Herthas nächster Gegner

Alles wieder Roger in Leverkusen

Trainer Roger Schmidt schickt sich an, Hertha-Gegner Leverkusen aus der Krise direkt in die Königsklasse zu führen. Wie? Über Umwege.

Roger Schmidt (49) hat in Leverkusen bewiesen, dass er krisenfest ist

Roger Schmidt (49) hat in Leverkusen bewiesen, dass er krisenfest ist

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Leverkusen.  Roger Schmidt erlebt gerade eine Woche, in der er mal wieder hin- und hergerissen ist – zwischen seiner Begeisterung für funkelnde Fußballabende in Madrid, Manchester oder Villarreal und dem eigenen Tagwerk am Rande der A1.

Wie sehr er sich für den eigenen Trainingsbetrieb ereifern kann, hat Leverkusens Cheftrainer in der Vergangenheit oft genug betont. Auf der anderen Seite aber packt den 49-Jährigen stets eine fast kindliche Freude – immer dann, wenn er internationale Partien verfolgt, egal ob als Verantwortlicher im Stadion oder zu Hause vor dem Fernseher.

Das sportliche Drama zwischen Liverpool und Dortmund vor zwei Wochen etwa schaute sich Schmidt auf der Wohnzimmercouch an. Am nächsten Tag erklärte er leicht betrübt: „Jeder Europapokalabend, an dem wir nicht dabei sind, macht uns noch gieriger.“

Das Gesicht der Krise

Das Bekenntnis ihres Trainers untermauerten die Werksklubkicker danach mit einem 3:0 gegen Frankfurt und dem krachenden 3:2 auf Schalke, bei dem sie ein 0:2 binnen 393 Sekunden umbogen. Entsprechend verheißungsvoll ist die Lage der Rheinländer vor dem Duell mit Hertha BSC um die Königsklassenplätze am Sonnabend (18.30 Uhr): „Alle Zuschauer wissen um die Wichtigkeit und werden uns anfeuern“, sagt Schmidt. „Gemeinsam Platz drei zu sichern – das wäre fantastisch.“

Vor sechs Wochen hätten auf dieses Szenario nur ganz Verwegene gewettet. Nach dem vorzeitigen Aus im DFB-Pokal und in der Europa League war Bayer drauf und dran, das Saisonziel auch in der Liga zu verpassen.

Es schien einen direkten Zusammenhang zu geben zwischen der Schaffenskrise der Leverkusener Ballkünstler und der Drei-Spiele-Sperre gegen Schmidt. Der hatte sich während des Spiels gegen Dortmund mit dem Berliner Schiedsrichter Felix Zwayer angelegt und mit seinem oberlehrerhaften Gestus ein einzigartiges Theater aufgeführt.

Für all jene, die Schmidts Selbstbewusstsein und seine mitunter etwas eitle Direktheit gern als Arroganz und Unnahbarkeit interpretieren, war dies ein gefundenes Fressen. Und auch der Kommentar von Bayer-Geschäftsführer Michael Schade, der Trainer habe dem Klub und der Mannschaft mit seinem Verhalten im Dortmund-Spiel „geschadet“, ließ nichts Gutes für die Zukunft des Bank-Chefs bei Bayer erahnen.

Youngster Brandt zum EM-Kandidaten geformt

Sportdirektor Rudi Völler und Manager Jonas Boldt ließen allerdings nie Zweifel an den Fähigkeiten des Fußballlehrers Schmidt aufkommen, genauso wenig wie an einer Zusammenarbeit über das Saisonende hinaus. Nicht ohne Grund hatten sie den Vertrag des gebürtigen Sauerländers im vergangenen Mai ungewöhnlich weit bis 2019 verlängert.

Die Unterstützung der Verantwortlichen in der heiklen Phase sei „super wichtig“ gewesen, sagt Schmidt, dessen Team nach einem ersten Kraftakt in Augsburg (3:3 nach 0:3-Rückstand) sechs Bundesligaspiele in Folge gewann und an der Konkurrenz vorbeiflog.

Seitdem lebt auch der Ruf des Fußballlehrers, Spieler kontinuierlich besser zu machen, wieder auf. Der 19-jährige Offensivmann Julian Brandt schaffte es parallel zum Leverkusener Sturmlauf Richtung Champions League bis ins Notizbuch von Bundestrainer Joachim Löw, gilt nun als Kandidat für die Europameisterschaft in Frankreich.

In der Vorwoche gab der international umworbene Nationalspieler Karim Bellarabi bekannt, in der nächsten Saison weiterhin für Bayer zu stürmen. Auf ein ähnliches Zeichen hofft der Verein in Kürze auch von Torwart Bernd Leno, einem weiteren Leistungsträger.

Aus Fehlern gelernt

Abgesehen vom anhaltenden Verletzungspech – zuletzt ereilten Verteidiger Wendell und Mittelfeldspieler Vladlen Yurchenko das vorzeitige Saisonaus – ist momentan also alles Roger bei Bayer. Seinen Teil dazu beigetragen hat der Trainer, der in den bislang knapp zwei Jahren in Leverkusen erst seinen bedingungslosen Angriffsfußball auf ein gesundes, erfolgsversprechendes Maß geschliffen hat. Und der in diesem Frühjahr seine persönliche Bedenkzeit auf der Tribüne zum Anlass nahm, sich selbst zwar nicht zu verbiegen, das eigene Auftreten nun aber allgemeinverträglicher zu gestalten.

„Wir haben einen herausragenden Trainer, mit dem wir noch Großartiges erreichen können“, sagt Geschäftsführer Schade über den Mann, der an seinem Schlüsselbund eine Miniaturausgabe der Champions-League-Trophäe verankert hat und es als „Glücksgefühl“ bezeichnet, wenn sein Team deutlich besser besetzten Gegnern wie Bayern München oder dem FC Barcelona auf dem Rasen Paroli bietet.

„Ich habe das Gefühl, dass bei uns alle zuversichtlich in die Zukunft blicken“, sagt Roger Schmidt. Und dann fügt er noch hinzu: „Die Sehnsucht ist da, den nächsten Schritt zu machen.“