ihm beim 3:1 in Hannover ein Hattrick gelungen war. Nun will er seine Mission vollenden, am liebsten, indem er nachholt, was er in Mainz verpasst hat. Internationale Bühne, Flutlichtspiele im Olympiastadion, das soll Herthas Gegenwart werden. Dass es tatsächlich so kommt, liegt nicht zuletzt in der Verantwortung von Salomon Kalou. Eine schöne Herausforderung.