Kommentar

Hertha zu Gast in Dortmund - Warum man sich das antun sollte

Warum man als Hertha-Fan das Gastspiel in Dortmund nicht missen sollte? Es gibt eine einfache Antwort: Der 21. Dezember 2013.

Training im Sportpark: Die Vorbereitungen für das Auswärtsspiel gegen den BVB laufen..

Training im Sportpark: Die Vorbereitungen für das Auswärtsspiel gegen den BVB laufen..

Foto: Juergen Engler / Fotoagentur-Engler

Die Südtribüne ist einmalig in Europa. Steil steigt sie vom Rasen nach oben, Stehplätze für 24.500 Zuschauer. Die Stimmung im größten Fußballstadion in Deutschland gilt als einmalig. Besonders, wenn man zum ersten Mal bei einem Auswärtsspiel dabei ist. Die Rede ist von der Schwiegermutter von Marc. Er hatte die Tickets besorgt, Hertha BSC bei Borussia Dortmund (Sonntag, 30. August, 15.30, hier live). Eigentlich eine klare Sache. Der BVB war Champions-League-Finalist, Hertha Aufsteiger – so sehen Konstellationen vom Favoriten und vom Außenseiter aus.

Doch jener 21. Dezember 2013 hat sich in das kollektive Gedächtnis der Hertha-Anhänger eingebrannt. Auf eine kurze Frage im Blog „Immerhertha“ – „Wanted. Wer von euch war damals in Dortmund vor Ort?“ – gab es sofort reichlich Reaktionen. Dieses Spiel sei eines, bei dem man die Gründe für die vielen Auswärtsfahrten findet, bei denen man sich fragt: „Warum tue ich mir das an?“, erzählt der Nutzer „Opa“, 42, Mitarbeiter eines Logistikunternehmens aus Berlin. Es war eine Reise, bei der es statt der befürchteten Auswärtsnieder­lage einen Sensationssieg gab.

Ein Hertha-Fan im VW-Land

Keiner der Mitfahrer erinnert sich an die Dezemberkälte. Simon, 34, erinnert sich an den großen Weihnachtsbaum im Hauptbahnhof, wo er sich mit den Kumpels getroffen habe, um mit der Bahn nach Dortmund zu fahren. Er erzählt vom Schock auf der Hinfahrt, als die Information publik wurde, Torwart Thomas Kraft falle aus. Von dem Mitleid, als dessen 18-jähriger Ersatzmann Marius Gersbeck nach wenigen Minuten in der ausverkauften Arena die Dortmunder Führung verschuldete. Hoffentlich bekommt der arme Kerl nicht fünf Dinger eingeschenkt, beschreibt Simon die bange Erwartung, die die mitgereisten Hertha-Fans ­umtrieb.

Doch statt einer weiteren Negativgeschichte erlebten die blau-weißen Anhänger einen nicht für möglich gehaltenen Nachmittag. Gunnar, 34, arbeitet im ­Marketing in Wolfsburg. Er berichtet, dass es eine einsame Sache ist, Hertha-Fan im VW-Land zu sein. Er hatte sich mit Kumpels auf den Weg nach Dortmund gemacht. Seine stärkste Erinnerung war das 2:1-Siegtor von Sami Allagui, wie „ultracool“ er sich durchgesetzt habe. Doch vor den drei Punkten stand „die längste zweite Halbzeit meines Lebens“, so Simon. Dauernd habe er sich abgewendet, Bier geholt und die Toilette aufgesucht – weil der Druck der Borussen so groß geworden sei.

Der Nutzer „TomPuhli68“ aus Lich­tenrade war schon aufgeregt in Dortmund angelandet. Sein Wagen hatte auf der Hinfahrt technische Probleme. Sein Mann des Spiels war Levan Kobiashvili. Der schaltete im ersten Spiel seines Lebens als Manndecker den damals besten Stürmer der Liga aus, Robert Lewandowski. Mit dem 2:1 im Rücken wurde nicht mal die Rückfahrt über die A 2 mit dem lädierten Auto nach Berlin zum Problem. „Ich konnte nicht schneller als 120 km/h fahren. Aber so entspannt bin ich noch nie 495 Kilometer unterwegs gewesen“, sagt „TomPuhli68“.

Selbstbewusstsein ist nicht das Problem

Der Hertha-Fan leidet eher nicht unter mangelndem Selbstbewusstsein. Aber sportlich sind die Zeiten seit einigen Jahren so, dass ein Auswärtserfolg bei einem Großen der Branche wie dem BVB sehr selten ist.

Gunnar hatte es eilig zurückzukommen. Er wollte rechtzeitig zu Hause sein, um das „Aktuelle Sportstudio“ zu schauen. „Ich musste mich vergewissern: War Hertha wirklich so gut gewesen, wie ich das gesehen habe?“

Simon fuhr im ICE. Rappelvoll war es, er saß mit den Kumpels auf dem Boden. Im Nachbarabteil war die Hölle los, es wurde schwer gefeiert. Hier war „Opa“ dabei. Erst sei das ICE-Bord-Bistro komplett leer getrunken worden. „Dann haben wir so laut gesungen, dass irgendwann das Bistro geschlossen wurde.“ Er ist auch am Sonntag auf Tour, wenn Hertha erneut in der WM-Arena in Dortmund antritt. Die Erwartung ist wieder auf Normalmaß runtergeschraubt: Ein Punkt wäre super.

Nachtrag: Die Schwiegermutter von Marc war so beeindruckt, dass sie mittlerweile Hertha-Mitglied geworden ist.