Immer Hertha

Hertha-Fans im Mecker-Modus: „Die versauen es doch wieder!“

So gut wie in dieser Saison war Hertha lange nicht. Die Berliner verdienen deshalb endlich Respekt und Anerkennung.

Noch vor einem Jahr kämpfte Hertha gegen den Abstieg. In dieser Saison ist die Qualifikation für die Königsklasse  immer noch in Reichweite

Noch vor einem Jahr kämpfte Hertha gegen den Abstieg. In dieser Saison ist die Qualifikation für die Königsklasse immer noch in Reichweite

Foto: Gregor Fischer / dpa

In ihrer Meinung waren sie sich genauso einig wie bei der Wahl ihrer Outfits. „Die versauen es doch wieder“, unkte ein älterer Herr auf einer Bank im U-Bahnhof Bismarckstraße. Sein Nebenmann, auch er geschätzt Ende 70, stimmte prompt mit ein ins Lamento: „Ach ja, das ist doch der gleiche Mist wie immer.“

Die Rede war von Hertha BSC, dem aktuellen Tabellenfünften der Fußball-Bundesliga, doch statt in blau und weiß kam die dazugehörige Meinung der beiden Nörgler so farbenfroh daher wie ihr Dress: in einer Mischung aus beige, ocker und dezentem braun.

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Nun ließe sich behaupten, es handele sich bei dem beobachteten Phänomen um eine Ausnahme. Um typische Exemplare der Spezies „Mecker-Rentner“, einer Gattung Mensch also, die selbst dann noch unzufrieden wäre, wenn Berlin plötzlich schuldenfrei und Hertha Deutscher Meister wäre. Die gefühlte Wahrheit aber ist eine andere.

Noch vor einem Jahr: heftigste Abstiegsangst

Ortswechsel nach Neukölln. Auf der Dachterrasse eines Einkaufszentrums gibt es vieles zu sehen: einen liebevoll zusammengezimmerten Stadtgarten zum Beispiel oder einen famosen Blick auf Berlin. Eines allerdings nicht. Die Farbe beige. Über Hertha gesprochen wird trotzdem. „Die gewinnen bis Saisonende kein einziges Spiel mehr“, ist sich ein Mitzwanziger sicher und nippt an seinem Glas. Wenigstens eine Sache, die halb voll ist.

„Glaub ich auch“, sagt sein Gegenüber, „und dann spielst du Europa League – na herzlichen Glückwunsch.“ Man darf sich schon wundern. Vor nicht mal einem Jahr grassierte unter Hertha-Fans noch heftigste Abstiegsangst, nun gilt alles unterhalb der Champions League als herbe Enttäuschung. Nebenbei bemerkt: Die Qualifikation für die Königsklasse ist immer noch in Reichweite.

Dass sich ein bisschen mehr Glaube in die eigene Mannschaft durchaus lohnen kann, beweist das Mutterland des Fußballs. Ein paar (Zweck-)Optimisten hatten vor Saisonbeginn Häme und mitleidiges Schulterklopfen kassiert, weil sie dem krassen Außenseiter Leicester City die Meisterschaft zutrauten und diese Schnapsidee auch noch in Form eines Wettscheins dokumentierten. Ein Fußballwunder später kassieren diese Propheten nur noch eins: sehr viel Geld. Wer nur zehn Pfund auf Leicester gesetzt hatte, durfte sich in dieser Woche über einen stattlichen Gewinn in fünftausendfacher Höhe freuen. Zuversicht zahlt sich aus.

Hertha verdient Respekt und Anerkennung

Zugegeben: Mit dem englischen Sensationsmeister kann Hertha nicht mithalten. Respekt und Anerkennung haben die Berliner für das Erreichte trotzdem verdient, doch stattdessen macht sich unter einigen Anhängern die Furcht breit, Hertha könnte noch etwas verspielen. „German Angst“ in ihrer Hauptstadt-Variante: „Berliner Bammel, wa’.“

Was, möchte man den verängstigen Fan fragen, soll denn eigentlich noch verloren gehen? Im allerschlimmsten Fall landet Hertha im Play-off für die Europa League – und verpatzt es. Ein Worst-Case-Szenario, das seinen Namen nicht verdient hat.

Es gibt so vieles, über das man sich als Fußballfan aufregen kann. Montagsspiele, die bald Einzug halten und Auswärtsfahrten fast unmöglich machen. Klub-Ikonen, die ihr eigenes Denkmal einreißen, indem sie zum großen Rivalen wechseln. Investoren, die den Wettbewerb verzerren, teure Tickets oder schales Stadion-Bier. Das kann ich alles verstehen. Den Unmut über ein Team, das am Ende einer sorgenfreien Saison auf Normalgröße zurückschrumpft, verstehe ich nicht. Wahrscheinlich aber muss man diese Reaktion als eine zutiefst menschliche begreifen. Einerseits, weil nur der verlieren kann, der etwas erreicht hat. Zum anderen, weil Herthas Historie an Enttäuschungen nicht eben arm ist.

Am Sonnabend bestreitet die Mannschaft das letzte Heimspiel der Saison gegen Darmstadt. Wie es ausgehen wird? Völlig offen. In einem Punkt lege ich mich trotzdem fest. Für den Fall einer Niederlage finden sich sicher ein paar Fans, die ein altkluges „Ich hab’s doch gewusst!“ vor sich hertragen. Wollen wir wetten?