Hertha BSC

Bei der Damenwahl muss über alles gesprochen werden

Berlins ungewöhnlichste Fans: Henry Cieslarczyk spricht in einem Podcast über alle Themen rund um Hertha BSC.

Henry Cieslarczyk geht seit mehr als 20 Jahren zu Hertha BSC. Er ist einer der beiden Macher des Podcasts Damenwahl. Bislang gab es elf Folgen

Henry Cieslarczyk geht seit mehr als 20 Jahren zu Hertha BSC. Er ist einer der beiden Macher des Podcasts Damenwahl. Bislang gab es elf Folgen

Foto: Ricarda Spiegel

Die Englische Woche in der Bundesliga war vorbei, es gab viel zu besprechen. Höchste Zeit für einen neuen Damenwahl-Podcast. Henry Cieslarczyk war auf dem Weg zu Steffen Germer. Dummerweise stand der aber schon bei Cieslarczyk vor der Tür. Was nun? Taxi! Germer ließ sich von Friedrichshain zurück in seine Wohnung nach Moabit bringen. Trotz dieser Terminpanne startete die Aufnahme von Teil neun des Podcasts rund um Fußball-Bundesligist Hertha BSC, kurz „DaWa 009“, nur leicht verspätet. Wäre auch wirklich jammerschade gewesen, wenn es nicht mehr geklappt hätte. Immerhin gibt Cieslarczyk mittendrin für einige Sekunden seine Interpretation des Klassikers „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ zum Besten.

Zeitliche Selbstbeschränkung klappt nicht immer

Gesangseinlagen sind eher die Ausnahme. Wobei die Macher, beide seit Jahrzehnten Hertha-Fans, nach dem Viertelfinal-Sieg im Pokal beim 1. FC Heidenheim schon mal ein aufgeräumtes „Wir träumen jedes Jahr vom Halbfinale“ anstimmten. An sich beschränken sie sich unter damenwahl-podcast.de jedoch auf sprachliche Einlassungen. Mit einem losen Konzept, „wir wollen nicht einfach rumlabern“, sagt Cieslarczyk, 43 Jahre alt. Das klappt gut. Und mit einer Selbstbeschränkung, „wir wollen nicht länger als eine Stunde werden“, sagt Germer, 37. Das klappt nicht immer ganz so gut. Die Ausgabe nach Weihnachten kam auf satte 142 Minuten. Da war eine komplette und so nie erwartete Hinrunde nach­zubesprechen.

„Die Resonanz ist bisher größtenteils positiv“, sagt Cieslarczyk. Lediglich ein Bekannter, der mit Fußball nichts am Hut hat, hätte gefragt, ob eine Stunde zu Hertha BSC nicht etwas zu viel wäre. Die genaue Zahl der Abrufe der einzelnen Folgen ist momentan noch „Betriebsgeheimnis“, sagt Cieslarczyk. Aber sie liege mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der Twitter-Follower von Damenwahl (187), sie seien damit sehr zufrieden.

Über einen Stammtisch lernten sie sich kennen

Cieslarczyk ist als „Sir Henry“ schon lange bei Twitter aktiv, Germer schreibt unter „Faase“. Auch im Morgenpost-Blog immerhertha.de sind sie dabei. Die Idee, einen eigenen Podcast zu machen, natürlich zum Lieblingsverein, hatte Cieslarczyk seit vielen Jahren. Bei Germer war es ähnlich. Aber die Ausrüstung und ein Mit­streiter fehlten. So blieb es erst einmal bei der Idee.

Über einen bei Twitter ins Leben gerufenen Fan-Stammtisch lernten sie sich kennen und beschlossen, einfach loszulegen. Mit Equipment und bei inhaltlichen Fragen standen die Kollegen von Textilvergehen zur Seite, einem Blog zum 1. FC Union, den es seit sechs Jahren gibt. Das Damenwahl-Duo besorgte sich Software zum Schneiden sowie ein Mikro und begann am heimischen Küchentisch. Zur Sicherheit gab es drei „nullte“ Folgen, also Testballons. Als es „nicht mehr ganz so peinlich war“ (Germer), hieß es Ende November 2015 zum ersten Mal offiziell: „Meine Damen und Herren, es ist Damenwahl.“

Die Welt besteht nicht nur aus Hertha

Nun geht es meist im Wochenrhythmus um die zurückliegenden Spiele, Crowdlending oder die Debatte über ein neues Stadion. Und alles, was sonst noch irgendwie mit Hertha BSC zu tun hat. Oder, um aus einer Folge zu zitieren, in der die Begegnung gegen Eintracht Frankfurt Thema war: ­„Müssen wir über die erste Halbzeit sprechen? – „Wir müssen über alles sprechen.“

Aber die Welt besteht nicht nur aus Hertha, der Dialog führt auf mitunter verschlungenen, aber unterhaltsamen Pfaden zu Schinkenchips und dem Autobahndreieck Oranienburg. Manchmal kommt es bei den Treffen zu kurzen – online dann natürlich nicht mehr zu hörenden – Unterbrechungen, „falls es an der Tür klingelt oder einer aufsteht, um Bier zu holen“, sagt Cieslarczyk. Große Streitgespräche gab es bislang nicht, doch das erklärt sich auch aus dem geradezu sensationellen Saisonverlauf. Momentan sind längere Schlangen am Eingang des Olympia­stadions schon einer der größeren Aufreger in den Beiträgen. Geht es nach Cieslarczyk, muss sich dies nicht ändern: „Als Fan spreche ich doch lieber über die Champions League, als über den Trainer zu diskutieren.“

Zur Vorbereitung ein intensiver Blick auf die Statistiken

Germers Stammplatz bei den Heimspielen war bis Ende der Spielzeit 2013/14 in der Ostkurve, inzwischen hat er eine Dauerkarte für Block 29. Auch Cieslarczyk sitzt auf der Geraden im Oberring, nur auf der anderen Seite. Seitdem sie den Podcast machen, sehe er das Spiel mit etwas anderen Augen. Mehr unter taktischen Aspekten. „Nicht so extrem, dass ich ständig den Notizblock raushole und etwas aufschreibe, aber mit genauerem Blick.“ Germer schaut sich zur Vorbereitung ihrer Treffen intensiv Tabellen und ­andere Statistiken an.

Über allem schwebt Nick Hornby. Der Autor von „Fever Pitch“ trug mit einem besonders prägnanten Satz zur Namensgebung des Podcasts bei. „Du suchst Dir nicht Deinen Verein aus, sondern Dein Verein sucht sich Dich aus“, schrieb Hornby in seinem fabelhaften Buch. Cieslarczyk schlug den Bogen aus England nach Berlin zu sich und Steffen Germer. Hertha BSC, die alte Dame, hat die Herren erwählt. Damenwahl, wie in der Tanzstunde. Nur eben in Blau-Weiß.