Hertha-Gegner Bremen

Wie Werder aus der Not eine Jugend gemacht hat

Unter Trainer Viktor Skripnik setzt Herthas kommender Gegner Werder Bremen auf den eigenen Nachwuchs. Eine Maßnahme, die sich im eigenen Stadion schon bewährt hat – aber auch große Risiken birgt.

Foto: Fredrik Von Erichsen / picture alliance / dpa

Viktor Skripnik ist Realist. Über Erfolgsrechnung sagt der Trainer von Werder Bremen: „50 Prozent macht der Kader aus, 30 Prozent der Trainer und 20 Prozent sind Glück.“ Eine Faustformel, die sein Co-Trainer Torsten Frings erst kürzlich von seiner Fußballlehrer-Ausbildung mitgebracht hat. Demnach haben 70 Prozent des Erfolgs nichts mit dem Trainer zu tun. Die Bremer Fans sehen das allerdings anders. Sie feiern Skripnik seit dessen Dienstantritt im Oktober als neuen Heilsbringer.

Zu seiner ersten Trainingseinheit pilgerten damals 1000 Zuschauer. Nach der Trennung von Vorgänger Robin Dutt, der in den ersten neun Saisonspielen nur vier Punkte holte, lechzte die grün-weiße Fan-Seele nach einem Neuanfang. Und dass dieser nach einem Bremer Erfolgsmuster aus der Vergangenheit verlief, schürte Hoffnung. Zur Erinnerung: 1999 hatte an der Weser ein gewisser Thomas Schaaf das Ruder übernommen und den Klub von einem Abstiegskandidaten zum Champions-League-Stammgast gewandelt.

Die Parallelen zwischen Schaaf und seinem Nach-Nachfolger Skripnik sind unverkennbar. Beide trugen lange Jahre selbst das Trikot des SVW, beide trainierten zunächst verschiedene Jugendteams im Klub und arbeiteten sich bis zur U23 hoch. Und: So wie Schaaf 15 Jahre zuvor gelangen Skripnik drei Siege zum Einstand. „Es gab kein bestimmtes Erfolgsgeheimnis“, sagt Skripnik der Morgenpost. „Wir hatten auch ein bisschen Glück. Durch die Erfolge hat die Mannschaft aber endlich wieder Selbstvertrauen getankt.“

Defizite ohne Ende

Dass Werder danach einige Rückschläge einstecken musste und nach wie vor im Abstiegskampf steckt, konnte aber auch Skripnik nicht verhindern. In der Tabelle stehen die Bremer derzeit auf Rang 16. 39 Gegentore haben sie in der Hinrunde kassiert – mehr als jedes andere Team. Ein Problem, das Skripnik auch in der Winterpause nicht so recht in den Griff bekam. „Wir haben noch Defizite ohne Ende“, sagt der Ukrainer. In den fünf Testspielen, von denen Werder vier gewann, gab es zehn Gegentore.

Analysiert man die 30 Prozent, die laut Skripnik der Trainer zu verantworten hat, fallen vor allem zwei Dinge ins Auge. Erstens: Dem 45-Jährigen ist es gelungen, bei Werder neue Begeisterung zu entfachen. Mittelfeldspieler Zlatko Junuzovic sagt, das Trainerteam habe der Mannschaft das „Werder-Gen“ eingepflanzt.

Klingt nach gefühlsduseliger Vereins-Folklore, ist im Fall von Skripnik und Frings aber nicht von der Hand zu weisen. Skripnik wirkt seit 18 Jahren im Verein, Frings hat sich in zwölf Spielzeiten den Ruf einer Klub-Ikone erspielt. Über Werders Historie sprechen sie fast jeden Tag, sagt Skripnik. „Die Spieler spüren, dass wir uns voll und ganz mit Werder identifizieren.“

Ein Händchen für den eigenen Nachwuchs

Noch auffälliger ist allerdings Skripniks Händchen für den eigenen Nachwuchs. Stürmer Davie Selke und Abwehrtalent Marnon Busch, beide 20, bekamen zwar schon unter Dutt eine Bewährungschance. Unter Skripnik durften sich jedoch noch fünf weitere Eigengewächse probieren. Vor heimischem Publikum klappte das meist. Gegen Paderborn, Hannover oder Dortmund avancierte die junge Offensivriege um Selke, Melvyn Lorenzen und Levent Aycicek zu den Matchwinnern.

Skripniks Vorteil: Er kennt die Youngster aus der U23. „Früher oder später müssen diese Spieler schwimmen lernen“, sagt er. Als Spieler wie der inzwischen genesene Stürmer Franco di Santo verletzt ausfielen, habe er sie einfach ins kalte Wasser geschmissen – ein Schritt, der Mut erforderte. „Es hätte auch schief laufen können“, meint Skripnik. „Dann wäre ich vielleicht schon nicht mehr Trainer.“

Sein Berliner Kollege Jos Luhukay kennt die Schwierigkeiten in der Talentförderung zur Genüge. Eigengewächs Hany Mukhtar verließ Hertha gerade erst gen Lissabon, Verteidiger John Brooks wurde mehrfach wegen fehlender Konstanz gerüffelt. Auch Skripnik wünscht sich, dass Selke „nicht nur einmal im Monat gut spielt, sondern zwei- oder dreimal“.

Skripniks Jugendstil – er war ein Stück weit auch aus der Not geboren. Dennoch scheinen die Bremer den eingeschlagenen Weg weitergehen zu wollen. Dass im Winter erfahrene Spieler wie Eljero Elia, Nils Petersen und Ludovic Obraniak verliehen wurden, lässt sich als Bekenntnis zum Nachwuchs werten.

Vergangenheit mit Luhukay

Mit Levin Öztunali (Leihgabe aus Leverkusen) hat sich Werder in der Winterpause ein weiteres U19-Europameister-Talent (und den Enkel von Uwe Seeler) geschnappt. Ob der 18 Jahre alte Mittelfeldspieler eine Verstärkung sein wird, bleibt aber abzuwarten. Jannik Verstergaard, der am Dienstag von der TSG Hoffenheim kam, könnte hingegen eine Alternative für das anfällige Abwehrzentrum sein. „Er strahlt körperliche Präsenz aus und ist taktisch sehr gut ausgebildet“, sagt Skripnik.

Auf den Rückrundenstart gegen Hertha am Sonntag (15.30 Uhr, Sky) freut sich der frühere Nationalspieler übrigens ganz besonders. Mit Hertha-Coach Luhukay machte er 2007 die Fußballlehrer-Lizenz. „Jos war damals Trainer in Gladbach“, sagt Skripnik.

„Er macht einen richtig guten Job und hat uns damals viel aus seinem Alltag erzählt – das hat mich fasziniert.“ Bei aller Verbundenheit: Die für beide Teams so wichtigen Punkte wird Skripnik nicht herschenken wollen. Im Weserstadion hat Werder unter seiner Leitung schließlich noch nie verloren.