Bundesliga

Wie Torwart Rune Jarstein Herthas Spielstil prägt

Seit dem Hinspiel gegen Wolfsburg ermöglicht Rune Jarstein im Hertha-Tor das Kurzpasspiel der Berliner. Weil er mitspielen kann.

Rune Jarstein kam im Hinspiel gegen Wolfsburg für Thomas Kraft ins Tor und hat in 17 Partien nur 18 Gegentore kassiert

Rune Jarstein kam im Hinspiel gegen Wolfsburg für Thomas Kraft ins Tor und hat in 17 Partien nur 18 Gegentore kassiert

Foto: Robin Rudel / picture alliance / Pressefoto Ru

Lange hat Rune Jarstein ein Doppelleben geführt. Normalerweise war er ein Mann, der Sicherheit gab, der für Verlässlichkeit stand. Aber wenn die Zeit ein bisschen fortgeschritten war, ging Jarstein auf die Jagd, dann tobte er sich aus, so lange, bis er einen Treffer landete.

Das sei ziemlich oft vorgekommen, sagt Jar­stein heute. „Bis ich 15, 16 Jahre alt war, habe ich immer eine Halbzeit im Tor gespielt und die zweite im Sturm“, erzählt der Norweger. „Und immer, wenn ich nach vorn gegangen bin, habe ich auch ein Tor geschossen.“

Das doppelte Leben des Fußballprofis Rune Jarstein ist nunmehr Vergangenheit. Er ist jetzt Vollzeit-Torwart von Hertha BSC und kein Stürmer mehr. Aber es gibt da noch Spurenelemente des einen im anderen. Und wäre es nicht so – das soll hier die These sein –, dann würde es den nun etablierten Kurzpassstil der Berliner in seiner ganzen Ausprägung nicht geben.

Nur Neuer, Horn und Leno kassierten weniger Gegentore

Eine halbe Saison lang steht Jarstein jetzt zwischen den Pfosten bei Hertha. Im Hinspiel gegen den VfL Wolfsburg am fünften Spieltag (0:2) verletzte sich Stammkeeper Thomas Kraft an der Schulter. Jarstein kam für ihn zur Halbzeit rein, hat diesen Platz seitdem nicht wieder hergegeben und steht auch beim Rückspiel gegen die Niedersachsen an diesem Sonnabend im Olympiastadion im Tor (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de).

Das liegt zum einen daran, dass Kraft bis vor Kurzem nicht fit wurde. Aber auch, wenn er früher wieder hätte mitmischen können, hätte Trainer Pal Dardai an der neuen Rangfolge im Tor nichts geändert: Mit Jarstein hatte Hertha nämlich einen prächtigen Lauf.

28 Punkte aus 17 Partien holten die Blau-Weißen. Da wechselt kein Trainer seinen Torwart. Auch stand die Defensive mit dem 31-Jährigen sicher: nur 18 Gegentore. Lediglich der FC Bayern mit Manuel Neuer (acht), Köln mit Timo Horn (17) und Leverkusen mit Bernd Leno (17) haben in dieser Zeit weniger Treffer kassiert als Hertha.

Der Norweger hat ligaweit die meisten Ballkontakte im Spiel

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum Jarstein nun die unumstößliche Nummer eins ist, obwohl Kraft längst wieder mitspielen könnte: „Eine Stärke von Rune ist, dass er beim Kurzpassspiel die Aufgabe mit dem rechten und dem linken Fuß lösen kann“, sagt Dardai. „Unsere Spielweise funktioniert nur mit einem spielstarken Torwart. Das macht Rune sehr gut.“

Jarstein hat Herthas Stil seit der Partie gegen Wolfsburg also entscheidend mitgeprägt. Weil sein Torwartspiel nicht nur Hand, sondern auch Fuß hat, kann Hertha ihn unter Drucksituationen ins Aufbauspiel einbinden, ohne dass er den Ball nach vorn schlagen muss und ihn damit meist verloren gibt.

Herthas Spielkultur fußt buchstäblich darauf, dass Jarstein die Bälle verteilen kann, wie es früher noch Verteidiger machten. Um den Gegner laufen zu lassen, spielen Per Skjelbred, Vladimir Darida oder Fabian Lustenberger aus dem Mittelfeld immer wieder zu Jarstein zurück, ziehen die Gegenspieler raus und schaffen Raum. Ein nie müde werdender Kreislauf ist das, bis irgendwann eine Lücke entsteht, in die Dardais Elf hineinstößt.

Wie sehr Hertha darauf setzt, beweist folgende Statistik: Von allen Stammkeepern der Bundesliga hat Jarstein durchschnittlich die meisten Ballkontakte pro Spiel (53). Danach folgen Hoffenheims Oliver Baumann (52) und Gladbachs Yann Sommer (49).

Zunächst kein guter Stand beim Cheftrainer

Dass Jarstein die Fähigkeiten zum Mitspielen besitzt, liegt an seiner Doppelleben-Vergangenheit als Torwart-Stürmer-Hybrid. „Das hilft mir. Man braucht heute als Torwart seine Füße“, sagt er. Das wissen sie zwar auch bei Hertha, dennoch wäre Jarstein im Sommer fast abgegeben worden. Weil er an Kraft nicht vorbeikam, verlor er seinen Platz im norwegischen Nationaltor.

Und bei Dardai hatte er auch keinen guten Stand: „Ehrlich gesagt, dachte ich: Er hat nicht so viel. Im Training konnte man das zunächst nämlich nicht sehen“, hat der 39-Jährige kürzlich im Morgenpost-Interview gesagt. Dann aber kam der neue Torwarttrainer Zsolt Petry, sah in Jarstein mehr, und der Wechsel zerschlug sich. „Bei ihm habe ich das Gefühl, ich entwickle mich jede Woche“, sagt Jarstein über Petry.

Kraft verletzte sich, und Dardai nennt Jarstein heute als einen der Spieler, der ihn bei Hertha am meisten überrascht hat.

Dardai sieht Verbesserungen bei Ex-Stammkeeper Kraft

Das alles ist eine Erfolgsgeschichte für Jarstein, aber sie erzeugt andererseits auch Verlierer: Kraft, ohne dessen Paraden Hertha im vergangenen Sommer vielleicht abgestiegen wäre, sitzt seit zwei Spielen als Ersatzmann auf der Hertha-Bank, nachdem er jahrelang der Platzhirsch gewesen war. Für die Teamhygiene hat sich als wohltuend erwiesen, dass der 27-Jährige sich trotzdem nie öffentlich über seine Reservistenrolle beschwerte.

Und Dardai sieht Kraft keineswegs als abgeschrieben: „Thomas ist nicht aus dem Tor geflogen, weil er schlechte Leistungen gezeigt hat, sondern weil er sich verletzt hatte“, sagt er. Dazu habe sich auch Kraft an die neue Kurzpassspielweise angepasst: „Er hat sich verbessert. Das war im Trainingslager in der Türkei klar zu sehen“, so Dardai.

Gegen Wolfsburg steht trotzdem Jarstein im Tor. Im Hinspiel beim VfL zeigte er zwar gute Paraden, kassierte dennoch zwei Treffer. Glücklicherweise aber führt auch der VfL ein Doppelleben: Während man zu Hause schon 25 Tore erzielte (Platz drei im Ligavergleich), traf Wolfsburg auswärts erst sechs Mal. Kein Team ist schlechter.