Bundesliga

Herthas Höhenflug trotz müder Beine

Die Bundesliga staunt über den Hauptstadt-Klub und diskutiert, ob Mitchell Weiser der Nachfolger von Philipp Lahm in der Nationalmannschaft wird

Herthas Matchwinner Mitchell Weiser (l.) hier gegen Alfredo Morales, FC Ingolstadt

Herthas Matchwinner Mitchell Weiser (l.) hier gegen Alfredo Morales, FC Ingolstadt

Foto: Stefan Puchner / dpa

Berlin.  Lange Schlafen, gut Essen, ein Gang an der frischen Luft, wieder schlafen. So sieht die Vorbereitung von Hertha BSC auf das Zweitrunden-Spiel im DFB-Pokal beim FSV Frankfurt aus (Dienstag, 19 Uhr). Alle Beteiligten hatten registriert, dass die Mannschaft beim schwer erkämpften 1:0 (1:0) beim FC Ingolstadt „keinen frischen Eindruck gemacht hat“, wie Manager ­Michael Preetz sagte.

Bisher war die Fitness der Mannschaft ein Faustpfand für den überraschend starken Auftritt in dieser Saison. Nach dem fünften Sieg steht Hertha auf Rang fünf vor ambitionierten Teams wie den Champions-League-Startern aus Leverkusen oder Mönchengladbach.

Weiser: Wichtig sind die Punkte

Trainer Pal Dardai räumte ein, dass die Mannschaft sich in der vergangenen Woche über ein zu hartes Training beklagt hatte. „Ich habe es trotzdem durchgezogen“, sagte Dardai, aber er hat sehr wohl registriert, dass es den Spielern nicht um Bequemlichkeit ging, sondern um die richtige Dosierung an Anspannung und Entspannung.

Deshalb rettete Hertha beim engagierten Aufsteiger Ingolstadt mit einer 80-minütigen Defensivvorstellung den kostbaren Vorsprung, den Mitchell Weiser, 21, mit einer Direktabnahme erzielt hatte (11.). Der wollte um sein erstes Tor im Hertha-Trikot kein großes Aufheben machen. „Am Ende zählen im Fußball die Punkte, und die haben wir. Anders als zuletzt gegen Schalke“, sagte Weiser. „Es war insgesamt kein gutes Bundesligaspiel. Wir hätten in der zweiten Halbzeit den Ball besser halten müssen. Wir hatten kaum mehr Entlastung.“

Die Bilanz: sieben Spiele, drei Vorlagen, ein Tor

Aber wie das im Liga-Geschäft so ist, wird der erfreuliche Start des Hauptstadt-Klubs sofort hochgejazzt. In jedem Interview nach dem Spiel wurde Trainer Dardai darauf angesprochen, ob Weiser der kommende deutsche Nationalspieler von Hertha sei. Schließlich sucht Bundestrainer Joachim Löw seit dem Rücktritt von Philipp Lahm nach der WM 2014 händeringend einen Nachfolger.

Um bei den Fakten zu bleiben: Weiser, gelernter Mittelfeldspieler, hat als Vertreter des an der Schulter verletzten Peter Pekarik gerade sieben Spiele als Rechtsverteidiger gemacht. Die meisten davon gehandicapt durch einen gebrochenen kleinen Zeh. Seine Bilanz jedoch ist ein Puzzlestein, der die positive Entwicklung von Hertha erklärt. In der Defensive spielt Weiser unerschrocken und solide.

Dardai lobt Weiser

In der Offensive ist er eine permanente Anspielstation, wie sie Hertha auf dieser Position lange nicht hatte. Davon zeugen auch drei Assists und nun das Tor in Ingolstadt. Sein Vorgesetzter freut sich. „Das Tor fällt nur, weil Mitch ­offensiv denkt und sich bei der Situation in Richtung gegnerischem Strafraum orientiert“, sagte Dardai. Er beschreibt Weiser „als ­kleinen Spielmacher. Bei uns ist er Stammspieler und kann sich weiter­­entwickeln. Das ist auch gut für den deutschen Fußball.“ Auch beim ZDF wurde Dardai zur Nationalelf befragt: „Mitch muss noch Erfahrungen sammeln. Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Sollte aber eine Einladung für Mitch kommen, würden wir uns alle sehr freuen.“

Manager Preetz wurde im „Doppelpass“ (Sport1) befragt, ob Hertha, Fast-Absteiger der Vorsaison, nun neue Saisonziele ausgäbe. Preetz wehrte schmunzelnd ab: „Unser Ziel bleibt, dass wir uns in der Liga etablieren. In dieser Saison wollen wir möglichst großen Abstand zu den Abstiegsplätzen ­halten.“ Mehrere Beispiele der Vergangenheit belegen, dass einer Mannschaft, in diesem Jahr vielleicht Hertha, eine Überraschung gelingen könne.

Hertha hat ambitionierte Ziele - irgendwann mal

„Aber unser Ziel ist weit mehr, als einmal für eine Überraschung zu sorgen“, sagte Preetz. „Wir wollen wachsen und perspektisch oben bei den ganz Großen anklopfen. Aber so weit sind wir noch lange nicht.“ Abwehrchef Sebastian Langkamp, in Ingolstadt Turm im Abwehrkampf, gibt die Stimmung im Team wieder: „Wir machen einen ­gefestigten Eindruck. Aber für uns zählt der Klassenerhalt. Es wird ­sicher eine Phase kommen, in der es nicht mehr so läuft. Wir müssen ­demütig den Weg weitergehen.“

Der blau-weiße Tross ist nicht nach Berlin zurückgekehrt, sondern in Ingolstadt geblieben. „Auf meinen Wunsch bleiben wir hier, die Regeneration ist wichtig“, sagte Dardai. ­„Reisen verursacht auch eine Menge Müdigkeit. Wir werden hier regenerieren, und am Montag nach Frankfurt fahren.“

Rotation gegen den FSV Frankfurt

Hertha ist mit 19 Profis unterwegs. Im Pokal beim FSV Frankfurt wird der in der Bundesliga Rot-gesperrte Tor­jäger Vedad Ibisevic spielen. Alexander Baumjohann, der am Sonnabend erstmals nach anderthalb Jahren in der Startelf stand, wird zunächst pausieren. Dardai: „Das war körperlich eine große Belastung, wir müssen nicht übertreiben. Tolga Cigerci ist frisch.“