Bundesliga

Jetzt kommt Herthas neue Unerschütterlichkeit ins Spiel

Der Berliner Fußball-Bundesligist trotzt beim Unentschieden in Hannover allen Widerständen. Sechs Spiele ohne Niederlage haben bei Hertha neue Qualitäten geweckt – besonders bei einem Offensiv-Akteur.

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Auch wenn die Nacht extrem kurz war: Pal Dardai strahlte am Tag nach dem 1:1 (0:0) bei Hannover 96 mit der Sonne um die Wette. Seine Spieler hatte der Hertha-Trainer noch nach der Ankunft in Berlin um 2.30 Uhr zum Auslaufen gebeten, damit sie anschließend zweieinhalb Tage ausspannen können. „Die liegen wahrscheinlich noch im Bett“, mutmaßte der 39-Jährige. Ein breites Grinsen konnte er sich nicht verkneifen.

Er selbst war am Samstagvormittag schon wieder auf Fußball eingestellt. „Sonnenschein, grüner Rasen, und gleich findet auf dem Olympiagelände ein U13-Turnier statt – natürlich bin ich heute glücklich“, sagte der Coach, der offiziell ja immer noch als Jugendtrainer beim Berliner Fußball-Bundesligisten angestellt ist.

Tiefenentspannt wirkte der Ungar. Wenig verwunderlich nach dem sechsten Spiel in Folge ohne Niederlage, einer Erfolgssträhne, die das Selbstbild der Mannschaft spürbar verändert hat. Die Körpersprache seiner Profis sei schon beim Warmmachen viel besser gewesen als vor ein paar Wochen, hatte Dardai beobachtet. Mehr als eine Schönwetter-These. Tatsächlich gelang den Hertha-Profis in Hannover ein eindrucksvoller Nachweis ihres neuen Selbstvertrauens.

Plan B bei Gegentoren geht auf

Dass es gegen die nach elf sieglosen Spielen in arge Abstiegsgefahr geratene 96er ein Spaziergang werden würde, hatte zwar kein Herthaner erwartet. Dass sich die Umstände am Freitag aber derart widrig gestalten würden, war auch nicht vorherzusehen. Da waren zum einen die fragwürdigen Entscheidungen von Schiedsrichter Marco Fritz.

Dreimal forderten die gut 2000 mitgereisten Hertha-Fans unter den 46.000 Zuschauern vehement einen Strafstoß, dreimal ließ der Unparteiische weiterspielen. Zumindest eine der drei Szenen – Valentin Stocker war nach 42 Minuten von Christian Schulz zu Fall gebracht worden – sorgte für reichlich Diskussionsstoff. Aufregen wollte sich deshalb aber niemand bei Hertha. Daraus einen Skandal zu machen, sagte Dardai, bringe nichts. „Wegen so einer Szene steigt man nicht ab.“

Mund abputzen, weitermachen. So wie nach dem 0:1, als der 96er Schulz den Ball eine Viertelstunde vor Schluss nach einem Eckball in ihr Tor bugsierte. „Wir haben einen Plan B für den Fall, dass wir ein Gegentor kassieren“, erklärte Dardai. Die Herthaner verschoben ihr Spiel nun nach vorne und setzten Hannover so unter Dauerdruck. „Das sah sehr gut aus“, befand Dardai, „aber das kann man nur acht bis zwölf Minuten durchhalten.“

Valentin Stocker erlebt ersten Berliner Frühling

Die Belohnung für diesen Kraftakt ließ nicht lange auf sich warten. Valentin Stocker hämmerte den Ball nach einem halbherzig abgewehrten Freistoß von Per Skjelbred aus 20 Metern im Fallen ins Netz (83.). Dass sich Hannover danach ein letztes Mal verbissen aufbäumte, ließ die Berliner kalt. „Unsere Brust ist inzwischen ein ganzes Stück weiter nach vorne gewandert“, meinte Torwart Thomas Kraft.

Kein Spieler im Berliner Kader verkörpert die neue Unerschütterlichkeit besser als Stocker – der kleingewachsene Schweizer blüht derzeit auf wie die Frühlingsblumen rund ums Olympiagelände. Unter Dardais Vorgänger Jos Luhukay blieb der 25-Jährigen oft hinter den Erwartungen zurück, Kritiker kanzelten ihn bereits als Fehleinkauf ab. Nun ist Stocker für Hertha wichtiger denn je. Manchmal brauche man ein erstes Tor, damit weitere folgen, hatte Manager Michael Preetz nach Stockers Premierentreffer gegen Paderborn gesagt. Er sollte recht behalten.

Dardai sagt, er sei von Stocker schon im ersten Training begeistert gewesen. Der zahlt das in ihn gesetzte Vertrauen mit großem Engagement zurück. In Hannover absolvierte Stocker die zweitbeste Laufleistung im Team und die drittmeisten Sprints – von seinem Treffer Marke „Tor des Monats“ ganz zu schweigen.

Selbstvertrauen durch Stabilität

Mit dem Rampenlicht hat Stocker allerdings so seine Probleme. Statt sich feiern zu lassen, analysiert er nüchtern die Gründe für sein aktuelles Hoch. Die defensive Stabilität, sagt Stocker, gebe ihm vorne mehr Freiheiten, „andernfalls könnte ich nicht so frei aufspielen.“

Drei Gegentore in sechs Spielen – auf Herthas Abwehrarbeit ist inzwischen Verlass. Und während das eigene Selbstbewusstsein wächst und wächst, schrumpft die Zuversicht der Gegner. „Wir bekommen mehr Respekt und können deshalb besser Fußball spielen“, sagt Dardai.

Mit nun 33 Punkten sind die Berliner den Abstiegskandidaten einen weiteren Schritt enteilt. Vom „sicheren Klassenerhalt“ wollen aber weder Stocker noch Dardai etwas wissen. „Unsere Konzentration richtet sich jetzt auf Köln“, sagte der Trainer. Es bedarf nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, welcher der beiden Kontrahenten sich vor dem Duell am Sonnabend die größeren Sorgen macht.