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Schluss mit dem Gezeter, Geschwalbe und Rumgeheule

Schimpfen mit dem Schiri: Der Bundesliga fehlen die Gentlemen. Eine Klage von einem, der kein bisschen besser ist.

Trainer Pal Dardai, vorher nicht aufgefallen mit Schiri-Schelte, regte sich auf, weil er fand, dass sein kantiger Stürmer Vedad Ibisevic unfair behandelt wird

Trainer Pal Dardai, vorher nicht aufgefallen mit Schiri-Schelte, regte sich auf, weil er fand, dass sein kantiger Stürmer Vedad Ibisevic unfair behandelt wird

Foto: Stuart Franklin / Bongarts/Getty Images

Jedes Mal vor einem Spiel sage ich mir: Jörn, heute hältst du die Gusche! Heute zeterst du nicht mit dem Schiedsrichter! Ist doch langsam auch peinlich – in deinem Alter. Es kam schon vor, dass diese Bitte von anderen in meiner Mannschaft freundlich an mich herangetragen wurde. „Maul halten, heute!“

Das geht dann so zehn Minuten gut. Da bin ich die Ausgeglichenheit in Person. Dann aber tritt mir irgendeiner auf den Fuß – meistens ist es zwar andersherum, doch das tut ja hier nicht zur Sache –, der Schiri jedenfalls sieht weg. Und dann knallen bei mir die Sicherungen durch. Dann sage ich dem Unparteiischen, was er für ein Stümper ist, kann mich nicht mehr beruhigen, und manchmal, wenn der Schiedsrichter das eine Weile lange ertragen hat, fliege ich sogar konsequenter Weise vom Platz. Es geht hart zu in der Freizeitliga.

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Ich halte mich für einen einigermaßen vernünftigen Burschen. Aber auf dem Fußballplatz werde ich zum Arsch. Selbst wenn es da um nichts anderes geht als um Freizeitspaß. Deshalb bin ich sicher nicht der richtige Mann, das Verhalten in der Bundesliga zu bemängeln, wo es vielleicht ja noch um ein bisschen mehr als Freizeitspaß geht. Da widersetzte sich Leverkusens Trainer Roger Schmidt bockig den Anweisungen des Berliner Referees Felix Zwayer, auf die Tribüne zu verschwinden. Das gab’s noch nie. Danach tobte der immer leicht entflammbare Rudi Völler im TV. Drei Spiele Sperre, zwei auf Bewährung für Schmidt. Hätte schlimmer kommen können.

Und auch bei Hertha schimpften sie diese Woche: Trainer Pal Dardai, vorher nicht aufgefallen mit Schiri-Schelte, regte sich auf, weil er fand, dass sein kantiger Stürmer Vedad Ibisevic unfair behandelt wird. Ich kann das verstehen. Von außen sieht das zwar meist dämlich aus, wie die Leute sich aufführen. Aber ich weiß ja, was drinnen los ist: Da schlägt die Brandung gegen die Felsenküste.

Doch ich frage mich schon manchmal, woher die Zügellosigkeit kommt? Ich glaube, der Ungehorsam gegenüber den Schiedsrichtern ist im Fußball ein vorgelebter. Seit ich ein Kind war, pöbelten, polterten und zürnten Spieler im Fernsehen gegen die Schiris, sprangen Trainer an der Seitenlinie erbost herum. Die Bundesliga war nie eine der außergewöhnlichen Gentlemen. Das Gezeter, das Geschwalbe, das theatralische Rumgeheule. Da ging alles, wenn es zum Erfolg führte. Auch, wenn es bisweilen unehrenhaft war.

Da bestand eine Kultur der Aufmüpfigkeit, der Respektlosigkeit, ja sogar mancherorts der legitimierten Schummelei. Deshalb ist das jetzt mit Roger Schmidt erstens nicht sonderlich überraschend, zweitens aber auch fatal: Was in der ersten Liga passiert, strahlt bis in die Freizeitklassen und Nachwuchsligen aus.

Ich hatte mal einen Sportlehrer, Herrn Ohl. Der war nebenbei Handballtrainer. Und jedes Mal, wenn ich mich beim Fußball über seiner Entscheidungen aufregte, sagte er: „Danke, Jörn. Kannst dich draußen auf die Bank setzen!“ Platzverweis wegen Meckern. Gleich beim ersten Nörgler zwei Minuten Denkpause. Im Handball herrscht anders als im Fußball Zucht und Ordnung. Der Schiedsrichter ist da nicht der Depp, den jeder dahergelaufene Möchtegern-Ronaldo beschimpfen darf. Und wenn er es doch tut, heißt es: Tschüss! Herr Ohl ging mir auf den Senkel. Aber ich habe bei ihm die Gusche gehalten. Strenge hilft.

Andere Sportarten zu glorifizieren und an den Fußball als Vergleichsgröße heranzuhalten, wie es nun wieder gern getan wird, seit die Handballer auch mal etwas gewonnen haben, halte ich meistens für unangebracht. Aber ich würde trotzdem gern mal sehen, was passiert, wenn es für das kleinste Meckern auch in der Bundesliga sofort eine Zeitstrafe geben würde. Ich glaube, dann wäre Ruhe, weil sich kein Team erlauben kann, in Unterzahl zu spielen. Dann würde vielleicht eintreffen, was der leider bereits verstorbene, große Philosoph des Alltags, Dieter Hildebrandt, einmal sagte: „Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt.“

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