Interview

Pal Dardais Rezept für Herthas erstes Heimspiel

Vor dem Heimspiel gegen Bremen spricht Herthas Chefcoach Pal Dardai über Trainer als Clowns, seinen Abschied aus der Nationalelf und Robin Hood.

Aktuell braucht Herthas Trainer Pal Dardai nicht gute Miene zum bösen Spiel machen. Unter ihm gewannen die Berliner die ersten beiden Pflichtspiele der Saison

Aktuell braucht Herthas Trainer Pal Dardai nicht gute Miene zum bösen Spiel machen. Unter ihm gewannen die Berliner die ersten beiden Pflichtspiele der Saison

Foto: Soeren Stache / picture alliance / dpa

Berlin.  Wer ist Pal Dardai? Als Mittelfeldspieler bei Hertha BSC kannten und schätzten ihn viele für seine schnörkellose Zuverlässigkeit. Aber wer ist der Trainer Pal Dardai? Und was kann er? Mehr sein als ein Retter wie in der vergangenen Rückrunde, als der 39-Jährige den Klub vor dem Abstieg bewahrte? Die ersten beiden Pflichtspiele der Saison hat Dardai mit seinem Team auswärts gewonnen. Nun trifft der Ungar am Freitag auf Werder Bremen im Olympiastadion (20.30 Uhr/Sky und im Liveticker bei immerhertha.de), und ein Start nach Maß winkt. Ein Gespräch über Weiterentwicklung und Bauchgefühl.

Berliner Morgenpost: Herr Dardai, kann man sagen, dass Sie mittlerweile wieder in Form sind, nachdem Sie zu Beginn der Saisonvorbereitung – sagen wir – etwas wattiert zurückgekehrt waren?

Pal Dardai: (schmunzelt) Nein, ein paar Kilo müssen noch runter. Ich war mit der ungarischen Nationalelf zwei Wochen im Trainingslager. Da gab es, wenn die Spieler im Bett waren, für uns Trainer immer ungarische Salamiplatte. Danach hatte ich ordentlich Kilo drauf, und meine Frau schimpfte mit mir. Aber jetzt hat die Saison angefangen, und da muss ich besser aussehen.

Wir dachten, das lag am Stress. Wenn man Ihre Mannschaft heute mit der in der Rückrunde vergleicht, dann hatten Sie offenbar viel Arbeit. Sie spielt jetzt endlich Fußball, wo vorher nur verteidigt wurde.

Ich hätte gern schon in der vergangenen Rückrunde so spielen lassen, aber das war zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Die Mannschaft stand so unter Druck, dass es erst einmal wichtig war, Vertrauen zu geben und gut zu verteidigen. Für Spielfähigkeit braucht man Selbstvertrauen. Das hatten wir nicht. Für diese Saison habe ich mir vorgenommen, dass wir einen kontrollierten Fußball spielen. Aber ich musste das Team erst einmal überzeugen, dass es das kann.

Wenn Sie Pal Dardai, den Jugendtrainer, im Januar anschauen, und Pal Dardai, den Profitrainer, heute: Wo hat es die größte Weiterentwicklung gegeben?

Am wichtigsten war, dass ich schon die Nationalmannschaft trainierte, bevor ich zu den Profis kam. Dadurch habe ich einen riesigen Sprung gemacht. Was meine Trainingsmethoden angeht, hat sich nicht viel verändert: Ich habe schon bei den Kindern dieselben Übungen trainieren lassen und sie sogar selbst mitgemacht, um zu schauen, ob die Spieler dafür den Kopf anstrengen müssen, oder nicht. Im Spiel müssen Spieler ihren Kopf benutzen. Sonst wird es schwierig.

Aber wie haben Sie sich persönlich unter dem Druck weiterentwickelt?

Ich verstehe nicht, warum immer alle von Druck reden. Ich habe keinen Druck. Ich hasse es nur zu verlieren. Dann gehe ich nach Hause, ärgere mich, und meine Familie leidet darunter, weil ich Selbstgespräche führe. Neulich habe ich mich zum Beispiel geärgert, als ich beim Training mitgespielt habe und meine Mannschaft auch noch gewonnen hat. Warum grätschen die Spieler mich nicht um? Wie kriege ich das hin, dass die sich das von mir nicht gefallen lassen? Darüber habe ich gegrübelt. Aber Druck empfinde ich nicht.

Sie haben aber kaum Trainer-Erfahrung.

Das ist doch nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich mich immer gut vorbereite und alles gebe. Dann brauche ich mir auch keinen Druck machen. Ich werde immer ein halber Trainer und ein halber Spieler sein. Vielleicht bin ich noch unerfahren als Trainer, aber ich bin sehr erfahren als Spieler. Und diese Erfahrung gebe ich weiter.

Sind Sie jemand, der viel Videoanalysen und Taktikschulung macht?

Nein. Unser Co-Trainer, Rainer Widmayer, macht das. Für mich ist wichtig, dass wir körperlich und mental richtig vorbereitet sind. Dazu kommt dann Rainers Analyse. Wenn beides zusammenpasst, kann man gegen viele Gegner bestehen. Ich schließe mich jedenfalls nicht zu Hause ein und schaue nur Videos vom Gegner.

Sie sind der jüngste Trainer der Liga, und ihre Trainergeneration um Thomas Tuchel steht ja eigentlich eher für diese Taktikbesessenheit. Liegt man falsch, wenn man Sie dagegen einen Praktiker nennt?

