Hertha BSC

Dardai spricht seiner Hertha ein Misstrauensvotum aus

Der Weckruf des Hertha-Trainers nach der Darmstadt-Pleite birgt Risiken für das Saisonfinale in Mainz – und für die nächste Saison.

Foto: City-Press / City-Press GbR

Berlin.  Wenn die Sache gut geht am Sonnabend, wird es heißen: Pal Dardai hat alles richtig gemacht. Ein Weckruf im letzten Moment. Im „Endspiel um Europa“ tritt Hertha BSC als Sechster beim Fünften an, dem FSV Mainz. Beide Teams sind punktgleich, ebenso wie der FC Schalke als Siebter, der nach Hoffenheim muss.

Am letzten ­Liga-Spieltag ist für den Hauptstadt-Klub zwischen Rang fünf und sieben alles möglich. Die Option, dass Hertha den Rückstand von drei Punkten und 15 Toren auf den Vierten Gladbach ­aufholt, existiert nur theoretisch.

Doch der Weckruf, den Pal Dardai in der Pressekonferenz nach dem 1:2 gegen Darmstadt gestartet hat, ist eine riskante Sache. Der Cheftrainer hat seine Mannschaft vordergründig mit positiven Eigenschaften beschrieben: „zu nett“, „zu brav“, „zu intelligent“. Dem Sinn nach aber hat Dardai diese Beschreibungen benutzt, um seinem Team das auszusprechen, was man in der Politik ein Misstrauensvotum nennt.

„Sandro Wagner hat getötet“

Dieser Schwiegersohn-Charakter sei löblich, wenn er Töchter hätte (tatsächlich hat Dardai drei Söhne), aber ihm fehlen „Wettkampftypen“. Dann wurde es martialisch. Darmstadts umstrittener Torjäger (und Ex-Herthaner) „Sandro Wagner hat getötet. Wir haben so ­niemanden“, sagte Dardai.

Diesen Blickwinkel behielt der Trainer auch. nachdem er eine Nacht drüber geschlafen hatte. Dass seine Mannschaft trotz 1:0-Führung durch Vladimir Darida die Partie verloren habe, „kann man Angst nennen“, sagte Dardai am Sonntag auf dem Schenckendorffplatz.

Im Folgenden führte er aus, was er sich unter „gesunder Aggressivität“ vorstellt, die seinen Spielern fehle. Er rufe nicht zu Gewalt auf. Es ging um Dominanz, die fehlt. Um die Körpersprache, die fehlt. Um Mut, nach vorne zu verteidigen und auf ein zweites Tor zu gehen – auch das habe gefehlt.

Diese Eindrücke habe Dardai nicht nur aus den Partien gegen Darmstadt, Hannover (2:2) oder Hoffenheim (1:2), in denen Hertha jeweils in Führung gegangen war, „diese Eindrücke beschäftigen mich seit Dezember“.

Was meint er mit „Schwiegersohn-Typen?“

Die Äußerungen bergen nun eine Menge Sprengstoff. So hat der Kader, dem nach Trainer-Meinung die Wettkampftypen fehlen, die beste Hertha-Hinrunde der vergangenen zehn Jahre gespielt. Und mit zehn Siegen aus 17 Partien den Grundstein dafür gelegt, dass Hertha trotz schwächerer Rückrunde in der Saison 2016/17 in jedem Fall im Europacup starten wird.

Wen meint der Trainer mit „Schwiegersohn-Typen“: Fabian Lustenberger? Sebastian Langkamp? Per Skjelbred? Vladimir Darida? Peter ­Pekarik? Valentin Stocker? Johannes van den Bergh? Jens Hegeler?

Die Arbeit eines Fußballtrainers hat viel mit Psychologie zu tun. Es ist wichtig, die Mechanismen des Geschäfts zu erkennen. Und abzuwägen, in welchem Rahmen Erkenntnisse geäußert werden. Da ist es ein Unterschied, ob der Trainer diese Rede in der Kabine hält oder ­vor laufenden TV-Kameras.

Nur: Wie groß wird die Bereitschaft der Mannschaft sein, in Mainz die Kastanien aus dem Feuer holen nach diesem Misstrauensvotum des Trainers?

Warum Dardais Aussagen riskant sind

Auch perspektivisch sind die Aussagen riskant. Es ist nicht nur so, dass der Charakter der Profis seit längerem bekannt ist. Hertha hat gerade die Verträge verlängert mit Langkamp, der in der starken Hinrunde Abwehrchef war, sowie mit Kapitän Lustenberger (beide bis 2019).

Auch wird Manager Michael Preetz nicht müde zu betonen: „Der Kern dieser Mannschaft, wird auch der Kern für die kommende Saison sein.“ Heißt: Die Schwiegersohn-Fraktion bleibt Hertha bis auf weiteres erhalten.

Wenn Dardai sagt, dass ihn dieses Thema seit Dezember umtreibt, bleibt festzuhalten: Es gehört zum Kern­gebiet der Trainer-Arbeit dafür zu sorgen, dass die Mannschaft mit der richtigen Einstellung auf den Platz geht.

„Ich bin noch jung. Das Problem ist erkannt“

Dardai nimmt sich mit in die Haftung. Der 40-Jährige bestreitet seine erste Saison als Bundesliga-Coach. „Ich bin noch jung. Das Problem ist erkannt. Aber ich finde seit Monaten keine Methode, um es zu ändern.“

Es ist viel eingeprasselt auf den Ungarn seit seinem Amtsantritt im Februar 2015. Leute, die ihm nahestehen, erzählen, dass Dardai konfrontiert wird mit vielen Wünschen und Begehrlichkeiten. Er reagiere darauf, in dem er sich mehr und mehr zurückziehe und relativ ­wenig sagen lasse.

Hier ist auch Manager Michael Preetz nun gefragt , das rechte Maß zu finden in der Führung des jungen Trainers. Als positiv ist zu werten, dass Dardai um die Wichtigkeit von Entwicklung weiß. Egal, wie die Saison für Hertha enden wird, werde er mit verschiedenen Leuten reden. „Vielleicht muss ich das richtige Buch finden.“ Dardai ließ zudem durchblicken, dass er einen Mentor habe, mit dem er sich austauschen werde.