EM 2016

Michael Preetz: "Ich bin Fan von Paul Pogba"

Michael Preetz über seinen Lieblingsspieler bei Gastgeber Frankreich und den Hertha-Anteil an der Fußball-EM in Frankreich.

Den isländischen Fußball verfolge ich schon länger, weil mein ehemaliger Teamkollege und Freund Eyjölfur „Jolly“ Sverrisson dort seit Jahren im Verband arbeitet. Deshalb gehöre ich nicht zu den neuen Fans, die Island mit seinem couragierten EM-Debüt gewonnen hat. Diese Jungs haben eine Haltung, ich habe mich sehr gefreut über die Mentalität, die sie beim 1:1 gegen Portugal gezeigt haben.

Mir hat diese unglaubliche Leidenschaft imponiert, die ich bei diesem Turnier nicht von allen Nationen gesehen habe. Natürlich verfügt Portugal über die besseren Einzelspieler. Deshalb wusste jeder Isländer, dass die Überraschung gegen den Favoriten, nur gelingt, wenn jeder alles gibt. Das hat mich erinnert an die Art, wie wir mit Hertha in der vergangenen Bundesliga-Saison Erfolg hatten – weil wir sehr oft ans Limit gegangen sind.

Ebenfalls gefreut habe ich mich für Ungarn. Zu deren Nationaltrainer Bernd Storck habe ich seit den gemeinsamen Zeiten bei Hertha einen guten Draht. Wenn Bernd in Berlin ist, tauschen wir uns regelmäßig aus. Als Cotrainer, der er unter Jürgen Röber war, ist es immer schwierig, den Sprung zum ersten Mann zu schaffen.

>> Preetz: Die EM ist auch ein großer Marktplatz

Bernd brennt für Fußball, er ist ein sehr emotionaler Trainer. Mit Ungarn, dem vielleicht größten Außenseiter dieser EM, ist er nun mit einem Sieg gestartet. Ich komme aus dem Schmunzeln nicht raus, dass Gabor Kiraly, mit dem ich ab 1997 bei Hertha gespielt habe, mit 40 Jahren immer noch einen tollen Torwart abgibt. Auch wenn die Leistung der Österreicher enttäuschend war: Bernd Storck hat mit dem Auftaktsieg den Ball weitergespielt, den Pal Dardai in den Monaten, als er in Personalunion Hertha-Trainer und ungarischer ­Nationaltrainer war, perfekt vorgelegt hat.

Belgien: Eine tolle Mannschaft mit sehr guten Einzelspielern

Anders als manchen Kritikern hat mir Belgien Spaß gemacht. Auch wenn sie gegen die Altmeister aus Italien 0:2 verloren haben – das ist eine tolle Mannschaft mit sehr guten Einzelspielern. Belgien spielt einen frischen Fußball. Ich schreibe sie trotz der Niederlage bei ­dieser EM nicht ab. Respekt auch für Italien. Die nicht nur eine erfahrene, taktisch gute Vorstellung geboten haben, sondern, ähnlich wie Island, als sehr starkes Team aufgetreten sind.

Frankreich hat mit der Last der Erwartungen zu kämpfen. Das war bei den Last-Minute-Siegen gegen Rumänien und Albanien nicht zu übersehen. Nun hat der Gastgeber als erstes Team das Achtelfinale erreicht. Meine Meinung: Die Franzosen werden kommen. Begeistert bin ich von Paul Pogba. Was für ein toller, moderner Mittelfeldspieler: Defensivstark, robust, technisch versiert und mit seinen gerade 23 Jahren schon vier Mal italienischer Meister mit Juventus Turin. Wohl dem Nationaltrainer, wie Didier Deschamps es Dienstag ­gemacht hat, der von der Bank Pogba und ­Antoine Griezmann bringen kann.

So richtig los geht es mit den K.o.-Spielen

Auch England wird seinen Weg gehen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sehe ich da eine Mannschaft mit Perspektive. Endlich entwickelt sich mal etwas mit eigenen, jungen Spielern. Für den ganz großen Wurf, den Titel, kommt die EM vielleicht noch etwas früh, aber ich traue England ein gutes Turnier zu.

Sportlich macht die Europameisterschaft Spaß, auch wenn ich gern zugebe: So richtig los geht es mit den K.o.-Spielen. Aber die Sicherheitsprobleme liegen derzeit wie ein großer Schatten über dem Ereignis. Es ist schade, dass es immer wieder Zwischenfälle mit Hooligans gibt. Es ist nicht zu verstehen, dass die Sicherheitsbehörden in Frankreich so wenig Gebrauch machen von den Angeboten der anderen Länder. In Deutschland gibt es seit Jahrzehnten eine funktionierende Zusammenarbeit von Fanbetreuern und Anhängern. Dieses Sicherheitskonzept hat sich im Großen und Ganzen sehr bewährt. Schade, dass dieses Wissen kaum genutzt wird. Stattdessen sehen wir aus den Stadien und Innenstädten Bilder von prügelnden Horden. Das schadet dem Fußball.