Hertha BSC

Tolga Cigercis Erlösung mit rosa Bademantel

Nach 314 Tagen und einer komplizierten Verletzung spielt Tolga Cigerci erstmals wieder für Hertha. Sein Trainer Pal Dardai geht das Risiko des frühen Einsatzes ein, weil „er hat, was wir brauchen“.

Foto: GES-Sportfoto / pA/GES-Sportfoto

Die Beine schmerzten, als Tolga Cigerci am Morgen nach dem 0:0 gegen den VfB Stuttgart am Flughafen in Schwaben hockte. Und dann kam auch noch diese Partytruppe vorbei. Ein junger Kerl im rosa Bademantel wurde von seinen Kumpels zum Gate befördert. Die Augen verbunden. Kopfhörer auf dem Schädel. Ein Junggesellenabschied, bei dem der Zukünftige nicht merken sollte, wohin es geht.

Die Bagage erblickte Cigerci. Ein Foto? Klar. Cigerci lehnte sich an den nichts ahnenden rosa Bademantel, grinste in die Kamera, und man konnte sich vorstellen, dass das dann bald eine schöne Überraschung geben wird.

Eine schöne Überraschung gab es zuvor auch für Cigerci. Es war ja schon eine, dass der 22-Jährige überhaupt im Kader für das Abstiegsduell stand. Die Reisetasche hatte er – nichts ahnend – „nur zur Sicherheit“ mit zum Abschlusstraining genommen. Als Pal Dardai, Herthas Trainer, ihn dann trotz der nur anderthalb Wochen im Mannschaftstraining nach zehn Monaten Verletzungspause nominierte, „da habe ich gehofft, dass ich vielleicht zehn Minuten spielen darf“, sagte Cigerci.

„Die schlimmste Zeit meines Lebens“

Es wurden 45 plus acht Minuten Nachspielzeit. Dardai nahm John Heitinga nach der ersten Halbzeit vom Platz, weil der gelernte Innenverteidiger erstens gelb-rot-gefährdet und zweitens eine Fehlbesetzung im zentralen Mittelfeld war. Zur Halbzeit fragte der Trainer Cigerci: Kannst du? „Da sage ich ja nicht nein, selbst wenn ich nicht gekonnt hätte“, erzählte der Mittelfeldspieler später.

Wobei ein Nein auch nachvollziehbar gewesen wäre. 314 Tage lang hatte er nicht mehr auf dem Spielfeld gestanden. Eine komplizierte Zehenverletzung warf den Deutsch-Türken oft zurück. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens“, sagte Cigerci. „Deshalb ist das für mich jetzt wie eine Erlösung“. Auch wenn die Puste noch nicht wieder zurück sei. Die eine Halbzeit habe er gerade so überstanden, „aber für 90 Minuten reicht es noch nicht“.

Carboneinlage im Schuh soll die Angst nehmen

Cigerci trägt eine Carboneinlage im Schuh, damit der Zeh nicht komplett durchgedrückt werden muss. „Das nimmt mir die Angst“, sagte er. Angst hatte Dardai zwar auch, als er sich entschied, Cigerci schon so früh wieder einzusetzen. „Normalerweise war das Risiko zu groß“, sagte der Ungar. Aber andererseits gehe es gerade auch um Herthas Existenz in der Bundesliga. „Und Tolga hat, was wir brauchen: Er kann ein Spiel lesen.“

Ob er denn sein Comeback ein bisschen feiern würde, wurde Tolga Cigerci noch gefragt. Muss ja nicht gleich im rosa Bademantel sein. „Nein“, antwortete er und schaute ernst. „Ich kann feiern, wenn wir drin bleiben.“