Ein-Jahresvertrag

Hertha schenkt Dardai Vertrauen und lässt sich eine Hintertür

Pal Dardai bleibt Hertha-Trainer. Der Verein will mit der Formulierung „unbefristeter Vertrag“ Treue signalisieren. Aber der Cheftrainerkontrakt ist zunächst auf ein Jahr befristet. Und das hat Gründe.

Foto: TOBIAS SCHWARZ / AFP

Das Foto hatte Symbolcharakter, und das sollte es auch. Um kurz vor 10 Uhr am Freitag sendete Herthas Manager Michael Preetz über Twitter ein Bild. Zu sehen waren der 47-Jährige und Pal Dardai vor einem unterschriebenen Arbeitsvertrag. Die beiden grinsten – Preetz noch ein bisschen mehr als Dardai. Zum Foto schrieb Preetz: „Die Tinte ist gerade trocken. Pal Dardai ist unser neuer Cheftrainer!“

Damit bestätigte der Geschäftsführer Sport, was bereits am Donnerstagabend durchgesickert war (Morgenpost berichtete): Dardai, der am 5. Februar das Profiteam auf Tabellenplatz 17 von Vorgänger Jos Luhukay als Interimstrainer übernommen und zum knappen Klassenerhalt in der Bundesliga geführt hatte, erhält einen festen Cheftrainer-Vertrag. Und alle sind froh. Das war die Botschaft des Fotos. Dardai wird in Zukunft deutlich höhere Bezüge erhalten.

Für 2016 hat der Klub eine einseitige Option

Doch es gab offene Fragen. Drei Stunden nach der Bekanntgabe von Manager Preetz publizierte Hertha BSC eine Mitteilung auf der Vereinshomepage. Darin heißt es, Dardai habe „einen unbefristeten Vertrag unterschrieben“. Das klang wie ein außerordentliches Treuebekenntnis zum 39-Jährigen, als ob der bei den Fans beliebte Trainer nun die Profis sehr lange wird betreuen dürfen. Ein großer Vertrauensbeweis also. Aber wer genau hinsah, erkannte: Von einem „unbefristeten Cheftrainer-Vertrag“ stand da nichts. Und das hat Gründe: Tatsächlich hat Dardai bei Hertha den kürzestmöglichen Cheftrainer-Vertrag erhalten.

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Nach Informationen der Morgenpost wurde dem Präsidium des Vereins in dieser zustimmungspflichtigen Personalie von der Geschäftsführung folgende Vertragskonstruktion für Dardai vorgelegt: Der Ungar erhält einen Cheftrainer-Vertrag für zwölf Monate. Zudem hält Hertha im kommenden Sommer die einseitige Option, den Kontrakt verlängern zu können.

Die Zielstellung für Dardai lautet bis dahin Klassenerhalt. Auf Morgenpost-Anfrage, ob diese Konstruktion zutreffend sei, sagten Präsident Werner Gegenbauer und Manager Preetz unisono: „Es ist ein unbefristeter Vertrag mit Pal Dardai. Über weitere Details geben wir keine Auskunft.“ Auch hier findet sich die Formulierung „unbefristeter Cheftrainer-Vertrag“ nicht.

Symbolischer Rückenwind für die neue Saison

Die Worte der Verantwortlichen sind sehr bewusst gewählt, und falsch sind sie nicht: Dardai hatte vor seiner Berufung zum Profitrainer bereits einen unbefristeten Vertrag – als Nachwuchscoach. Er betreute zuvor Herthas U15. Die Brücke, über die der Klub nun geht, verläuft so: Falls Dardai bei den Profis scheitern sollte, könnte er zurück in seine frühere Funktion als Jugendtrainer gehen – zu den alten Konditionen. Hertha müsste ihn nicht entlassen. Das bedeutet der „unbefristete Vertrag“.

Mit dem erweckten Eindruck, dass Dardai nun der Mann für die Zukunft des Vereins ist und lange als Cheftrainer gesetzt sein wird, will Hertha ihm demonstrativ Rückenwind für die Herausforderungen in der kommenden Saison verschaffen. Es soll nach größtmöglichem Vertrauen Dardai gegenüber aussehen. Tatsächlich aber hat Preetz für den Verein eine Hintertür eingebaut – und das ist klug, denn es ist zum Wohle des Hauptstadt-Klubs.

Kein großes finanzielles Risiko für Hertha

Die Aufgabe der Geschäftsführung ist es, dafür zu sorgen, dass Hertha handlungsfähig bleibt. Dardai ist ein junger, unerfahrener Trainer. Gerade einmal 15 Bundesligaspiele umfasst seine Bilanz. Zuletzt wurde sieben Mal nicht gewonnen und im Endspurt nur ein Punkt aus fünf Spielen geholt. Niemand kann aktuell seriös sagen, ob Dardai der richtige Mann für die Zukunft ist. Seine Aufgabe war es, die Klasse zu halten. Das ist ihm gelungen. Ob er aber auch ein Team, das so viele Baustellen hat wie Herthas, weiterentwickeln kann, muss Dardai in der anstehenden Spielzeit beweisen.

Preetz glaubt daran, dass mit Dardai der Erfolg zurückkommt. Aber für den Fall, dass es nicht funktioniert, hat er mit dem Jahresvertrag für den Trainer Vorkehrungen getroffen: Dardai würde im Falle des Scheiterns, wenn er denn will, in den Nachwuchs zurückkehren. Und Hertha hätte ein geringeres finanzielles Risiko. Dardai ist seit 1997 im Verein. Hätte ihm Hertha tatsächlich einen unbefristeten Cheftrainer-Vertrag gegeben und müsste ihn dann entlassen, käme eine sehr hohe Abfindungsforderung auf den Verein zu.

Bleibt Dardai auch Ungarns Nationaltrainer?

Preetz war in der Vergangenheit immer mal wieder vorgeworfen worden, dass er sich zu sehr seinen Trainern ausliefere. Das war bei Luhukay so und auch bei Markus Babbel. Diesmal soll es nicht so sein. Preetz hat in seinem Statement auf der Vereinshomepage zum neuen Vertrag für Dardai daher formuliert: „Von Beginn an war es unser Ziel, dass die Konstellation mit Pal Dardai auch über das Saisonende hinaus trägt.“ Und: „Wir freuen uns, dass wir die neue Spielzeit gemeinsam in Angriff nehmen können.“ Darin geht es lediglich um die kommende Saison – genau der Zeitraum also, für den Dardai laut Vertrag vorerst Cheftrainer sein wird.

Dardai bekundete, dass die Aufgabe für ihn „eine Herzensangelegenheit“ sei. Und: „Jeder weiß, dass für mich ein Traum in Erfüllung geht.“

Eine weitere Frage ist die nach Dardais Engagement als Trainer der ungarischen Nationalelf: Aktiviert Hertha die Klausel in seinem Vertrag, nach der dieser sein Amt im Sommer niederlegt und ausschließlich Trainer bei den Berlinern ist? Oder gibt es noch Klärungsbedarf mit dem ungarischen Verband MLSZ?