Immer Hertha

Darf man sich über Wolfsburger Tore freuen?

Das Spiel in Wolfsburg hat gezeigt: Die Champions League kann auch die Fußball-Fans faszinieren, die sonst mit ihr fremdeln.

Ricardo Rodriguez hat per Elfmeter gegen Real Madrid getroffen

Ricardo Rodriguez hat per Elfmeter gegen Real Madrid getroffen

Foto: Oliver Hardt / Bongarts/Getty Images

Im Blog immerhertha.de gibt es seit längerer Zeit immer dienstags und mittwochs die Diskussion, ob man sich für die Champions League interessiert oder nicht. Es gibt Anhänger, die sagen, dass sie aus Protest grundsätzlich keine Spiele der Königsklasse schauen. Weil der Zirkus um Messi, Ibrahimovic, Özil oder Müller abgehoben sei. Weil die exorbitanten Einnahmen die Ungleichheit in den nationalen Ligen zementieren. Weil der Name Champions League Hohn sei, da eben nicht der Champion jedes Landes antrete, sondern je nach Größe des TV-Marktes bis zu vier Starter – wie etwa aus der Bundesliga. Während die Landesmeister kleinerer Nationen sich in Qualifikationsrunden vorzeitig aus dem Weg räumen müssen. Langweilig sei es ohnehin, weil ab ­Halbfinale eh’ die immer gleichen Klubs den Pokal unter sich ausspielen.

Ich war am Mittwoch in Wolfsburg. Eine Stadt, die nicht im Ruf steht, Fußball zu leben. Doch schon auf der ersten Tankstelle im Vorort Vorsfelde sind die lokalen Zeitungen ausgebreitet. Auf allen Titelseiten: So lief der erste Tag von Ronaldo in Wolfsburg. So läuft der Tag von Real Madrid bis zum Anstoß.

In der Volkswagen Arena ist es üblicherweise wie im Olympiastadion in Berlin: Viele Besucher kommen auf den letzten Drücker – ist ja immer genug Platz da. Am Mittwoch war knapp drei Stunden vor der Partie Volksfeststimmung. Reggae aus Boxen, Grüppchen stehen zusammen, ein Bier in der Hand. Mittwoch war Wolfsburg Fußballstadt.

Die Stimmung bei diesem Viertel­finale der Champions League ist noch mal verschieden von der bei einem Bundesliga-Topspiel. Weil die Rollenverteilung in der Liga anders ist, wenn Wolfsburg gegen Dortmund spielt, als wenn der VfL gegen Real Madrid antritt. In Deutschland ist Wolfsburg der Klub, der dank der Sponsoren-Millionen mit den XXL-Schecks wedelt. Aus Sicht von Real ist der VfL eine blöde Pflichtaufgabe, ehe es zu den wesentlichen Spielen kommt. Vor Ort im Stadion freut sich der Zuschauer, weil man mit eigenen Augen einen Ronaldo, Kroos, Bale oder Benzema nur selten zu sehen bekommt. Im Spiel hat mich die Intensität beeindruckt: Wie ballsicher die Real-Spieler sind. Wie atemberaubend Julian Draxler dribbeln kann. Wie wertvoll ein Torwart wie Diego Benaglio ist, der in Schlüsselsituationen pariert.

Die Szenerie hat mich an einen Novemberabend 1999 erinnert. Als der damals 19 Jahre alte Sebastian Deisler zur Pause zum ersten Mal von der Außenbahn ins Mittelfeld-Zentrum beordert wurde. Dabei war es das letzte Champions League Spiel von Hertha in der Hauptrunde. An der Stamford Bridge spielte Deisler gegen den FC Chelsea. Um ihn herum lauter Hochkaräter jener Zeit wie die französischen Weltmeister Marcel Desailly und Didier Deschamps oder der Italiener Gianfranco Zola. Hertha verlor 0:2. In meiner Erinnerung ist das Erstaunen gespeichert über Deisler: Er bewegte sich wie ein Fisch im Wasser, als hätte dieser Jungspund nie auf einem anderen Niveau gespielt.

Das Niveau, die Intensität am Mittwoch in Wolfsburg war erheblich über dem, was man aus der Bundesliga kennt. National wird ein Pass, den ein Innenverteidiger ins Seitenaus grätscht, nicht bejubelt. Wenn es eine Grätsche von Wolfsburger Naldo ist, der die Vorlage von Toni Kroos auf Ronaldo unterbindet, gibt es Standing Ovations – Champions-League-Atmosphäre.

Die Königsklasse kann bewirken, dass sich beim Beobachter der Blick verändert. Der VfL genießt ­bundesweit nicht unendlich viele Sympathien. Aber die Leistung des Außenseiters war derart eindrucksvoll, dass nach einer guten Stunde Spielzeit im Blog Immerhertha der Nutzer „Exil-Schorfheider“ fragte: „Darf man sich eigentlich freuen über Tore von Wolfsburg?“

Meine Antwort: unbedingt. Das war ein packendes Fußball-Spiel. Die Vorstellung, dass auch Hertha 2016/17 in dieser Champions League spielen könnte, dass im Olympiastadion Gegner vom Kaliber Paris St. Germain oder ­Manchester United aufkreuzen könnten ... is’ ja gut, ich höre jetzt lieber auf.