Ich sage Ihnen eins: Wenn wir im Trainerteam über das vergangene Spiel sprechen, mache ich die Augen zu und sage: Rainer, die oder die Szene musst du dir noch einmal ansehen. Andere Trainer müssen dafür vielleicht noch mal das Video studieren. Ich habe es im Gefühl. Das hatte ich schon als Spieler. Ich habe früher immer die Bälle im Mittelfeld geklaut, und die Leute dachten: Der Dardai ist zweikampfstark. Aber das stimmte gar nicht. Ich hatte nur den Blick für das Spiel.

Kommen wir zu Ihrer Mannschaft: Sie hat zweimal zum Saisonstart gewonnen (gegen Bielefeld im Pokal und in Augsburg in der Liga). Aber ganz zufrieden wirkten Sie nicht. Was fehlt dem Team noch?

Schnelligkeit. Nach schnellen Spielern suchen wir noch. Aber: Wenn ich mir die Mannschaft ansehe, wie sie gemeinsam arbeitet, dann geht das zur Not auch mit diesen Spielern. Sie haben die Laufbereitschaft und benutzen ihren Kopf. Das brauchst du in der Bundesliga. Wie war das denn früher bei Robin Hood? Raus aus dem Wald, schnell zuschlagen, und dann wieder verstecken. Mit Köpfchen musst du das Beste aus deiner Situation machen, selbst wenn du mal unterlegen zu sein scheinst.

Sie machen das gern: lustige Vergleiche ziehen und Geschichten erzählen. Muss ein Trainer heute im Umgang mit der Presse auch irgendwie Clown sein – vorn für ein paar schöne Lacher sorgen, um vom Hintergrund abzulenken?

Ich bin kein Schauspieler. Ich gebe mich so, wie ich bin. Aber man muss auch ein bisschen mit den Menschen umgehen können. Ich habe das von meiner Mutter. Sie war Kindergartenerzieherin. Dennoch verstelle ich mich nie. Vielleicht bin ich deshalb auch anstrengend für manche. Aber wenn sie mich bei Hertha irgendwann mal rausschmeißen sollten, kann ich sagen: Sie haben mich rausgeschmissen – und nicht einen Typen, den ich selbst nicht mehr erkenne.

Hat es Ihnen leid getan, dass Sie die ungarische Nationalelf abgeben mussten?

Wenn etwas vorbei ist, egal wie schwierig das in diesem Moment sein mag, dann muss man einen Schlussstrich ziehen und nach vorn schauen. Auf lange Sicht hätte die Doppelfunktion ohnehin nicht funktioniert.

Sie haben bei Hertha vorerst nur einen Ein-Jahres-Vertrag als Cheftrainer erhalten, und einen unbefristeten als Jugendtrainer. Wie gehen Sie damit um?

Unser Manager Michael Preetz hat mich gefragt, wie mein Plan ist. Er wusste, dass ich nicht zocken wollte. Ich habe ihm gesagt: Meine Kinder sind noch klein. Ich will die nächsten Jahre in Berlin bleiben. Wenn ich mit den Profis scheitern sollte, will ich wieder in den Nachwuchs zurückkehren. Das wäre für mich okay, denn ich bin jetzt nicht hochnäsig geworden. Wenn ich es aber gut mache, verlängert sich mein Vertrag.

Sie hätten ja auch mehr Vertrauen und einen längeren Vertrag einfordern können.

Das brauche ich bei Hertha nicht machen. Es ist eine logische Entscheidung: Bin ich gut, bleibe ich Cheftrainer. Bin ich nicht gut, gehe ich zurück zu den Kindern. Das Schönste wäre, wenn ich ein paar Jahre bei den Profis arbeiten, dann zurück zum Nachwuchs gehen und irgendwann noch einmal die Nationalmannschaft trainieren könnte. Dann mache ich Schluss. Hertha und Ungarn. Mehr brauche ich nicht.

Sie spielen nun gegen Bremen. Der dritte Sieg im dritten Pflichtspiel wäre möglich. Wann wäre der Start für Sie ein guter?

Erst nach fünf Spielen kann man sagen, ob wir gut gestartet sind, oder nicht. Die Siege in Bielefeld und Augsburg haben gut getan. Aber wir sollten schön auf dem Boden bleiben.

In der Vorbereitung hatte man dagegen eher kein gutes Gefühl, was Herthas Aussichten betrifft. Hatten auch Sie Zweifel?

Zum Anfang der Vorbereitung war ich vorsichtig. Aber dann sind wir ins Lauftrainingslager nach Bad Saarow gefahren. Das Training dort war extrem hart, sodass ich selbst manchmal Mitleid mit den Spielern hatte. Doch die haben das alle durchgezogen. Und ich dachte: Hoppla, ich habe es hier ja mit richtig guten Mentalitäten zutun. Die Jungs wollen. Die zerreißen sich. Die Mannschaft hat mich überzeugt. Letzte Saison hat sie zusammen überstanden. Nun das harte Training. Das schweißt zusammen. Und sie hat verstanden, wie wir Fußball spielen wollen. Wenn wir weiter so an uns arbeiten, haben wir eine ordentliche Zukunft vor uns.

Sie haben nun das erste Heimspiel. Zuletzt gab es zu Hause nicht gerade Feinkost.

Ich selbst bin gespannt, wie die Mannschaft mit dem Druck zu Hause umgehen wird. In Bielefeld und Augsburg hat es geklappt. Klappt es auch zu Hause gegen Bremen, bin ich beruhigt. Wenn nicht, habe ich Arbeit vor mir. Mein Team muss sich vertrauen.

Wo landet Hertha am Ende der Saison?

Platz sieben bis 14. Dazwischen ist für uns alles möglich.