Herthas Pokalgegner

Warum Heidenheim immer für eine Sensation gut ist

Für Herthas Viertelfinalgegner Heidenheim sind Grenzen ein Fremdwort. Das liegt vor allem an Trainer Schmidt und Kapitän Schnatterer

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Berlin.  Es war nur ein kleiner Satz, aber einer mit großer Wirkung. Der 1.FC Heidenheim, hatte Hertha-Trainer Pal Dardai nach der Viertelfinal-Auslosung des DFB-Pokals gesagt, sei ein Geschenk. Nicht absurd, schließlich wären deutlich schwergewichtigere Kontrahenten wie Dortmund oder der FC Bayern möglich gewesen. In Ostwürttemberg haben sie sich Dardais Worte trotzdem gemerkt. Zweitligist hin, „Dorfverein“ her – als Geschenk wollen sich die Heidenheimer nicht verstanden wissen.

„In einem einzelnen Spiel“, sagt Frank Schmidt, „kann alles passieren.“ Heidenheims Trainer weiß, wovon er spricht. Fußballwunder hat er schon als Spieler erlebt. Mit dem TSV Vestenbergsgreuth schuf er 1994 einen oft zitierten Pokal-Evergreen. Gemeinsam mit seinen Amateur-Kollegen brachte er in der ersten Runde Bayern München zu Fall.

Als Trainer legte er in den vergangenen Jahren nach: 2011 stolperte Werder Bremen über Heidenheim, damals noch in der 3. Liga. Drei Jahre später, als Zweitliga-Aufsteiger, eliminierte Heidenheim den 1. FC Union. „Ich habe das schon erlebt“, sagt Schmidt (42), „ich weiß, wie sich Situationen verdrehen können.“ Warum also sollte sich die Fußballwelt nicht auch heute gegen Hertha (19 Uhr, Sky und im MorgenpostLiveticker bei immerhertha.de) auf den Kopf stellen lassen?

Trainer Schmidt spielte beim Wunder von Vestenbergsgreuth

Wer verstehen möchte, wie Schmidt tickt, braucht sich nur die Dokumentation „Trainer!“ von Aljoscha Pause anzuschauen. Er lasse nicht mal seine Kinder beim Mau-Mau gewinnen, erzählt Schmidt vor der Kamera. Spätestens nach seiner leidenschaftlichen Kabinenansprache – erhobene Fäuste, feuriger Blick – ahnt auch der Letzte: Wenn dieser Mann nicht vom Fußball besessen ist, dann zumindest von ihm getrieben.

Die Beziehung zwischen Trainer und Klub, sie ist in Heidenheim eine spezielle. Von 2003 bis 2007 spielt Schmidt noch für den Vorgängerverein Heidenheimer SB, ehe er fast nahtlos auf den Trainerstuhl wechselt. Zunächst als Provisorium installiert, führt er den Verein auf Anhieb in die Regionalliga, dort folgt der direkte Durchmarsch. Seit 2014 ist Heidenheim (knapp 50.000 Einwohner) Teil der Zweitliga-Landkarte, und Schmidt kaum noch wegzudenken. „Er lebt für den Verein“, sagt Kapitän Marc Schnatterer. „Er ist jeden Tag bis in die Haarspitzen motiviert. Jeder spürt, dass er es ernst meint.“

Schnatterer (30) ist neben Schmidt der zweite Sensationsmacher in Heidenheim, er traf seinerzeit sowohl gegen Werder als auch gegen Union. Das FCH-Trikot streifte er erstmals 2008 über. Heute ist er längst Klub-Ikone. In der 3. Liga stellte der Mittelfeldspieler mit 108 Scorer-Punkten in 176 Spielen einen Rekord auf, seine erste Zweitligasaison beendete er mit elf Toren und genauso vielen Vorlagen.

Der Kapitän kocht für seine Kollegen Spaghetti

Dass mit dem FC Augsburg ein aufstrebender Bundesligaverein anklopfte, ließ Schnatterer kalt. Stattdessen verlängerte er seinen Vertrag 2014 um weitere sechs (!) Jahre. „Ich weiß, wo ich herkomme und wo ich hingehöre“, hat er mal gesagt. Auch er lebt für den Klub. Vor Heimspielen lädt er regelmäßig Teamkollegen auf einen Teller Spaghetti Bolognese zu sich ein. Ein Geheimrezept habe er zwar nicht, aber „wenn sie immer wieder kommen, kann es so schlecht nicht sein“, sagt Schnatterer.

Die Stichworte „Hertha“ und „DFB-Pokal“ begegnen ihm übrigens nicht zum ersten Mal. 2004 erreichte er mit dem Sport- und Gesangsverein Freiberg das Junioren-Finale. Unter den blau-weißen Gegnern im Berliner Jahn-Sportpark tummelten sich damals Namen wie Kevin-Prince Boateng oder Patrick Ebert. Am Ende hieß es 0:5. Diesmal soll es besser laufen.

Für Schnatterer gilt dasselbe wie für Schmidt und den ganzen Klub: Nach Pokalerfolgen gegen Pirmasens, Sandhausen und Aue stehen sie auf größerer Bühne als je zuvor. „Für solche Partien“, sagt Schnatterer, „spielt man Fußball.“ Die Frage ist nur: Wie?

Zwei neue Stürmer für mehr Torgefahr

In der Zweitliga-Hinrunde erinnerte Heidenheim ein bisschen an Hertha im Abstiegskampf 2015. Stabile Defensive plus Lucky Punch – das musste reichen. „Davon wollten wir wieder weg“, sagt Schmidt. In der Winterpause wurden mit Bard Finne (1. FC Köln) und Denis Thomalla (Lech Posen) zwei neue Stürmer verpflichtet. Am vergangenen Wochenende gewann Heidenheim 1:0 bei Fortuna Düsseldorf. Es war erst das 22. Tor im 20. Ligaspiel.

„Den Mutigen gehört die Welt“, sagt der FCH-Coach. Ein typischer Schmidt-Satz, angriffslustig, aber nicht unbedacht. Mutig soll sein Team auftreten, aber auch mit der nötigen taktischen Disziplin. Die emotionale Ebene allein sei nicht genug, betont der Trainer – erst recht nicht nach so vielen Jahren im selben Verein. Manchmal aber reiche „dieser eine Funke“. So wie damals als Spieler gegen die Bayern, oder als Trainer gegen Werder und Union.

Für Schnatterer zählt Hertha „in dieser Saison zu den Topmannschaften“. Der Respekt vor den Berlinern ist groß in Heidenheim, doch noch größer scheint der Glaube in die eigenen Fähigkeiten. „Wenn wir unsere Fehlerquote so gering wie möglich halten und die 15.000 Zuschauer mitmachen, ist alles möglich“, sagt Schmidt. Hertha sollte in Heidenheim mit allem rechnen. Nur nicht mit Geschenken.

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